Zwei Jugendliche, die für die Böllerexplosion in der Thier-Galerie verantwortlich sind, wurden schuldig gesprochen. Die Richter haben sehr unterschiedliche Strafen gefunden.

von Markus Kutscher

Dortmund

, 16.08.2019, 12:57 Uhr / Lesedauer: 2 min

Zwei Wochen Dauerarrest muss ein 17-jähriger Wolfsburger Youtuber absitzen. Das Jugendschöffengericht am Wolfsburger Amtsgericht verurteilte den Drahtzieher der Böller-Explosion in der Thier-Galerie wegen gefährlicher Körperverletzung und einer Störung des öffentlichen Friedens. Die Entscheidung über die Verhängung einer Jugendstrafe ist für die Dauer von zwei Jahren zur Bewährung ausgesetzt worden. Das teilte das Amtsgericht im Anschluss an die nicht-öffentliche Verhandlung am Freitag in einer schriftlichen Stellungnahme mit.

Fahren ohne Fahrerlaubnis

Der wegen Körperverletzung vorbestrafte 17-Jährige muss außerdem 120 Arbeitsstunden ableisten und zwölf Beratungsgespräche bei „Streetlife“, einer Gewaltberatungs- und präventionsstelle in Wolfsburg, führen. Auf eine Geldstrafe verzichtete die Vorsitzende Richterin. Grund: Auf den Jugendlichen kämen noch zahlreiche Schadensersatz- und Schmerzensgeldansprüche der zahlreichen Geschädigten zu. Mindestens 24 Menschen waren bei der ausgelösten Massenpanik verletzt worden. Allerdings muss der Wolfsburger die Verfahrenskosten tragen, da er über ein ausreichendes Einkommen aus seinem Youtube-Kanal verfügt. Da der Angeklagte darüber hinaus im April 2019 wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis aufgefallen war, wurde gegen ihn ein Fahrverbot von drei Monaten verhängt.

Ein ebenfalls wegen Körperverletzung vorbestrafter 18-jähriger Mitangeklagter aus Bahrdorf (Samtgemeinde Velpke) wurde wegen Beihilfe zu einem Kurzarrest von vier Tagen verurteilt. Er muss außerdem 80 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten sowie zwölf Beratungsgespräche bei „Streetlife“ wahrnehmen. Da er kein eigenes Einkommen hat, verzichtete das Gericht auf eine Geldstrafe oder die Übernahme der Verfahrenskosten.

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Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der 17-Jährige am 15. Dezember 2018 (3. Adventssamstag) gegen 17.40 Uhr in der sehr gut besuchten Dortmunder Thier-Galerie eine Massenpanik auslöste. Er stiftete andere Jugendliche an, einen sogenannten Polen-Böller im Untergeschoss zu zünden. Der Wolfsburger, der regelmäßig so genannte Prank (Spaß)-Videos auf seinem Youtube-Kanal veröffentlicht, wollte in Dortmund einen spektakulären Film drehen und damit Geld verdienen. Der Youtube-Kanal des Wolfsburgers hat aktuell 355.000 Abonnenten, seine Videos wurden mehr als 53 Millionen Mal aufgerufen. Auch in dieser Woche veröffentlichte er zwei neue Videos. Der 18-Jährige filmte das Geschehen im Einkaufszentrum.

„Geständig, einsichtig und reumütig“

„Beide Angeklagte haben sich im Rahmen der Verhandlung geständig, einsichtig und reumütig gezeigt und sich mehrfach im Gerichtssaal entschuldigt“, heißt es in der Mitteilung des Amtsgerichts. Durch ihr einsichtiges Verhalten sei den zahlreichen Geschädigten die Fahrt von Dortmund nach Wolfsburg und somit auch eine Aussage vor Gericht erspart geblieben. Beiden sei deutlich geworden, welche gravierenden Folgen ihr Verhalten hatte.

Bei dem vorbestraften 17-Jährigen stellte das Gericht „lediglich Ansätze schädlicher Neigungen“ fest. Die Entscheidung über die Verhängung einer Jugendstrafe wurde für die Dauer von zwei Jahren zur Bewährung ausgesetzt. Das bedeutet: Sollte der Angeklagte in der Bewährungszeit noch einmal strafrechtlich in Erscheinung treten oder er die Bewährungsauflagen nicht erfüllen, kommt es zu einem sogenannten Nachverfahren. In diesem wäre dann möglicherweise eine Jugendstrafe zu verhängen, die nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Das Gericht hielt einen Dauerarrest von zwei Wochen – und nicht, wie vom Staatsanwalt gefordert, vier Wochen – für ausreichend, damit der Arrest während der Schulferien verbüßt werden kann. Der 17-Jährige bekommt außerdem eine Bewährungshelferin zur Seite gestellt.

Während das Urteil gegen den 18-Jährigen bereits rechtskräftig ist, kann der 17-Jährige dagegen noch Einspruch einlegen.

Zehn Angeklagte in Dortmund

In Dortmund werden sich die zehn mutmaßlich angestifteten Jugendlichen, 14 bis 16 Jahre alt, demnächst verantworten müssen. Die Dortmunder Staatsanwältin Sonja Frodermann bestätigte der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, dass gegen diese Gruppe bereits Anklage beim Dortmunder Jugendschöffengericht erhoben wurde. Den Jugendlichen wird vorgeworfen, sie hätten erkennen können, dass durch die Panik Menschen verletzt werden. Dies hätten sie billigend in Kauf genommen. Ein Prozesstermin steht noch nicht fest. Denkbar sei, dass das Verfahren aufgrund des großen organisatorischen Aufwands bei zehn Jugendlichen an das Landgericht Dortmund abgeben wird.

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