Unser Autor ist das erste Mal in seinem Leben mit einem Ballon gefahren und hat seine Erlebnisse festgehalten. © Lukas Wittland
Heißluftballon

Brennende Haare und wacklige Beine: Eine Ballonfahrt übers Ruhrgebiet

Im Heißluftballon spürt man die Abhängigkeit von den Gesetzen der Physik, gleichzeitig scheinen sie dort nicht zu gelten. Eindrücke einer Fahrt mit dem Ballon, die mit brennenden Haaren endet.

Erst langsam, dann immer schneller entfernen wir uns vom Boden. Ebenso schnell haben wir das Gefühl für die Höhe verloren. Die Beine fühlen sich auch nicht mehr ganz so wackelig an, wie noch die ersten Meter in der Luft. Das Erstaunen wie ruhig wir uns mit dem Heißluftballon vom Boden abgesetzt haben, hält aber nach wie vor an.

Flugzeuge, Helikopter und Raketen kämpfen sich mit unglaublichem Lärm in den Himmel. Unser Abheben in Richtung Dortmund ist nur begleitet vom Rauschen des Brenners und nach einiger Zeit der Frage: Wie hoch sind wir gerade? Sie richtet sich an unseren Piloten André Schütte: „250 Meter“, antwortet der 25-Jährige, der am Freitagabend den Ballon fährt, mit dem die „jobmesse dortmund“ für ihre Messe am Wochenende werben will.

Abflug in Werne
Abflug in Werne © Phillip Fischer © Phillip Fischer

Auf fast 500 Meter werden wir bei unserer Fahrt noch steigen, die eigentlich über die Dortmunder Innenstadt hätte gehen sollen. Aber planen und Ballon fahren, das ist so eine Sache. Dabei – es klingt ambivalent – ist die Planung einer Ballonfahrt das wichtigste.

Eine Landung auf dem Friedensplatz will unser Pilot vermeiden

Man muss das Gebiet vorher gut kennen. Die vorherrschenden Windrichtungen in Dortmund sind Südwest und Ost. Aus diesen Richtungen könnte man die Stadt überqueren. Außerdem ist wichtig: Wo sind Hochspannungsleitungen? Wo beginnt die Kontrollzone des Dortmunder Flughafens? Wo können wir später landen?

Vor einer Ballonfahrt müssen mögliche Landepunkte gutgeplant werden.
Vor einer Ballonfahrt müssen mögliche Landepunkte gutgeplant werden. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Am Ende ist man dann aber doch von der Natur abhängig, erklärt André Schütte, der Teil der Junioren-Nationalmannschaft im Heißluftballonfahren ist. Am Freitagabend herrscht zu wenig Wind. Wir würden es nicht über die Dortmunder Innenstadt schaffen. Eine Landung auf dem Friedensplatz möchte unser Pilot vermeiden. Deshalb: Planänderung.

Wir suchen uns einen Abflugplatz in Werne. Auf einem stoppeligen Feld wird Schütte fündig. Kurz fragt er die Bäuerin, ob er auf ihrem Feld starten darf. Sie sagt „du darfst“, dann beginnen wir mit dem Aufbau, der darin besteht, den 2600 Kubikmeter fassenden Ballon auszubreiten und mit einem Ventilator aufzublasen.

Auf einem Stoppelfeld in Werne starteten wir unser Fahrt.
Auf einem Stoppelfeld in Werne starteten wir unser Fahrt. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Wir fahren durchs Luftmeer

Der mit Stahlseilen befestigte Korb richtet sich mit dem Ballon auf, als André Schütte die Luft im Inneren mit dem Brenner erhitzt. Schnell müssen wir zusteigen, denn der Korb braucht Gewicht. Dann fahren wir los.

Ja, wir fahren und fliegen nicht. Darauf legt unser Pilot viel wert. In der Luft erklärt er, dass die Erfindung des Heißluftballon auf die Brüder Etienne und Joseph Montgolfier im Jahre 1783 zurückgeht.

Mit dem Brenner wird die Luft im Ballon erhitzt.
Mit dem Brenner wird die Luft im Ballon erhitzt. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Joseph hatte beobachtet, wie sich der Rock seiner Frau, der vor dem Kamin zum Trocknen hing, durch die heiße Luft aufbauschte. Die Brüder experimentierten und ließen wenig später die ersten Ballone steigen. Der Beginn der Luftfahrt. Wohl in Ermangelung an Begriffen fürs Fliegen, übernahm man die Sprache der Seefahrt.

„Die Ballonfahrer sind die einzigen, die noch durchs Luftmeer fahren“, erzählt André Schütte. Die Messgrößen Höhe und Geschwindigkeit werden wie in der Seefahrt mit Fuß und Knoten angegeben. Mit fast 11 Knoten, etwa 20 km/h, gleiten wir gemächlich durch die Luft. Wind ist nicht zu spüren, denn wir bewegen uns in seiner Geschwindigkeit.

Ein Heißluftballon lässt sich nicht lenken

Der Wind gibt auch vor, wo es uns hintreibt. Lenken lässt sich ein Ballon praktisch nicht. Richtungswechsel sind nur möglich, indem man auf und absteigt und in einer anderen Höhe auf eine wechselnde Windrichtung stößt. Ballonfahren geht nur mit der Natur und nicht gegen sie.

Rauchende Schlote im orangefarbenen Licht
Rauchende Schlote im orangefarbenen Licht © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Die Zeit vergeht wie im Flug. Dieses Sprichwort dürfte in einem Heißluftballon nicht zum ersten Mal gefallen sein. Wobei es auf eine Art stimmt und auf eine andere Art überhaupt nicht.

Denn während wir statt geschätzter zwei Minuten eigentlich schon zehn in der Luft sind, fühlt es sich an, als stünde die Zeit hier oben still. Wir schweben über den Dingen. Noch so ein Spruch, der hier oben zugleich wahr und unwahr ist.

Einerseits ist man in diesem kleinen Korb mit der Brüstung bis zum Bauchnabel losgelöst, von dem da unten am Boden, den rauschenden Autos, grasenden Kühen und rauchenden Kraftwerken. Andererseits fühlt man sich mit dieser Perspektive, in diesem ruhigen Tempo seltsam verbunden mit alldem, obwohl wir nur als Beobachter darüber gleiten.

Der Ballon stürzt ab

Es ist, als hätte uns ein freundlicher alter Herr eingeladen, seine Miniaturlandschaft zu bewundern, die er über Jahre in Handarbeit aufgebaut hat. Das weiße Wasser, das die Wehre der Lippe herunterströmt, sieht aus wie gegossen. Der Güterzug mit seinen bunten Containern, der parallel zum Dortmund-Ems-Kanal, fährt, wirkt wie eine Modell-Eisenbahn, die Wälder wie mühsam aufgestellt und die Felder wie ausgerollt.

In einem Heißluftballon kann man sich frei bewegen. Der Korb geht etwa bis zum Bauchnabel. Fast 500 Meter hoch schwebten wir in der Luft. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Das alles kann man auch aus dem Flugzeug sehen. Doch wir blicken nicht durch ein kleines Fenster, mit zig anderen Passagieren und dem Dröhnen der Turbinen um uns herum. Wir stehen zu dritt in einem kleinen, wackeligen Korb, können uns in alle Richtungen umschauen und haben Ruhe – unterbrochen wird sie nur von den Funksprüchen des Dortmunder Flughafens und dem gelegentlichen Rauschen des Brenners.

Beides verstummt erst, als wir nach 45 Minuten und einem kurzen Aufsetzer auf einem Zaun erstaunlich sanft auf einer Wiese in Bergkamen landen. Rechtlich gesehen sind wir hier abgestürzt und nicht gelandet, denn genau planen, kann man einen Landeort nie.

André Schütte hatte eigentlich das Feld nach der Baumreihe angepeilt und nicht davor, dann bremste uns der geringe Wind am Boden ab. Also: Planänderung.

Dann brennen die Haare

Aus dem Haus hinter der Wiese kommt ein Rentner-Ehepaar mit ihrem Enkel. Ihnen gehört die Wiese. Wie die Rollerfahrer, die auf dem kleinen Feldweg nebenan angehalten haben, um Fotos zu machen, freuen sie sich über den Anblick.

Heißluftballone üben auf die Menschen noch immer eine gewisse Faszination aus. Das haben wir schon auf unserer Fahrt gemerkt. Immer wieder wurde uns zugewunken.

Das Steinkohlekraftwerk in Bergkamen am Dortmund-Ems-Kanal in der Abendsonne.
Das Steinkohlekraftwerk in Bergkamen am Dortmund-Ems-Kanal in der Abendsonne. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Der alte Mann in Karo-Hemd und Latzhose fragt, ob er beim Zusammenlegen helfen soll und schnappt sich sofort ein paar Seile. Er sei selbst schon einmal Ballon gefahren, sagt er. Auch er sei danach getauft worden. Etwas, das uns noch bevorsteht. Schließlich war es unsere erste Fahrt mit einem Ballon.

Nachdem er zusammengelegt und im Anhänger verstaut ist, müssen wir uns auf die Wiese Knien. Unser Pilot spricht einige Sätze vor, die wir nachsprechen müssen.

Dann rupft er an unserem Landeort Gras heraus und legt es uns auf dem Kopf. Er zündet uns eine Haarsträhne an und löscht sie mit einem Bier. Nun sind wir Teil der Ballonfahrer-Familie und verstehen auch, warum der alte Mann sogleich mit anpacken wollte. Denn auch wir sind nun verpflichtet, einem Ballonfahrer beim Verstauen zu helfen, wann immer wir eine Landung sehen.

Über den Autor
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Als gebürtiger Dortmunder bin ich großer Fan der ehrlich-direkten Ruhrpott-Mentalität. Nach meinem journalistischen Start in der Dortmunder Stadtredaktion, schreibe ich mich gerade als Volontär durch die Redaktionen in der Region.
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