Baumpflege in Dortmund: von Wundkallus, Blitzen und Schuppigem Porling

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Wird irgendwo ein Baum gefällt, haben die Menschen nicht immer Verständnis dafür. Doch es gibt Gründe, warum es in manchen Fällen nicht anders geht: ein Hohenbuschei-Spaziergang.

Brackel

, 28.08.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Grünflächenamt fällt im Hohenbuschei-Gebiet 18 Bäume, 6 weitere werden teils drastisch zurückgeschnitten. Bei einem Rundgang erklären der Bezirksleiter-Ost, Lars Terme, und Janina Brünner, Baumkontrolleurin für den Stadtbezirk Brackel, die Gründe.

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Strittig ist vor allem eine 80 bis 100 Jahre alte Buche am Elisabeth-Selbert-Bogen. Für die Anwohner, die sie gerne erhalten würden, sieht es so aus, als würde sie vor allem im unteren Bereich wunderbar grün und gesund wirken. Das, was unten zu sehen ist, sagt Lars Terme, ist jedoch gar nicht die Buche, sondern eine Robinie, die direkt daneben wächst. Die Buche selbst sei wahrscheinlich gleich von zwei unterschiedlichen Pilzen befallen: dem Riesenporling und dem Sparrigen Schüppling.

Diese Buche am Elisabeth-Selbert-Bogen ist nicht mehr zu retten, obwohl sie unten noch grün aussieht. Dabei handelt es sich aber um eine Robinie, die daneben steht

Diese Buche am Elisabeth-Selbert-Bogen ist nicht mehr zu retten, obwohl sie unten noch grün aussieht. Dabei handelt es sich aber um eine Robinie, die daneben steht. © Andreas Schröter

Letzterer brauche Totholz. Werde er gefunden, bedeute das somit, dass der dazugehörige Baum bereits aus viel abgestorbenem Holz bestehe. Der Baum müsse gefällt werden. Man sehe das an den vielen ausgedünnten Stellen in der Krone.

„Wipfeldürre“ nennt der Fachmann das. „Wichtig zu wissen ist, dass wir präventiv fällen“, so Terme, „also nicht erst bis zum allerletzten Moment warten, bevor der Baum umfällt.“ Die Stadt habe eben die Verkehrssicherungspflicht für ihre Wälder und Parks.

Auf diesem Bild sind die Schäden am Stamm der Buche am Elisabeth-Selbert-Bogen deutlich zu erkennen

Auf diesem Bild sind die Schäden am Stamm der Buche am Elisabeth-Selbert-Bogen deutlich zu erkennen. © Andreas Schröter

Ausgangspunkt unseres kleinen Rundgangs ist jedoch eine Buche in der Nähe der Hohenbuschei-Allee, deren Stämme - es gibt mehrere - mit zwei Seilsicherungen im Kronenbereich und etwas tiefer zusammengehalten werden. Der Baum verliere Wasser - es läuft an der Rinde herunter - und „baue Holz ab“, wie Lars Terme es ausdrückt. Beides seien Zeichen dafür, dass es dem Baum nicht gut gehe.

Diese Buche baut Holz ab und muss im Kronenbereich durch zwei Seilsicherungen zusammengehalten werden

Diese Buche baut Holz ab und muss im Kronenbereich durch zwei Seilsicherungen zusammengehalten werden. © Andreas Schröter

Ein Zeichen für einen nicht gesunden Baum sei auch, wenn er keinen „Wundkallus“ aufbaue, also wenn er nach einer Verletzung kein neues Holz produziere, das den Baum künftig schützt.

Nicht alle Bäume, die solche Merkmale aufweisen, werden komplett gefällt, manche bleiben als „Spechtholzbäume“ erhalten, sind künftig Stämme, in denen nicht nur Spechte ihre Nester bauen können, sondern auch andere Tiere wie Insekten einen Lebensraum finden.

Hier mal ein positives Beispiel: Dieser vielleicht 20 Jahre alte Baum baut "Wundkallus" auf und umschließt eine Verletzung am Stamm selbst

Hier mal ein positives Beispiel: Dieser vielleicht 20 Jahre alte Baum baut "Wundkallus" auf und umschließt eine Verletzung am Stamm selbst. © Andreas Schröter

Wie weit ein solcher Baum beschnitten wird, kann unterschiedlich sein. Bei einigen bleibt nur der Stamm stehen, andere behalten einen Teil ihres Astwerks, sodass der Baum künftig aussieht wie eine nach oben zeigende Hand, bei wieder anderen muss nur die obere Krone entfernt werden.

Bei vielen gefällten Bäumen lässt das Grünflächenamt den Stamm (hier in der Mitte) als "Spechtholzbaum" stehen - also als möglichen Ort, an dem ein Specht sein Nest bauen kann

Bei vielen gefällten Bäumen lässt das Grünflächenamt den Stamm (hier in der Mitte) als "Spechtholzbaum" stehen - also als möglichen Ort, an dem ein Specht sein Nest bauen kann. © Andreas Schröter

Lebensräume für Vögel und andere Tiere sicherzustellen, sei ohnehin die heutige Philosophie modernen Gartenbaus. Deswegen werden die Grünflächen längs der Wege nur noch auf einem oder zwei Metern daneben regelmäßig gemäht.

Die übrige Fläche werde sich selbst überlassen und nur noch einmal im Jahr zurückgeschnitten. Solche Fläche speichern in Trockenzeiten zudem die Feuchtigkeit viel besser als ein kurz geschorener Rasen.

Flächen wie diese erscheinen manchen Zeitgenossen als ungepflegt. Sie halten jedoch bei Trockenperioden die Feuchtigkeit und bieten vielen Tieren einen Lebensraum

Flächen wie diese erscheinen manchen Zeitgenossen als ungepflegt. Sie halten jedoch bei Trockenperioden die Feuchtigkeit und bieten vielen Tieren einen Lebensraum. © Andreas Schröter

Rund 1000 Bäume hat das Grünflächenamt von der Hohenbuschei AG geerbt. Die Strategie, den neuen Bewohnern bei ihrem Einzug eine Mischung aus altem Baumbestand und Neuanpflanzungen zu bieten, sei richtig gewesen, habe aber auch Schäden verursacht - so wie die Buche, die schlicht einen Sonnenbrand erlitten habe, weil die Bäume rings um sie herum, die sie vorher geschützt hatten, abgeholzt worden sind.

Auch dieser Baum müsse gefällt werden. Es gibt im selben Gebiet andere Bäume, die im unteren Stammbereich Astwerk ausgebildet haben und sich auf diese Weise selbst vor der Sonneneinstrahlung schützen. Passiere das, könne man von einem gesunden Baum ausgehen.

Dieser Baum hat Sonnenbrand und ist nicht mehr zu retten. Bei direkter Sonneneinstrahlung könne die betragen, Temperatur am Stamm 80 bis 90 Grad betragen, sagt Lars Terme

Dieser Baum hat Sonnenbrand und ist nicht mehr zu retten. Bei direkter Sonneneinstrahlung könne die betragen, Temperatur am Stamm 80 bis 90 Grad betragen, sagt Lars Terme. © Andreas Schröter

Insgesamt müssen Lars Terme, Janina Brünner und ihr Kollegium Geduld haben. Ihr Job ist ein langfristiger. Viele Veränderungen an die Bäumen zeigen sich erst nach Jahren. „Wir müssen vor allem eine gute Beobachtungsgabe haben“, so Terme.

Wasserknappheit in drei Sommern hintereinander

Ein anderer Baum ist vor Jahren von einem Blitz getroffen worden. Auch er sei nicht mehr zu retten, mehrere Erlen haben die Wasserknappheit der vergangenen drei Sommer nicht gut verkraftet. Sie bieten jedoch den Vorteil, dass sie den Gewächsen wie Holunder um sie herum Schatten spenden.

Fiele dieser Schatten weg, könne sich zum Beispiel Brombeer ungehindert verbreiten und würde andere Pflanzen verdrängen. Auch wenn die Erlen gefällt werden, sollen sie als Biomasse vor Ort bleiben. Auch viele Tiere brauchen vermoderndes Holz als Lebensraum.

Dieser Baum wurde von einem Blitz getroffen und ist nicht mehr zu retten

Dieser Baum wurde von einem Blitz getroffen und ist nicht mehr zu retten. © Andreas Schröter

Unser Spaziergang führt uns auch zum großen Hohenbuschei-Spielplatz, wo eine Esche gefällt werden muss, die ebenfalls gleich von zwei Pilzen befallen ist: dem Falschen Weißen Stängelbecherchen und dem Schuppigen Porling. Hier soll es Aufforstungen geben - unter anderem mit Kirsche. Lars Terme ist dagegen, Bäume wie Fichten, die dem Klimawandel nichts entgegenzusetzen haben, komplett aus unseren Wäldern und Parks zu entfernen.

Eine Esche im Bereich des Kinderspielplatzes ist von einem Pilz befallen

Eine Esche im Bereich des Kinderspielplatzes ist von einem Pilz befallen. © Andreas Schröter

Es müsse künftig Mischungen aus solchen Sorten und anderen geben, die widerstandsfähiger in einem trockener und heißen Klima sind. Auf dem Hauptfriedhof gibt es einen Zukunftsbaumweg, der solche Arten erprobt.

Andererseits gebe es in Polen 1000 Jahre alte Bäume, die beweisen, dass sie irgendwie dann doch mit Klimaveränderungen klargekommen sind, denn auch im Mittelalter habe es bereist Trockenperioden gegeben, so Lars Terme.

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