Mitten im Sommer schießt die Deutsche Umwelthilfe eine Debattenrakete ab, die auch auf Dortmund zielt: Die Stadt soll Böllern zu Silvester verbieten. Richtig so! Und mehr Verbote sind nötig.

Dortmund

, 05.08.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Deutsche Umwelthilfe will, dass in Dortmund die Böllerei zu Silvester verboten wird. Die Feinstaubbelastung sei zu hoch und schade der Gesundheit. Stattdessen könne die Stadt zum zentralen, betreuten Feuerwerk weit draußen am Stadtrand laden. Schließlich will auch die Deutsche Umwelthilfe keine Spaßbremse sein.

„Ihr habt doch einen Knall“, rufen reflexartig die Pyromanen unter den Privat-Feuerwerkern. Und die Pyro-Industrie böllert los, Feinstaub (aus Feuerwerk) sei nicht gleich Feinstaub (aus Dieselmotoren).

Eigentlich können sich Politiker nur die Finger verbrennen, wenn sie das Silvester-Feuerwerk verbieten wollen. Vermutlich können sie es auch gar nicht flächendeckend. Doch außer, dass ein Feuerwerk schön anzusehen ist, gibt es keinen guten Grund zum Böllern. Dagegen aber eine ganze Reihe: gefährlich, teuer, laut, umweltbelastend – und ungesund.

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Körperverletzung mit Ansage

Betrunkene jagen Raketen horizontal in ihre Mitmenschen, werfen ihnen Kanonenschläge vor die Füße, verursachen Verbrennungen, Augenverletzungen und Hörschäden oder sprengen sich selbst die Gliedmaßen weg. Das ist Körperverletzung mit Ansage. Und die Feuerwehr ist in der Silvesternacht nicht nur mit dem Rettungswagen unterwegs, sondern hat auch zahlreiche Brände zu löschen.

In einer Nacht werden in Deutschland zwischen 110 und 150 Millionen Euro für Chinaböller D mit grauer Lunte, Blackbox Bombenraketen, Feuerwerksbatterien und andere Sprengmeister-Fantasien ausgegeben und damit die Feinstaubbelastung um ein Vielfaches in schwindelnde Höhen geschossen. Gleichzeitig investieren Bund, EU und die Stadt Dortmund selbst Millionen, damit die Luft hier sauberer wird. Das ist doch absurd.

Kein Feuerwerk ohne Verbrennung

Sicher, die Feinstaubbelastung in Dortmund ist aufgrund der Luftreinhaltemaßnahmen in den vergangenen Jahren tendenziell zurückgegangen, und der explosionsartig ansteigende Feinstaub aus der Silvesternacht verflüchtigt sich um einiges schneller als der klebrige aus den Dieselautos. Trotzdem belastet er die Luft zusätzlich. Und feinstaubfreie Feuerwerke gibt der Markt nicht her, weil beim Einsatz von Schwarzpulver immer eine Verbrennung stattfindet.

Dennoch dient ein Böllerverbot weniger der Umwelt, sondern unser aller Gesundheit. Schließlich atmen wir den Dreck ein. Die unsichtbaren Partikel mit einer Größe von zehn Mikrometern und kleiner finden ihren Weg in Lunge und Bronchien. Und mal ehrlich, wir diskutieren doch nicht über den Klimawandel, weil wir Mitleid haben mit der aussterbenden neuseeländischen Brückenechse, der Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte oder auch nur den Eulen im Arnsberger Wald, sondern weil es uns Menschen über kurz oder lang selbst an den Kragen geht.

Panik in der Thier-Galerie

Gegen das Kollektiverlebnis Böllern spricht zudem, dass Haus- und Wildtiere und auch Menschen in Panik geraten – auch schon Tage vor und nach der Silvesternacht, weil manche das Kollektiverlebnis, an dem sich die halbe Stadt beteiligt, nicht abwarten können oder es nachhallen lassen wollen. Wie im vergangenen Jahr, als Jugendliche in der Thier-Galerie Böller zündeten und mehrere Hundert Menschen in Angst und Schrecken versetzten. Sieben Menschen wurden leicht verletzt.

Ebenso wie auf die Lärmbelästigung kann man getrost auf den Müll verzichten, der sich am Neujahrsmorgen auf den Straßen häuft und dessen Beseitigung sich auch auf unsere Abfallgebühren niederschlägt. Dann am nächsten Tag die Beschwerden bei unserer Redaktion, dass die EDG vor der eigenen Haustür nicht richtig sauber gemacht habe . . . (aber ich schweife ab).

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Wie Mülltrennung und Tempo-30-Zonen

Aus gutem Grund gibt es in Dortmund bereits seit drei Jahren zwei Böllerverbotszonen in der Innenstadt und rund um die Kirchen. Darauf lässt sich aufbauen. Als nächstes müssten zumindest alle engen Straßenschluchten einbezogen werden.

Auch als die Osterfeuer aus Umwelt- und Tierschutzgründen vor Jahren eingeschränkt wurden, gab es erst Gemurre. Heute hat man sich daran gewöhnt. Genauso wie an die Mülltrennung und die Tempo-30-Zonen. Die meisten finden das sogar inzwischen gut.

Ein Böllerverbot sollte gleichermaßen für Silvester wie für private Feiern gelten, egal ob runde oder eckige Geburtstage, Hochzeiten oder Mitarbeiterfeste. Knalleffekte müssen nicht unbedingt von einem Feuerwerk kommen.

Politisches Tischfeuerwerk

Ja, ja, ich höre schon die unbeirrbaren Feuerwerk-Fans, die sich über die Bevormundung und Verbotsapostelei echauffieren. Denen sei gesagt: In Deutschland gibt es viele Verbote für weitaus weniger gefährliche Dinge. Zum Beispiel darf man nicht nackt aus dem Auto steigen. Das kostet 40 Euro Bußgeld. Peng!

Jetzt wieder ernst: Verbotsdebatten sind immer schwierig, zumal wenn es um sogenanntes Brauchtum geht. Wie gesagt, Feuerwerke sind schön anzusehen. Aber das ist eine zentrale Laser- und Lichtshow auch. Und zudem ohne Nebenwirkungen.

Aber so wird es leider nicht kommen. Man muss kein Prophet sein, um zu wissen, dass die Debatte im Rathaus um ein Böllerverbot, sofern sie überhaupt geführt wird, als politisches Tischfeuerwerk endet.

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