Betreuer und Therapeuten tauschen ihre Jobs - und nähen jetzt Masken

hzBehinderten-Werkstätten

In Zeiten von Corona dürfen behinderte Menschen ihre sonst üblichen Werkstätten nicht mehr betreten. An den Arbeitsplätzen sitzen jetzt andere: Ihre Betreuerinnen sind für sie eingesprungen.

Dortmund

, 11.04.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

In gebührendem Abstand sitzen die Handwerkerinnen in der Nähstube des Hauses Gottessegen an der Kirchhörder Kobbendelle. Die Maschinen rattern. Das, was sich unter den Nadeln zu einem Stück Stoff fügt, ist geradezu Gold in diesen Zeiten. Es sind medizinische Mundschutze, aber auch normale Mund-Nasenmasken für den täglichen Außerhausbedarf.

Eine der Näherinnen ist Heike Benölken. Die Qualitätsbeauftragte, die sich sonst im Unternehmen beispielsweise um Datenschutz und Arbeitssicherheit kümmert, näht nach Strich und Faden. „Habe ich mal von meiner Oma gelernt“, sagt sie, „aber länger nicht gemacht. Bin aber schnell wieder reingekommen.“

75 Masken am Tag schafft die Gruppe. Zuschneiden, bügeln, wenden, nähen. Hat nichts mit ihrer sonstigen Tätigkeit zu tun, „aber man erkennt die Notwendigkeit, und dann tut man das“.

Dort, wo man die Verantwortung für andere besonders spürt, hält man auch in diesen Zeiten nochmal enger zusammen: im Haus Gottessegen des Christopherus-Haus e.V., in der Werkstatt Über den Teichen GmbH (WÜT) und in den Behinderteneinrichtungen der Awo.

Rund 75 Masken pro Tag schafft die Gruppe in der Nähstube des Hauses Gottessegen.

Rund 75 Masken pro Tag schafft die Gruppe in der Nähstube des Hauses Gottessegen. © Beushausen

Dort haben Therapeuten, Tischler und Sozialpädagogen die Arbeit an den Gerätschaften übernommen, die sonst von den körperlich und/oder geistig beeinträchtigten Mitarbeitern bedient werden. „Wir wollen die Infrastruktur für unsere Kunden aufrechterhalten“, sagt Gottessegen-Sprecherin Anke Gerwing. Und Schutzmasken nähen für die Wohnstätten für Menschen mit Unterstützungsbedarf.

„Unsere Geschäftspartner schätzen es, dass die Produktion weiterläuft"

Seit dem 18. März gilt für die behinderten Beschäftigten ein Betretungsverbot, weil sie es oft nicht schaffen, den Sicherheitsabstand von zwei Metern untereinander einzuhalten. Ein Abbruch von Normalität, der für sie einer mittleren Katastrophe gleichkommt, weil gerade sie eine Tagesstruktur, eine Bestätigung brauchen.

Konfektionieren, Abzählen von Schrauben, einfache Näharbeiten können solch einen Tagesablauf bilden – für sie eine Wertschöpfung, die mal nichts mit dem Bereich Wirtschaft zu tun hat.

Aber noch wichtiger als die Aufrechterhaltung der Produktion sei das Weiterlaufen der Betreuung für die 380 Behinderten in den Wohnheimen oder zuhause. „Das hat Priorität“, so Gerwing. Die Betreuung sichere auch die Pflegesätze, die der Landschaftsverband bezuschusst.

Menschen mit Behinderung müssen jetzt beschäftigt werden

Das sieht bei der WÜT nicht anders aus. 560 Beschäftigte sind in Eving normalerweise tätig. Menschen mit Behinderung, die ihre Zeit nun zwangsweise zuhause oder in ihren Wohnheimen verbringen, müssen dort ebenfalls beschäftigt werden. Ihre Gruppenleiter übernehmen die Betreuung weiter.

Die eigentlichen Arbeitskräfte fallen aus, also macht Therapeut Bernd Scheutzow mit dem Bau des Insektenhotels allein weiter.

Die eigentlichen Arbeitskräfte fallen aus, also macht Therapeut Bernd Scheutzow mit dem Bau des Insektenhotels allein weiter. © Beushausen

Interessiert sich beispielsweise einer der Behinderten für eine Arbeit mit einem Hubwagen, werden Lernmodule zum Thema Hubwagen aus dem Internet heruntergeladen.

„Wir sind ja nicht nur dafür verantwortlich, dass die Produktion weiterläuft“, sagt Geschäftsführerin Andrea Terwey. Sondern auch für das Wohlergehen der ihnen anvertrauten Menschen. Ganz nebenbei: „Unsere Geschäftspartner wissen es aber schon sehr zu schätzen, dass die Produktion weiterläuft.“

In mehreren Werkstätten läuft die Produktion von Schutzmasken

Wie im Haus Gottessegen und der WÜT sind auch die Awo-Werkstätten in Lindenhorst mit der Produktion von Schutzmasken beschäftigt. „Wir nähen die Schutzmasken für die Mitarbeiter in unseren Einrichtungen“, berichtet Awo-Sprecher Peter Alt, „die Seniorenwohnstätten, die Behindertenwohnheime und Einrichtungen der Jugendhilfe müssen schließlich versorgt werden.“

Die Awo kann sich der Solidarität vieler ehrenamtlicher Mitarbeiter sicher sein: „Sie schneiden den Stoff und die Gummis zu und helfen beim Verpacken.“ Das stolze Ergebnis: 7000 Stück innerhalb von zwei Wochen. Und viel gespartes Geld.

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