Bürgerdienste: Immer mehr Arbeitgeber verlangen Führungszeugnisse - Betriebe streiten das ab

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Immer mehr Unternehmen verlangen von Bewerbern ein Führungszeugnis. Das zeigen die Zahlen der für die Ausstellung zuständigen Bürgerdienste. Die Wirtschaft aber streitet das ab.

Dortmund

, 27.06.2019, 17:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Stadt muss immer mehr Führungszeugnisse ausstellen, „weil Arbeitgeber kaum noch einen Job ohne vergeben.“ Das sagte der Leiter der zuständigen Bürgerdienste Manfred Kruse im Mai dem zuständigen Ratsausschuss. Es ging um die Neuorganisation seines Amtes vor dem Hintergrund der aktuell langen Wartezeiten.

Ein Führungszeugnis, früher „Polizeiliches Führungszeugnis“, ist eine behördliche Bescheinigung über Strafen, die Gerichte gegen eine Person verhängt haben. Oder eben auch eine Bescheinigung über eine weiße Weste. 2014 wurden noch 29.666 Führungszeugnisse bei den Bürgerdiensten beantragt. 2018 waren es bereits 35.136, und für das laufende Jahr rechnet die Stadt mit 36.500 Anträgen, teilte Stadtsprecher Maximilian Löchter auf Anfrage mit.

Ausschlaggebendes Kriterium

Vorstrafen geben Hinweise auf das Sozialverhalten eines Bewerbers und sind für die meisten Arbeitgeber ein ausschlaggebendes Kriterium, sich mit diesem Bewerber nicht weiter zu befassen. Deshalb wäre es verständlich, wenn ein Arbeitgeber auf Nummer sicher gehen und es schwarz auf weiß in Form eines Führungszeugnisses wissen will.

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Doch fragt man bei der örtlichen Wirtschaft nach, kann man sich dort die steigende Zahl der Anträge zur Ausstellung eines Führungszeugnisses nicht erklären. Ernst-Peter Brasse, Geschäftsführer des Unternehmensverbandes der Metallindustrie für Dortmund und Umgebung mit fünf großen Industrieunternehmen und 7000 Beschäftigten sagte, bei keinem einzigen dieser Unternehmen gebe es einen regelmäßigen Bedarf an Führungszeugnissen. Denkbar sei das nur bei compliance-relevanten Positionen, bei denen es um die Regeltreue in der Firma geht. Ansonsten wäre auch der damit verbundene Aufwand für das Unternehmen „kompletter Unsinn“, so Brasse.

Nur bei wenigen Vertrauenspositionen

Auch im Einzelhandel spielt das nach Kenntnis von Thomas Schäfer, Geschäftsführer des Handelsverbands Nordrhein-Westfalen, Westfalen-Münsterland, „nur bei wenigen Vertrauenspositionen eine Rolle“. Ein Anstieg oder gar eine Regelmäßigkeit sei ihm weder bekannt noch würde sie ihm einleuchten, „zumal Datenschutz und Persönlichkeitsschutz selbstverständlich auch im Arbeitsverhältnis gelten.“ Ähnlich lautet der Tenor bei der Industrie- und Handelskammer. Die Aussage, Arbeitgeber würden kaum noch Jobs ohne Führungszeugnis vergeben, treffe so nicht zu, sagte Pressesprecher Gero Brandenburg.

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Ludgerus Niklas, Vize-Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, glaubt ebenso wenig, dass der normale Drei- bis 20-Mann-Betrieb ein Führungszeugnis verlangt. Denkbar sei das höchstens für Handwerker, die in so sensiblen Bereichen wie Krankenhäusern oder Banken Aufträge erledigten. Oder bei einem Leiter einer Autowerkstatt, der für Abgas-Untersuchungen zuständig sei. Niklas: „Das mag es vielleicht vereinzelt geben, aber wir erfahren es nicht.“

Führungszeugnis für den Vermieter

Möglicherweise sind es aber auch Vermieter, die ein Führungszeugnis von ihren Mietern sehen wollen. Der Vermieter habe zwar keinen Anspruch auf die Vorlage eines polizeilichen Führungszeugnisses, sagt Michael Mönig, Geschäftsführer des Eigentümerverbands Haus & Grund. „Es ist allerdings auch nicht unzulässig, wenn der Vermieter ein solches im Rahmen der Wohnungsvermietung verlangt.“

Laut Amtsleiter Kruse ist auch die Zahl der von den Bürgerdiensten ausgestellten Meldebescheinigungen gestiegen. Sie dienen als Nachweis darüber, dass man in der aktuellen Wohnung gemeldet ist. Vor fünf Jahren wurden 20.119 Meldebescheinigungen beantragt, 2018 waren es 23.647, und 2019 werden es rund 25.000 Meldebescheinigungen sein.

Ein Führungszeugnis wird für unterschiedliche Verwendungszwecke ausgestellt, hier aufgelistet von der Stadt Dortmund: – private Gründe (z.B. Einstellung bei privaten Arbeitgebern) – für Behörden (z.B. für eine Gewerbeanmeldung) – für bestimmte Berufsgruppen (Arbeit mit Minderjährigen) ist gegebenenfalls ein erweitertes Führungszeugnis notwendig.
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