Kleine Betriebe und Selbstständige geraten durch das Coronavirus in Existenzangst. Praktisch über Nacht fehlen jegliche Einnahmen. Angst hat auch die Dortmunder Tätowiererin Jessie (27).

von Nick Kaspers

Dortmund

, 22.03.2020, 14:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Schlinge an Maßnahmen, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen, zieht sich immer fester zu. Das öffentliche Leben steht nahezu still. Vielen Selbstständigen und Kleinfirmen bleiben die Kunden fern, wenn sie ihre Betriebe nicht sowieso schon schließen mussten. Die Existenz steht auf dem Spiel.

Angst vor der Arbeitslosigkeit hat auch die 27-jährige Jessie „Vandalism“ aus Dortmund. Seit 2013 arbeitet sie als selbstständige Tätowiererin und reist dafür quer durch die ganze Republik. Zuletzt war sie vor allem im Tattoostudio „Heavenly Pain“ in Lünen tätig. Das schloss seine Türen jedoch nach Anordnung der Stadt Lünen am Mittwoch (18.3.).

Für dieses Jahr hatte sie einige Gastaufenthalte - sogenannte Guest Spots - in deutschen Tattoostudios geplant. Darunter waren Studios in Jena, Lüneburg, Hamburg und Berlin. „Die fallen jetzt natürlich alle weg“, erklärt sie. Jessie tätowiert hauptberuflich. „Mir fehlt jetzt mein komplettes Einkommen“, sagt sie.

„Ich muss irgendwie an Geld kommen!“

Und das bringt sie in eine sehr ernste Lage. „Ich muss als selbstständige Tätowiererin hohe Steuern zahlen. Auch die Kosten für meine Krankenversicherung sind unbezahlbar“, führt sie aus. Hinzu kommen die monatlichen Fixkosten für die Wohnung in Dortmund, ein Auto sowie zwei Katzen. „Ich muss irgendwie an Geld kommen“, so der Gedanke.

Vor dem Coronavirus sei Jessies Job gut gelaufen. Sie berichtet: „Eigentlich habe ich nicht schlecht gelebt. Vor allem meine Stammgäste in Lünen waren sehr treu. Ich hatte immer was zu tun und bin gut über die Runden gekommen. Viele Spots haben sich gelohnt“.

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Das Bild habe sich in den letzten drei Wochen gewandelt. Die für Tätowierungen essenziellen Desinfektionsmittel seien nur schwer zu bekommen gewesen. „Ich benutze verhältnismäßig viel Desinfektionsmittel. Gerade in den letzten drei bis vier Wochen wurde der Vorrat sehr kritisch“, erklärt Jessie.

Schon vor ein paar Wochen habe sich das Lüner Tattoostudio, in dem Jessie arbeitet, Gedanken über die Situation mit dem Coronavirus gemacht. Seit einer Woche sei dann allen klar gewesen, dass man aufgrund der Maßnahmen von Bund und Land demnächst schließen müsse.

Seit ein paar Wochen weniger Kunden durch das Virus

Geschäftseinbuße durch das Virus hätten sich angekündigt. Jessie erläutert: „Schon vor ein paar Wochen kamen etwas weniger Kunden als vorher. Das hatte verschiedene Gründe. Manche hatten Angst, manche gaben an, eventuell Kontakt zu Infizierten gehabt zu haben und niemanden anstecken zu wollen“.

Nun habe Jessie selbst Angst - und zwar um ihre Existenz als Tätowiererin. „Mit einem 450-Euro-Job kann ich die Pause leider nicht überbrücken. Damit könnte ich ja noch nicht einmal meine Miete zahlen“, sagt sie beunruhigt. Wirkliche Pläne, wie man die finanziellen Verluste zumindest kurzfristig ausgleichen könnte, habe sie nicht.

„Es wird eine spannende Erfahrung, mit dem Druck umzugehen, irgendwie an Geld kommen zu müssen“, sagt sie: „Die Angst überwiegt. Sicherheit hat man in meiner Branche fast nie. Doch die jetzige Situation ist sehr schwer“.

Wenn die Studios wieder öffnen, wolle die 27-Jährige unverzüglich alles nacharbeiten. „Die Kunden haben oft für ihre Aufträge angezahlt. Ich möchte so schnell es geht wieder arbeiten, um die Aufträge nachzuholen“, ergänzt sie.

Schließung von Tattoostudios sei sinnvoll

Bei aller Belastung empfindet Jessie die Schließung von Tattoostudios trotzdem als sinnvoll. „Wir sehen ein, dass wir kein lebensnotwendiger Betrieb sind und durch den Körperkontakt die Gefahr einer Ansteckung erhöhen“, gibt sie zu.

Gleichzeitig findet sie es unverantwortlich, dass zum Beispiel Friseursalons ganz normal weiterarbeiten. „So dringend braucht man nun wirklich keinen neuen Haarschnitt, dass man dafür eine Ansteckung in Kauf nehmen könnte“, verdeutlicht sie. „Wir müssen alles dafür tun, um die Kurve der Virusverbreitung zu strecken“, so ihr Appell.

Jessie achtet bei der Arbeit besonders auf Hygiene. Sie trägt stets einen Mundschutz - unabhängig vom Coronavirus.

Jessie achtet bei der Arbeit besonders auf Hygiene. Sie trägt stets einen Mundschutz - unabhängig vom Coronavirus. © Privat

Währenddessen ist ein Hilfsfonds der Bundesregierung für Selbstständige und Kleinunternehmen in Planung. Laut Angaben des Spiegels will die Regierung 40 Milliarden Euro als Rettungspaket zur Verfügung stellen - davon 10 Milliarden in Form von direkten Zuschüssen an notleidende Ein-Personen-Betriebe und Kleinstunternehmen.

Jessie hofft auf staatliche Unterstützung

Jessie hat von den Rettungsmaßnahmen der Regierung gehört. Sie glaubt jedoch nicht, dass von dem Geld bei ihr viel ankommt. „Der Unterschied zwischen meiner Hoffnung und der Realität wird bestimmt groß ausfallen. Natürlich hoffe ich, dass mir durch das Rettungspaket geholfen wird, aber ich glaube nicht, dass das passiert“, schildert sie.

Die Tätowiererin geht davon aus, dass ihre Branche wenig von dem angekündigten Geld erhalten wird. „Häufig geraten große Unternehmen in den Fokus von solchen Hilfspaketen. Welche Rolle spielen wir Tätowierer schon?“, fragt sie: „Ich hoffe, wir Tätowierer werden gesehen.“

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