„Corona macht mir keine Angst“, sagt die Dame, die den Krieg erlebt hat

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Marie-Luise Klute (86) ist Bewohnerin der Park Residenz in Dortmund. Angst vor Corona haben sie und ihre Mitbewohner im Pflegeheim nicht. Obwohl gerade sie zur Hochrisikogruppe gehören.

Dortmund

, 25.10.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Angst hat Marie-Luise Klute nicht. Mehr geschützt als im Altenheim ginge doch fast gar nicht, sagt sie. Dennoch: „Ich habe Angst um meine Bewohner“, gibt Heike Kopperschläger, Heimleitung der Park Residenz in Dortmund, offen zu. „Bis jetzt gab es aber noch keinen Corona-Fall hier“, entgegnet Frau Klute und die Heimleiterin klopft daraufhin drei mal auf den Holzschrank neben ihr. „Was kommt, das kommt“, sagt wiederum Frau Klute.

Jeden Sonntag spielt sie Bingo und telefoniert mit ihrem Neffen

Marie-Luise Klute ist 86 Jahre alt. Geboren wurde sie 1934 in Herne. „Ich bin ein Kriegskind“, sagt sie. Frau Klute hat keine Kinder, war auch nie verheiratet. Einen Bruder hatte sie, doch der ist vor über 20 Jahren gestorben.

Jeden Sonntag spielt Frau Klute Bingo und telefoniert mit ihrem Neffen aus Hamm. Besuch bekommt sie kaum. Kontakt zu einer netten Dame aus Herne habe sie ab und zu. Zum letzten Mal vor gut zwei Wochen. Da war Herne schon Risikogebiet, Dortmund aber noch nicht. Unten im Atrium des Heims durfte sie sich trotzdem mit ihrer Freundin treffen - mit genügend Sicherheitsabstand, Kontaktdatenaufnahme, Fiebermessen und Handdesinfektion.

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„Hier sind wenig Leute zum unterhalten“, sagt Marie-Luise Klute. „Dafür lese ich lieber oder sehe Fern. Am liebsten Dokumentarfilme oder was auf Phoenix. Langweilig wird es mir nicht. Ich weiß meinen Tag zu gestalten.“

Freizeitangebote mit Hygienekonzept für die Heimbewohner

Trotz Kontaktbeschränkungen sollen die Bewohner der Park Residenz weiterhin die Möglichkeit bekommen, an verschiedenen Gruppen und Freizeitangeboten teilzunehmen. Neulich war ein Panflötenspieler im Haus. „Ich höre sehr gerne Panflöte“, sagt Frau Klute. „Es war nur sehr laut.“

Da lediglich eine begrenzte Anzahl an Heimbewohnern an den Freizeitangeboten gleichzeitig teilnehmen können, wurde die Lautstärke der Panflötenmusik extra laut aufgedreht. So konnten auch die Bewohner in ihren Zimmern etwas davon mitbekommen.

„Es ist alles sehr eingeschränkt. Aber ich denke, dass mit Disziplin und Verständnis jeder durch die Corona-Krise kommen kann“, sagt Frau Klute. „Und wir haben hier im Pflegeheim auch noch keinen Corona-Fall gehabt. Das Haus ist sehr vorsichtig.“

Andere Bewohner würden mehr unter den jetzigen Zuständen leiden. „Man vereinsamt sehr“, sagt Frau Klute. „Also ich kann von mir nicht reden, ich weiß mich zu beschäftigen.“

Kriegszeit war schlimmer als Corona-Krise

„Aber mit denen ich so gesprochen habe, die haben auch keine Angst vor Corona. Einige wissen auch gar nicht, was das ist“, sagt die 86-Jährige. Dass sie keine Angst hat, liegt daran, dass sie in der Kriegszeit aufgewachsen ist. „Ich habe die letzten Kriegsjahre bewusst miterlebt.“

Bombenwürfe und Essensnot waren damals nicht ungewöhnlich. Alles wurde rationiert - nicht nur die Toilettenpapier-Lieferung in den Supermärkten. Die Schule hat nur stundenweise stattgefunden. Erst durfte Frau Klute gar nicht zu Schule gehen, da erst einmal die Älteren und Flüchtlinge dran waren.

Bei Anbruch der Dunkelheit musste sie zu Hause sein. „Da gab es das nicht, dass man um 22 Uhr noch draußen unterwegs war“, sagt sie. „Die Zeit damals war viel schlimmer und nicht vergleichbar mit Corona.“

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Die Corona-Entwicklungen in Dortmund bekommt Frau Klute über das Fernsehen und die Zeitung mit. „Ich finde es richtig, dass den Leuten ein Riegel vorgeschoben wird“, sagt sie. „Da bezahlen manche Leute lieber 200 Mark, als die Maske zu tragen. Hirnrissig.“

Im Altenheim fühlt sich die Seniorin zufrieden und geschützt

Marie-Luise Klute ist gelernte Medizinisch Technische Assistentin. Nach ihrem Examen hat sie von 1955 bis 1957 in Mannheim gewohnt und gearbeitet. In ihrer ersten Dienststelle hat sie 187 Mark verdient, davon musste sie 100 Mark für ein Zimmer zahlen. Untergekommen ist sie bei einer Familie, bei der sie nach 21 Uhr nicht mehr das Badezimmer benutzen durfte. „Da habe ich mich gefühlt wie der Hund in der Hütte“, sagt sie.

Deswegen habe sie alles in die Wege geleitet und sich eine neue Bleibe gesucht. Im Altenheim fühlt sie sich dafür umso wohler. Wenn Frau Klute über die Feste im Pflegeheim spricht, dann leuchten ihre Augen. „Vor 14 Tagen hatten wir ein Herbstfest mit schöner Musik“, erzählt sie. Dass sie dabei eine Maske tragen und Abstand halten muss, stört sie nicht. „Hier in meinem Zimmer bin ich sehr zufrieden.“

Was Marie-Luise Klute beruhigt, ist auch ihr Glaube. „Wenn ich mich abends hinlege, danke ich für den Tag und hoffe, dass es morgen so weiter geht.“ Außerdem ist die 86-Jährige sehr bescheiden. „Was ich mir für meine Zukunft wünsche? Dass ich so weiterleben kann wie bisher und dann irgendwann ohne große Operationen einschlafe.“

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