Angst überwinden und Muskeln aufbauen - Hand in Hand geht beides beim Klettern

hzFit in Dortmund

2020 wird bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio erstmals um Medaillen geklettert. Was es als Freizeitsport bringt? 17 Meter über Dorstfeld suchte Paulina Würminghausen Antworten.

Dortmund

, 23.09.2018, 16:50 Uhr / Lesedauer: 4 min

„Nicht nach unten gucken“, sage ich zu mir selbst. Meine Hände zittern und ich habe das Gefühl, ich würde jeden Moment einen Krampf im Fuß bekommen. Ich greife zu dem nächsten Klettergriff, den ich gerade so noch mit meinem Daumen und Zeigefinger umklammern kann. Dann ziehe ich das Bein nach, rutsche fast ab. Zum Glück trage ich einen Klettergurt, der an einem Seil befestigt ist. Irgendwie gucke ich dann doch nach unten. 17 Meter. Höher ist nur der Hannibal hinter mir. Und ich dachte immer, ich wäre schwindelfrei.

Zehn Minuten vorher stehe ich noch auf dem sicheren Boden am Kletterturm in Dorstfeld. Ich soll testen, wie es ist, zu klettern. Gregor Jochmann steht vor mir, er ist beim Deutschen Alpenverein. Seit sieben Jahren klettert er. In Kletterjahren ist das nicht wirklich viel. „Ich kann auch nicht alle Routen hier klettern“, sagt der 34-jährige und zeigt auf die verschiedenfarbigen Klettergriffe.

Am Anfang kann man erst mal die leichten, nicht so kraftaufwendigen Routen klettern. „Jeder, der Spaß an Bewegung hat, kann klettern“, sagt Gregor Jochmann.

Am Anfang kann man erst mal die leichten, nicht so kraftaufwendigen Routen klettern. „Jeder, der Spaß an Bewegung hat, kann klettern“, sagt Gregor Jochmann. © Oliver Schaper

Jede Farbe steht für einen anderen Schwierigkeitsgrad. Um vernünftig zu klettern, bräuchte ich Kletterschuhe: Die verhindern, dass ich mit den Füßen an den kleinen Klettergriffen hängen bleibe und sorgen generell für Stabilität. Fürs erste reichen aber meine normalen Sportschuhe; in einer Kletterhalle könnte man sich die passenden Schuhe für wenig Geld ausleihen.

Die übrige Sicherungsausrüstung hat mir der Alpenverein mitgebracht, auch sie könnte man sich in Hallen ausleihen. Gregor Jochmann fragt, ob ich mal geklettert bin. Tatsächlich bin ich schon ein paar Mal gebouldert, das ist wie Klettern ohne Sicherung und auf höchstens drei Metern Höhe. 17 Meter sind noch mal eine andere Nummer.

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Klettern ist der ideale Sport für Mutige

"Die besten Kletterer sind nicht die längsten Kerle oder die mit den meisten Muskeln, sondern die mit der größten Körperspannung", sagt Jürgen Domjahn. Er ist 1. Vorsitzender der Dortmunder Sektion des Alpenvereins und erklärt anhand einiger Eindrücke von der Kletterwand, was Klettern als Sport bringt.
20.09.2018
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"Beim Klettern trainiert man nie einzelne Muskelgruppen. Es ist immer ein Zusammenspiel" erklärt Jürgen Domjahn, 1. Vorsitzender des Dortmunder Alpenvereins die Vorzüge des Kletterns. © Oliver Schaper
"Der Haupttrainingseffekt beim Klettern bezieht sich dabei auf die Körperspannung, die der Sportler aufbauen muss", so Domjahn weiter. Es geht um Koordination und Gleichgewicht.© Oliver Schaper
Trainiert werden neben Arm- und Oberschenkelmuskeln auch die wichtige Rücken- und Bauchmuskulatur. Sie stärkt den Bewegungsapparat.© Oliver Schaper
Gesund sei Klettern deshalb, weil der Sportler immer im Verhältnis zu seinem eigenen Körpergewicht trainiere. Zu hohes Gewicht könne allerdings die Finger übermäßig belasten, so Domjahn.© Oliver Schaper
Wer mit dem Klettern beginnt, wird anfangs vor allem seine Unterarme spüren. "Wie bei jedem Sport muss man sich langsam reintrainieren", sagt Jürgen Domjahn.© Oliver Schaper
Deshalb spielt beim Klettern auch die Technik eine große Rolle. "Wenn man weiß, wie man sich zu bewegen hat, ist man gleich eine Ecke besser", sagt Domjahn.© Oliver Schaper
"Selbst Schwindelfreiheit ist etwas, was man trainieren kann", sagt der 1. Vorsitzende des Alpenvereins über mögliche Einschränkungen.© Oliver Schaper
Für die Mitglieder des Alpenvereins ist es aber vor allem die Kombination aus sportlicher Herausforderung und Naturerleben, die sie am Klettern reizt. Das Klettern an Klettertürmen oder in der Halle habe dabei eher turnerische Aspekte, sagt Domjahn.© Oliver Schaper

Aber ich muss mir keine Sorgen machen: Fürs Klettern brauche man so gut wie keine besonderen Fähigkeiten, sagt Jochmann. Die Kraft und auch die Kondition kämen mit der Zeit, am Anfang könne man erst mal die leichten, nicht so kraftaufwendigen Routen klettern. „Jeder, der Spaß an Bewegung hat, kann klettern“, sagt Gregor Jochmann.

Und natürlich sollte man einen Sicherungskurs gemacht haben. Denn Klettern geht immer nur zu zweit: Einer, der die Wand hochklettert - und einer, der unten steht und aufpasst, dass der andere nicht abstürzt. „Man muss dem Partner ziemlich stark vertrauen können, um sich von ihm sichern zu lassen“, sagt Gregor Jochmann. Das merke ich, als mir auf fast 17 Metern etwas die Düse geht. Immer wieder gucke ich mich um, ob mein Sicherungspartner - Heinz heißt er und mehr weiß ich über ihn nicht - wirklich aufpasst. Aber ich kann mich nicht beschweren.

Wichtige Sicherheitsregeln vorher in einem Kurs lernen

Ernsthafte Unfälle passierten nur sehr selten, sagt Gregor Jochmann. Es gebe Sicherheitsregeln, die man befolgen müsse, und wenn man das tue, könne nichts passieren. „Ich kriege höchstens zwischendurch mal eine Schramme am Bein, das ist alles.“ Umso wichtiger sei es am Anfang, die wichtigsten Regeln in einem Kurs zu üben.

Der Alpenverein in Dortmund trainiert häufig in Dorstfeld, er ist auch für die Instandhaltung des Kletterturmes zuständig. Aber im Prinzip kann jeder den Turm auf eigene Gefahr hochklettern. Deswegen seien die Griffe am Anfang des Turmes absichtlich etwas schwerer und weiter oben als üblich, erklärt Jochmann.

In die Kletterwand geht es nur gut gesichert. Damit dabei nichts passiert, gehören zum Klettern immer zwei: Der, der klettert - und der, der sichert.

In die Kletterwand geht es nur gut gesichert. Damit dabei nichts passiert, gehören zum Klettern immer zwei: Der, der klettert - und der, der sichert. © Oliver Schaper

Für mich haben mein Klettersicherer-Heinz und Gregor Jochmann die Griffe extra niedrig angeschraubt. Ein wenig unsicher taste ich jeden Griff ab, registriere, wie er sich anfühlt, wo ich hineingreifen muss.

Dann denke ich gar nicht mehr nach, denke nur an das Ziel: ganz oben anzukommen. Gregor Jochmann lässt mich erstmal meinen eigenen Weg nach oben suchen. Als ich fast oben angelangt bin und merke, wie hoch 17 Meter eigentlich sind und die Kraft langsam nachlässt, sagt er doch was. Von unten ruft er mir zu: „Lass dich einfach kurz zurück in den Gurt hängen, wenn du eine Pause brauchst.“ Ich traue dem ganzen Konstrukt noch nicht ganz und habe außerdem Angst, mich dann gar nicht mehr hochziehen zu können. Weiter geht’s. „Nur nicht nach unten gucken“, sag ich mir.

Höher und immer höher. 17 Meter über dem Boden geht Autorin Paulina Würminghausen doch ein wenig die Düse.

Höher und immer höher. 17 Meter über dem Boden geht Autorin Paulina Würminghausen doch ein wenig die Düse. © © Schaper

Man merkt relativ schnell, ob Klettern etwas für einen ist, sagt Jochmann. Er habe es direkt beim ersten Mal gewusst. Ein Freund habe ihn vor sieben Jahren mitgenommen, zwei Wochen später ist er das zweite Mal Klettern gegangen. „Und noch vor dem dritten Training hab ich mir meine eigene Kletterausrüstung gekauft.“ Um in den Sport reinzukommen, sei natürlich Trainieren notwendig: Kletterer haben häufig einen durchtrainierten Körper und viel Kraft, auch wenn man das nicht auf den ersten Blick sieht.

„Wenn man will, kann Klettern ein großer Bestandteil des Lebens werden“

Einmal die Woche sollte man trainieren, denn gerade durch die Regelmäßigkeit verbessere man sich schnell. Am besten sei es, eine feste Klettergruppe zu haben. Zwar ist man an der Kletterwand fast auf sich allein gestellt, aber: „Klettern ist ein sehr gemeinschaftlicher und sozialer Sport“, sagt Jochmann und wird zum ersten Mal etwas lauter, emotionaler. „Ich vertraue meinem Sicherungspartner total, weiß, wie er tickt.“

Sein ganzes Leben dreht sich um seine Leidenschaft: Er plant Urlaube danach, wo es die schönsten Gebirge gibt, fährt jedes Jahr mit seiner kleinen Klettergruppe weg. Er war schon in Gebirgen in Südspanien. In den Alpen in Italien. Er war auf griechischen Mittelmeerinseln und auf Malta. Man könnte sagen: Er hat halb Europa in der Vogelperspektive im Klettergurt gesehen.

„Wenn man will, kann Klettern ein großer Bestandteil des Lebens werden“, sagt Georg Jochmann. Bei ihm dreht sich alles um diese Leidenschaft.

„Wenn man will, kann Klettern ein großer Bestandteil des Lebens werden“, sagt Georg Jochmann. Bei ihm dreht sich alles um diese Leidenschaft. © © Schaper

„Wenn man will, kann Klettern ein großer Bestandteil des Lebens werden“, sagt er. Denn die Gemeinschaft ist groß: Der Deutsche Alpenverein ist die größte nationale Bergsteigervereinigung der Welt - zu dem Verein gehören aber auch Sportarten wie Wandern, Skifahren oder Mountainbike. Trotzdem sei Klettern auch eine Sportart, die man zwischendurch machen kann. „Das Schöne am Klettern ist: Die Erfolgserlebnisse sind gerade am Anfang ziemlich hoch“, sagt der 34-Jährige. Man verbessert sich schnell, kriegt ein Gefühl dafür, wie man sich bewegen muss.

Der Körper ist vollgepumpt mit Adrenalin

Ich bin auch erstaunlich schnell in den Sport reingekommen. Und obwohl meine Kraft nachlässt und ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas Höhenangst kriege, ist das Gefühl, als ich mich am letzten Klettergriff hochziehe, unglaublich. Erst jetzt merke ich, wie mein Körper mit Adrenalin vollgepumpt ist. Endlich geschafft. Unten angekommen zittern meine Hände noch, als mich Heinz fragt: „Noch einmal?“ - Warum eigentlich nicht?

  • Kletterturm Dorstfeld (Vogelpothsweg): Dort gibt es montags, mittwochs und freitags ab 18 Uhr bei gutem Wetter einen offenen Klettertreff vom Deutschen Alpenverein, den auch Nicht-Mitglieder besuchen können. Leihmaterial stellt der Verein nicht. Die Klettergruppe plant außerdem regelmäßige Fahrten in verschiedene europäische Klettergebiete. Wer noch Fragen zu der Klettergruppe hat, kann sich an Michael Tietz wenden: seldwyla@web.de
  • Kletterhalle Bergwerk (Emscherallee 33) - Leihgebühren für Schuhe 3,50 Euro, für einen Gurt 2,50 Euro
  • Boulderhalle Glücksgriff (Zum Lonnenhohl 14)
  • Neoliet (Flottmannstraße in Bochum)
In allen Hallen kann man Ausrüstung ausleihen. Gregor Jochmann und seine Kollegen vom Deutschen Alpenverein geben außerdem Kurse für Studenten an der TU Dortmund. Mehr Infos zum Verein unter Der Alpenverein in Dortmund
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