Grillstuben-Besitzer kämpft um jeden einzelnen Kunden

hzCorona-Krise in Dortmund

Die „Grillstube-Schie“ gibt es seit 57 Jahren. Bisher hat der Imbiss alles überstanden, doch das Coronavirus treibt den Besitzer langsam in den finanziellen Ruin. Wie geht er damit um?

Dortmund

, 31.03.2020, 09:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

So lange sich Udo Schie zurückerinnern kann, war sein Laden noch nie längere Zeit geschlossen. Seit 1963 nicht, als sein Vater ihn eröffnete. Nur an Weihnachten und Neujahr schließt Udo Schie, der Familie zuliebe.

Sein Laden: Das ist eine kleine Imbissbude am Stadthaus; genauer gesagt am Stadewäldchen. „Grillstube-Schie“ steht in blauen, geraden Buchstaben auf einem leuchtenden Schild über der Tür. Von draußen ist der Imbiss leicht zu übersehen, einzig der markante Grillhähnchen-Geruch verrät ihn schon von weitem. „Auch wenn ich im Urlaub war, ein, zwei Tage höchstens mal, hatte ich immer den Laden offen und habe abends `nen Anruf bekommen, was so los war. Man ist gedanklich immer damit beschäftigt“, sagt Udo Schie.

Jetzt rechnet er damit, dass er jeden Moment vorübergehend schließen muss, von einem auf den anderen Tag. Zum ersten Mal seit 57 Jahren. Die Corona-Krise macht auch vor seinem Geschäft nicht halt.

Schie hat nur noch wegen einer Mitarbeiterin geöffnet

Ungefähr 20 Menschen holen sich hier momentan jeden Tag etwas zu essen. Ein Bruchteil nur von einem normalen Tag, als das Coronavirus noch nicht die ganze Republik in ein Geister-Land verwandelte. Das Geld reicht gerade so, um Miete und Strom von dem Imbiss zahlen zu können, sagt der Hausherr.

Jetzt lesen

Udo Schie plant nur noch einen Tag voraus, wenn er einkauft. Eigentlich hat er sowieso nur noch seiner einen Mitarbeiterin zuliebe geöffnet. Sie habe keine andere Einkommensquelle, sei auf das Geld angewiesen. „Deswegen habe ich auch gesagt, wir versuchen das mal. Ansonsten hätte ich wahrscheinlich schon zu gemacht“, sagt Schie.

Er hat noch fünf andere Mitarbeiter, die wollen aber nicht mehr kommen. Weil sie schon Rente beziehen oder von ihrem Partner abgesichert sind, erzählt er. „Die haben es ein bisschen besser.“

„Wenn die Soforthilfe kommen würde, könnte ich überleben“

Große Rücklagen habe er nicht ansparen können. 1997, vor 23 Jahren, hat er den Grillimbiss von seinem Vater übernommen. „Aber mit sowas wie Corona hat keiner rechnen können.“ Vorher war er Bergarbeiter.

Seine Frau arbeite seit 30 Jahren im Gesundheitswesen. Er hofft jetzt, dass er die 9000 Euro Soforthilfe bekommt, die der Bund für Firmen mit bis zu fünf Beschäftigten bereitstellt. Voraussetzung: „Wirtschaftliche Schwierigkeiten in Folge von Corona“, außerdem darf das Unternehmen vor März 2020 noch nicht in diesen wirtschaftlichen Schwierigkeiten gewesen sein.

„Wenn das Geld kommen würde, könnte ich noch ein bisschen überleben. Das wäre schon eine Beruhigung“, sagt Udo Schie. Allgemein wirkt der 56-Jährige optimistisch, was das Coronavirus angeht. „Ich lebe von der Hoffnung“, sagt er.

Dass der Staat jetzt Verschuldungen auf sich nehme, findet er nicht schlimm. Schließlich habe man jahrelang gespart: „Unsere Politik ist echt Bombe. Einige mögen da meckern, aber ich sehe das sehr positiv.“

Jetzt lesen

Ein paar Grillhähnchen drehen sich vorne im Schaufenster an einem Spieß um sich selbst, warm beleuchtet in einem kleinen, mikrowellen-ähnlichem Gerät. Die vielen Küchengeräte geben ein monotones Summen ab, draußen rauschen die Autos auf der Märkischen Straße vorbei. Der Essbereich links von der Tür ist in einem hellem Holz vertäfelt, kleine Sitzecken mit blauen Tischen sind dort eingebaut. Hier sitzt schon seit mehr als zwei Wochen keiner mehr; der Bereich ist abgeriegelt.

Vorschrift vom Ordnungsamt, erklärt Udo Schie. Direkt am Eingang sind Getränkekisten aufgebaut, davor ein Coca-Cola-Aufsteller, auf dem in krakeliger Kreideschrift „Jägerschnitzel mit Pommes 6,60 Euro“ steht.

„Bestellen, bezahlen und wieder gehen“

Gäste können wegen der improvisierten Absperrung nur noch einen halben Meter in den Laden hineingehen, um zu bestellen. Die meisten warten anschließend draußen an der frischen Luft, bis sie bezahlen können. „Ein, zwei, drei, vier Mal Currywurst, vier Mal Pommes Mayo und dann noch zwei Pommes Ketchup“, zählt die junge Verkäuferin zu einem Kunden gewandt auf, während sie die Sachen in die Kasse eintippt. „20 Euro und 40 Cent bitte.“

Jetzt lesen

Der Mann legt ihr ein paar Geldscheine auf den Tresen, ordentlich auf Abstand bedacht. Als er mit den Tüten Essen in der Hand um die Ecke verschwindet, desinfiziert sich die Verkäuferin bereits die Hände. „Ich glaube, Angst vor Corona hat mittlerweile jeder ein bisschen. Am Anfang waren die Leute noch richtig in unserem Laden drinnen. Jetzt sagen wir wirklich: Bestellen, bezahlen und wieder gehen“, meint Udo Schie.

Bei einer Ausgangssperre müsste er schließen

Dabei ist es längst nicht mehr selbstverständlich, dass überhaupt Gäste kommen. Udo Schie hat keinen Lieferservice – „hatte ich vorher auch schon nicht und ham‘ wa jetzt auch nich’, das würden wir jetzt so schnell gar nicht auf die Beine kriegen“, sagt er.

Deswegen ist er darauf angewiesen, dass die Menschen ihre Wohnungen und Häuser verlassen dürfen. „Wir kämpfen wirklich um jeden Kunden. Jeder, der kommt - da bin ich dankbar.“

Wenn aber eine Ausgangssperre kommen würde, hätte das keinen Sinn mehr. „Dann schließe ich die Türen ab.“ Hoffentlich sei das Ganze in einigen Wochen spätestens vorüber und er könne wieder normal öffnen und arbeiten. Bis dahin sieht Udo Schie die Zeit auch als ersten richtigen Urlaub seit 23 Jahren an. Optimistisch, wie er eben ist.

Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt