Tanja Bergmann ist eigentlich Reisekauffrau. Seit April trägt sie in sechs Nächten pro Woche Zeitungen im Dortmunder Süden aus. Corona hat das Leben der 32-Jährigen auf den Kopf gestellt.

Aplerbeck

, 30.09.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es ist Nacht in Aplerbeck. Der Himmel sternenklar, die Straßen leer. Nur auf dem Rewe-Parkplatz an der Wittbräucker Straße ist etwas Leben. Vier Männer und drei Frauen stehen dort. Reden. Warten. Eine von ihnen heißt Tanja Bergmann (32). Sie ist Zeitungs-Zustellerin bei Lensing Logistik, dem Unternehmen, das unter anderem die Ruhr Nachrichten herausbringt.

Kurzarbeit wegen Corona

Seit April ist sie jetzt schon dabei. Sechsmal pro Woche versorgt sie die Menschen im Dortmunder Südosten nachts mit ihren abonnierten Zeitungen. Vorher, vor Corona, hat sie Menschen in Schwerte tagsüber mit Urlaub versorgt. Gelernt hat Tanja Bergmann Reiseverkehrskauffrau. Einen anderen Beruf hat sie seit der Ausbildung nicht ausgeübt. Er hat ihr Spaß gemacht. „Ich habe meinen Job geliebt“, sagt sie.

Doch dann kam Corona. Die meisten Länder schlossen ihre Grenzen, verhängten Ausgangssperren. Der Flugverkehr stand still und mit ihm eine ganze Branche. Tanja Bergmanns Arbeitskraft war plötzlich nicht mehr gefragt. „Das kam unerwartet“, sagt sie.

Seit April versorgt Tanja Bergmann die Aplerbecker mit Zeitungen.

Seit April versorgt Tanja Bergmann die Aplerbecker mit Zeitungen. © Anne Schiebener

Seit März ist die aufgeweckte Frau mit den langen blonden Haaren zu 100 Prozent in Kurzarbeit. „Um weiterhin gut über die Runden zu kommen, musste ich mir einen Minijob suchen“, sagt sie. Denn nur das Kurzarbeitergeld reicht auf Dauer nicht. Ihre Schwester und eine Freundin, die beide bei Lensing Media arbeiten, brachten sie auf die Idee, sich als Zustellerin zu bewerben. Anfang April stand Tanja Bergmann zum ersten Mal nachts um kurz vor 1 Uhr auf dem Rewe-Parkplatz und wartete auf ihre erste Tour.

Mit Schlager und Bibi Blocksberg durch die Nacht

Und da steht sie auch in dieser lauen Nacht Ende August. Geschlafen hat sie vor ihrer Schicht nicht. Das macht sie nie. Eigentlich. Manchmal schläft sie doch für eine Stunde ein. „Dann bin ich aber meistens noch geräderter, als wenn ich wach bleibe“, sagt sie. Gewöhnt hat sich Tanja Bergmann an den neuen Rhythmus auch nach vier Monaten noch nicht. „Ich bin Nachteule und Morgenmensch in einer Person“, sagt sie.

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Auf dem Parkplatz in Aplerbeck fährt ein großer, weißer Van vor. Zeitungsstapel werden ausgeladen und an die wartenden Zusteller verteilt. Tanja Bergmann packt die Zeitungen zum Sortieren in den Kofferraum ihres Autos. In dieser Nacht sind es 90 Stück, die sie in die Briefkästen von Zustell-Bezirk C636 verteilen muss. Ruhr Nachrichten, aber auch die Süddeutsche Zeitung oder die WAZ. 90 Adressen steuert sie an. Vorfahren, rausspringen, Zeitung einwerfen, einsteigen, weiterfahren.

Schnell sind die circa 90 Zeitungen im Kofferraum verstaut.

Schnell sind die circa 90 Zeitungen im Kofferraum verstaut. © Anne Schiebener

Im Autoradio läuft währenddessen ein bunter Mix aus Musik und Hörspiel. „Schau, schau, der Kommissar geht um, oh oh oh“, schallt Falcos Stimme aus den Lautsprechern. Schlager, Pop und auch mal eine Sequenz von Bibi Blocksberg begleiten Tanja Bergmann durch die Nacht. Vor allem die Hexen-Hörspiele geben ihr Ruhe in der Dunkelheit. „Manchmal braucht man das zum Beruhigen, wenn man als Mädel die ganze Nacht allein unterwegs ist“, sagt sie.

Geräusche in der nächtlichen Ruhe

Die Wege und Häuser in ihrem Bezirk hatte Tanja Bergmann schnell raus. „In den ersten zwei Wochen habe ich noch viel auf meinen Laufzettel geguckt, mittlerweile kann ich meinen Bezirk auswendig“, sagt die Zustellerin.

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Nur ein Haus hat ihr bei ihrer ersten Fahrt Kopfschmerzen bereitet. „Sie haben Ihr Ziel erreicht“, ertönte es aus dem Navi. Tanja Bergmann ist aus ihrem Wagen ausgestiegen und stand mitten im Feld. Bis sie im Dunkeln das Haus am Ende des Feldweges entdeckt hatte, waren einige Minuten vergangen. „Danach habe ich erstmal ein paar Tage keine Horrorfilme mehr geguckt“, sagt sie.

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Nach Mitternacht ist es still auf den Straßen in Aplerbeck. So still, dass jeder Fußtritt umso lauter klingt. So still, dass die Zustellerin automatisch leiser spricht, um die Dortmunder in ihrem Schlaf nicht zu wecken. Tanja Bergmann ist froh, dass sie eine gute Gegend für das nächtliche Austragen erwischt hat.

„In meinem Bezirk gibt es zum Glück nicht so viele bellende Hunde“, sagt sie. Vor allem am Anfang ist jedes Geräusch, das die nächtliche Stille durchbricht, unheimlich und lässt die Alarmglocken angehen. „Das Kopf-Kino arbeitet da schon ziemlich“, sagt die 32-Jährige.

Die nächtlichen Arbeitszeiten können manchmal ganz schön gruselig sein.

Die nächtlichen Arbeitszeiten können manchmal ganz schön gruselig sein. © Anne Schiebener

Eine Nacht ist ihr besonders in Erinnerung geblieben. Tanja Bergmann hat mit der dicken Ausgabe der „Zeit“ und dem dafür viel zu engen Briefkastenschlitz gekämpft. Plötzlich ertönte hinter ihr aus dem Dunkeln ein dumpfes „Guten Morgen“. Auf leisen Sohlen ist der Hausbesitzer zeitgleich mit seiner Zeitung zu Hause angekommen. Der Schreck war groß. „Da muss man bei mir vorsichtig sein“, sagt Tanja Bergmann. „Da fackel ich nicht lange.“ Verteidigen musste sie sich bisher aber zum Glück noch nicht.

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Neben Schreckmomenten birgt ihr nächtlicher Job für Tanja Bergmann aber auch schöne Momente. Des Öfteren ist ihr bereits ein Fuchs begegnet. Aber auch einen Feuersalamander und Rehe hat sie auf ihren nächtlichen Touren entdeckt. „Ist schon niedlich, welche Tiere man nachts beobachten kann“, sagt sie. In dieser Nacht streift eine Katze durch die Straßen im Dortmunder Süden – mit ihrem schwarzen Fell in der Nacht gut getarnt. Auf den leisen Pfoten nahezu geräuschlos.

Reisen, Bauchtanz und der Schalke 04

Menschen trifft Tanja Bergmann auf ihren Touren selten. Ganz anders als in ihrem eigentlichen Beruf im Reisebüro. Zeitungen austragen ist ein einsamer Job, Tanja Bergmann eigentlich gesellig. Sie trifft gern Freunde, geht tanzen. Vor allem Bauchtanz hat sie für sich entdeckt.

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Seit sie ein kleines Mädchen war, ist sie großer Fußball-Fan. „In meinen Adern fließt blau-weißes Blut“, sagt Tanja Bergmann. Vor Corona ist sie regelmäßig ins Stadion gegangen, hat ihre Mannschaft Schalke 04 bejubelt. Seit Ausbruch der Corona-Krise ist sie hin und wieder Demonstrantin. Macht sich stark für den Tourismus und hofft, dass sich auch die Politik stärker einsetzt für die Branche, in die sie sobald wie möglich zurückkehren möchte. Beruflich und privat.

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Zu verreisen ist Tanja Bergmanns größtes Hobby. Vor allem die USA, Spanien und Griechenland gehören zu ihren Lieblingszielen. „Es ist schön, die Welt zu sehen“, sagt sie. Zwei Reisen im Jahr gehörten für Tanja Bergmann vor Corona zum Leben. Eine in ein neues Land und eine an einen schon bekannten Wohlfühlort. „Dahin, wo es sich anfühlt, als würde man nach Hause kommen“, sagt sie.

Feierabend in den frühen Morgenstunden

Um halb 3 sind alle Zeitungen in den Briefkästen der Aplerbecker und die nächtliche Tour für Tanja Bergmann für heute beendet. Wenn sie um 2.45 Uhr wieder zuhause ist, braucht sie erst ein bisschen Zeit zum Runterkommen, duscht sich ab, schmeißt den Fernseher an. „Obwohl ich jetzt seit ein paar Wochen dabei bin, ist der Schlafrhythmus noch nicht drin“, sagt Tanja Bergmann. Lange schlafen kann sie am nächsten Morgen trotz der kurzen Nacht nicht.

Feierabend, wenn anderen noch schlafen: Um halb 3 steuert Tanja Bergmann den Heimweg an.

Feierabend, wenn andere noch schlafen: Um halb 3 steuert Tanja Bergmann den Heimweg an. © Anne Schiebener

Einen Vorteil hat die neue Arbeitszeit aber doch. Nach neun Jahren in Dortmund wohnt die Kamenerin seit Anfang des Jahres wieder in ihrer Geburtsstadt. In einer Wohnung im Haus ihrer Schwester. „Nachts fahre ich tatsächlich nur eine Viertelstunde nach Hause“, sagt sie. Tagsüber bräuchte sie fast doppelt so lang.

In weniger als 22 Stunden wird Tanja Bergmann wieder mit ihrem Auto durch die Straßen im Dortmunder Südosten fahren, um die Leserinnen und Leser pünktlich zum Frühstück mit den Ruhr Nachrichten und den anderen Zeitungen zu versorgen. Vorfahren, rausspringen, Zeitung einwerfen, einsteigen, weiterfahren. Sechs Nächte pro Woche.

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