Bezirksbürgermeister Hans Semmler sagt der Politik Tschüss

hzNach über vier Jahrzehnten

Man braucht nicht mehr als 30 Sekunden und 20 Meter um zu begreifen, was Hans Semmler für Hombruch ist - oder Hombruch für ihn. Jetzt heißt es für den 74-jährigen Abschied nehmen.

Hombruch

, 11.09.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es sind nur ein paar Meter vom Eingang zur Bezirksverwaltungstelle an der Domänenstraße bis zur Harkortstraße. Auf diesem Stück im Herzen Hombruchs trifft Hans Semmler an diesem MIttwochmorgen drei Menschen, die ihn freundlich grüßen und inne halten. Man redet. Aber nicht übers Wetter, sondern über Menschen, ihre Anliegen, ihre Schicksale.

Seit 2009 ist Hans Semmler Bezirksbürgermeister. Dortmunds einziger mit einem CDU-Parteibuch. Von 2004 bis 2009 war er stellvertretender Bezirksbürgermeister. Aber die Geschichte darüber, was Hans Semmler heute ist, beginnt schon viel früher: 1965 trat er in die CDU ein. Von 1979 bis 1984 war er stellvertretender Fraktionssprecher, von 1984 bis 1994 stellvertretender Bezirksvorsteher wie es damals noch hieß.

1999 wird er in den Rat gewählt, aber es dauert nur wenige Wochen, bis der Entschluss gereift ist: „Kein Spagat zwischen Rat und Bezirksvertretung.“ Er entscheidet sich für seinen Stadtbezirk und legt sein Ratsmandat nieder.

Ein Portrait Semmlers aus einer CDU-Broschüre aus den 80er-Jahren.

Ein Portrait Semmlers aus einer CDU-Broschüre aus den 80er-Jahren. © CDU

Und nun, im September 2020, soll Schluss sein mit der politischen Karriere: Am Dienstag (15.9.), zwei Tage nach der Kommunalwahl, findet die letzte Sitzung der Bezirksvertretung mit den bisherigen Mitgliedern statt. Dann sind andere dran. Der 74-Jährige zieht sich zurück.

Und dann? „Na ja“, sagt Semmler, „es hat mir immer Spaß gemacht. Aber ich glaube, ich bin nicht der Typ, der dann in ein Loch fällt“, betont er. Schade sei, dass sein Abschied von der Hombrucher politischen Bühne nicht im renovierten Sitzungssaal in der Bezirksverwaltungsstelle stattfinden könne. Sein letztes Mal ist am 15. November im Pädagogischen Zentrum des Helene-Lange-Gymnasiums.

Manches wird sich auch ohne Amt nicht ändern

Aber das ist ja nur das offizielle Ende. Es ist kaum vorstellbar, dass es nach diesem Tag anders sein sollte als bisher auf der Harkortstraße mit Hans Semmler: „Es vergeht eigentlich kaum ein Tag, an dem ich über die Harkortstraße gehe und nicht mit irgendwelchen Aufträgen nach Hause gehe“, sagt der 74-Jährige.

Und damit er davon auch bloß nichts vergisst, findet sich bei Hans Semmler eigentlich immer eine ganz beachtliche Zettelwirtschaft in der Kladde. „Ach ja, manchmal bin ich ein bisschen chaotisch“, sagt er.

Dabei: Auf den 74-Jährigen ist Verlass. Wer fragt, bekommt Antwort. Ganz oft sofort und ohne Zettel. Der 74-Jährige hat unfassbar viel von dem, was im Stadtbezirk ist und war, im Kopf. Wenn man mit dem Mann fünf Minuten telefoniert, dann ist es durchaus möglich, in diesen fünf Minuten sieben Themen fundiert abzuhandeln.

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Muss er doch mal nachschauen, dann helfen die Aktenordner zuhause: 100 mögen es wohl sein in dem trauten Heim an der Steinäckerstraße, wo Semmler seit Jahrzehnten mit seiner Frau Christel lebt. 49 Jahre sind sie bald verheiratet. Die beiden leben auf 65 Quadratmetern und seit langem mit den 100 Aktenordnern. Die stapeln sich im Keller, in der Garage und im kleinen Arbeitszimmer.

Mit dem Ende seiner Amtszeit als Bezirksbürgermeister ist Semmler entschlossen, die Ordner zu leeren, „auch wenn es in der Seele weh tut“. Seine Frau Christel freut sich darüber, dass ein bisschen Platz wird. „Ja“, sinniert der 74-Jährige, „könnte man so sagen“, antwortet er diplomatisch. Und: „Ich suche noch jemanden, der 100 Aktenordner gebrauchen kann.“

Hans Semmler und Bundeskanzlerin Angela Merkel stießen am 25. Juni 2006 in der Dasa mit einem Glas Bier an.

Hans Semmler und Bundeskanzlerin Angela Merkel stießen am 25. Juni 2006 in der Dasa mit einem Glas Bier an. © CDU

Seine Frau hat sich öffentlich immer zurückgehalten. Selten war sie mit ihrem Mann unterwegs. An ein besonderes Mal kann sich Hans Semmler aber noch gut erinnern: Da war Bundeskanzlerin Angela Merkel in Dortmund, besuchte die Dasa. Fünf Tage bevor Hans Semmler in Rente ging als Brauer. Auch deshalb weiß er es noch genau.

Es habe Bier und Häppchen gegeben, erinnert sich Semmler. Als er seine Christel fragte, wo denn „Angie“ sei, machte die nur „Psst“. „Angie“ stand direkt hinter Hans. Ob die Kanzlerin den kleinen Wortwechsel zwischen ihm und seiner Frau gehört hat? „Weiß ich nicht“, sagt Semmler. Aber er und Angela Merkel haben sich mit einem Bier zugeprostet.

„Manchmal bin ich ein bisschen chaotisch“
Hans Semmler

So wie dieses Ereignis gibt es noch manche, die Semmler nicht vergisst: In den 80er Jahren war der Nürnberger Oberbürgermeister mal wegen der H-Bahn in Dortmund. Später wurde im Lennhof gespeist. Brauer Semmler hatte Mittagsschicht und musste eigentlich dringend zum Dienst. Veranstalter Siemens fuhr ihn damals mit einer „ganzen Wagenflotte“ bis auf den Hof der Kronenbrauerei, damit Semmler pünktlich den Dienst antreten konnte.

Oder 2009, als Hans Semmler sich ärgerte, dass der damalige Ministerpräsident Jürgen Rüttgers sich immer nur in der Dortmunder City tummelte und nie im Stadtteil. Semmler mischte sich ein und so fuhren er und Rüttgers mit der Straßenbahn von der City nach Hombruch.

Hans Semmler fuhr mit Jürgen Rüttgers mit der Bahn aus der Innenstadt nach Hombruch.

Hans Semmler fuhr mit Jürgen Rüttgers mit der Bahn aus der Innenstadt nach Hombruch. © Archiv

Vor Ort sind es neben den Sachthemen die zahlreichen Besuche bei Menschen, ihren 100. Geburtstag, ihren Ehejubiläen: „Das hat mir immer Freude gemacht“, sagt Semmler. In einem seiner 100 Ordner zuhause liegt die Pressemitteilung, die die CDU zu seinem 70. Geburtstag verschickte. Die will er eigentlich aufbewahren, „bis ich 100 werde“, sagt er.

Wie das geht, haben ihm die Senioren bei seinen Besuchen sicher erzählt. Dabei helfen wird sein guter Vorsatz für die Zeit nach der Politik: Nachdem Hans Semmler in der Politik über viele Jahre eine Menge beweg hat, will er sich nun selbst körperlich mehr bewegen.

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