Brandstiftung mit Langzeit-Folgen: Therapie-Praxis wochenlang geschlossen

hzKellerbrand-Serie

Die Mieter des Brandhauses haben Glück im Unglück: Sie können in ihre Wohnungen zurückkehren. Ein bekannter Therapeut hingegen muss seine Praxis schließen – und ist überrascht, was dann passiert.

Lütgendortmund

, 21.10.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Über zwei Wochen liegt der Brand bereits zurück. Doch der beißende Geruch im Treppenhaus und im Keller hält sich hartnäckig. Auch in der Praxis für Sprachtherapie im Erdgeschoss ist man froh, dass die Corona-Maske die Nase schont.

In den Räumen von Alexander Wilhelm sind sämtliche Regale, Schränke und Schubladen leergeräumt, im Flur warten Kisten und Kartons auf den Abtransport. Alles muss raus, damit die Spezialfirma rein kann. „Der Ruß hat sich überall festgesetzt, alles muss gereinigt werden“, berichtet der bekannte Sprachtherapeut, der bereits seit 1983 in Lütgendortmund arbeitet und wohnt. An der Werner Straße praktiziert er seit 26 Jahren.

In diesem Kellerraum hat das Feuer gewütet. Glücklicherweise haben sich die Flammen nicht ausgebreitet.

In diesem Kellerraum hat das Feuer gewütet. Glücklicherweise haben sich die Flammen nicht ausgebreitet. © Beate Dönnewald

Fast zwei Wochen musste Alexander Wilhelm auf grünes Licht seiner Versicherung für die professionelle Reinigung warten. Vorab hat er Raumluft-Messungen durch eine Chemikerin veranlasst: „Glücklicherweise hat sie keine Giftstoffe festgestellt.“

Probleme mit der Atmung

Er trage für seine Mitarbeiter und Patienten eine große Verantwortung, betont der Therapeut, deshalb müsse anders als in einer Privatwohnung alles speziell gereinigt werden. „Einige meiner Patienten sind lungenkrank, da muss alles einwandfrei sein.“

Er selbst habe am Tag des Feuers zunächst gedacht, dass seine Praxis im Erdgeschoss durch den Kellerbrand nicht wesentlich in Mitleidenschaft gezogen worden ist. „Doch nach einer halben Stunde habe ich Probleme mit der Atmung bekommen.“

Verschmorte Leitungen und Kabel, bröckelnde Decken: Das Feuer hat vieles zerstört.

Verschmorte Leitungen und Kabel, bröckelnde Decken: Das Feuer hat vieles zerstört. © Beate Dönnewald

Seit dem 6. Oktober ist die Praxis aufgrund der Brand-Folgen geschlossen. So lange sind Alexander Wilhelm und seine Frau bereits damit beschäftigt, Schubladen, Regale und Schränke auszuräumen und jedes einzelne Teil daraus zu säubern.

„Das alles ist ein enormer Kraftakt“, sagt Alexander Wilhelm. Auch psychisch sei man extrem belastet. „Die ersten Nächte habe ich kaum geschlafen. Man ahnt gar nicht, was so eine Geschichte mit einem macht.“

Wilhelm bietet auch Coaching, Supervision und Psychotherapie an. Und trotzdem habe er sich anfangs genauso so hilflos gefühlt mit der Situation wie wohl jeder andere, sagt er. Die psychischen Folgen für die betroffenen Mieter seien aber noch gravierender: „Eine Bewohnerin hat mir beispielsweise erzählt, dass sie bei jedem Martinshorn, das sie hört, Panik bekommt.“

Einen Apotheken-Raum darf Alexander Wilhelm zur Zwischenlagerung nutzen. Er ist dankbar für die allseits große Hilfsbereitschaft.

Einen Apotheken-Raum darf Alexander Wilhelm zur Zwischenlagerung nutzen. Er ist dankbar für die allseits große Hilfsbereitschaft. © Beate Dönnewald

In dieser schwierigen Phase erfährt Alexander Wilhelm aber auch viel Positives. Die Hilfsbereitschaft im Dorf genauso wie im Freundes- und Bekanntenkreis sei riesig, sagt er. Damit habe er nicht gerechnet. „Diese Solidarität tut einfach gut.“

Lagerraum in ehemaliger Apotheke

Lothar Finkbeiner habe ihm zum Beispiel in seiner ehemaligen Apotheke einen Lagerraum zur Verfügung gestellt. Zahlreiche Kartons und Kisten haben bereits Einzug gehalten, darunter auch das komplette Archiv der Praxis aus dem Keller. Plastikboxen haben die sensiblen Unterlagen vor Qualm und Ruß geschützt.

Auch der Kellerraum von Alexander Wilhelm ist total verrußt. Das Archiv in Plastik-Boxen hat den Brand unbeschadet überstanden.

Auch der Kellerraum von Alexander Wilhelm ist total verrußt. Das Archiv in Plastik-Boxen hat den Brand unbeschadet überstanden. © Beate Dönnewald

Genauso freut sich Alexander Wilhelm, dass er Räume im Knappschaftskrankenhaus und in der benachbarten Ergotherapie-Praxis Patz und Grotemeyer nutzen darf. So könne er zumindest einen Teil seiner Patienten weiterbehandeln. Vielen habe er aber absagen müssen, sie alle hätten mit großem Verständnis reagiert.

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Alexander Wilhelm hofft, dass er den regulären Praxisbetrieb Ende Oktober/Anfang November wieder aufnehmen kann. Nach der Spezialreinigung werde er die Chemikerin um eine weitere Messung bitten.

Damit der Wieder-Einzug in die Praxis reibungslos verläuft, haben Alexander Wilhelm und seine Frau Inventar und Arbeitsmittel beschriftet.

Damit der Wieder-Einzug in die Praxis reibungslos verläuft, haben Alexander Wilhelm und seine Frau Inventar und Arbeitsmittel beschriftet. © Beate Dönnewald

Insgesamt sei er froh, dass bei dem Feuer niemand ernsthaft verletzt wurde. „Die Feuerwehr hat tolle Arbeit geleistet“, sagt der Therapeut anerkennend. Der Vorfall hätte auch in einer Katastrophe enden können, meint er. „Im Keller waren 800 bis 1000 Grad. Ich lagere dort unten Desinfektionsmittel, das hätte sich entzünden können, wäre die Feuerwehr nicht so schnell vor Ort gewesen.“

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