Darum verbringt der „Eiermann“ trotz Schmerzen den ganzen Tag in seinem Lieferwagen

hzNahversorgung in Deusen

Viele, vor allem ältere Menschen in Deusen, leben in Sorge. Sie haben Angst, dass Winfried Waltermann in den Ruhestand gehen könnte. Dann würde in vielen Deusener Kühlschränken etwas fehlen.

Deusen

, 20.08.2019, 15:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Winfried Waltermann ist 77 Jahre alt und hat eine hartnäckige Entzündung am Fuß. Jeder könnte nachvollziehen, wenn Winfried Waltermann in den Ruhestand gehen würde. Doch in vielen Gemeinden des Ruhrgebietes würde man ihn schmerzlich vermissen - auch in Deusen wird er regelmäßig darauf angesprochen, doch bitte weiterzumachen. Und Waltermann denkt nicht dran, aufzuhören, er fühlt sich seinen Kunden verpflichtet. Denn die brauchen ihn.

Der Ruhestandsverweigerer aus Ladbergen im Münsterland ist einer der letzten, der mit einem rollenden Lebensmittelladen auf Tour ist. In Deusen kennt man ihn als den „Eiermann“. Frische Eier, in der Regel morgens bei einem Hof nahe Münster abgeholt, sind sein Hauptgeschäft. Doch er fährt noch weitere Direktvermarkter an und und kann in seinem Wagen viele deftige Konserven mit eingekochtem Fleisch, frischem Geflügelfleisch oder Gemüse wie Schnibbel-Bohnen oder Grünkohl anbieten. Das Angebot variiert saisonbedingt je nach Angebot seiner Lieferanten. Zuletzt gab es frische Tomaten.

Alles Stammkunden

An jedem Freitag ab 14.30 Uhr liefert Waltermann diese Waren an seine rund 80 Deusener Kunden, praktisch alles Stammkunden. Einen anderen Dortmunder Ortsteil fährt er übrigens nicht an. Nur in Deusen ist er auf einer festen Route auf allen Straßen unterwegs. Seine Kunden müssen nie weit gehen, wenn sie die vertraute Klingel hören. Damit füllt Winfried Waltermann eine wichtige Versorgungslücke in Deusen. Dort gibt es seit Jahren keinen Supermarkt mehr und die nächstgelegenen in Huckarde sind für Senioren ohne Auto praktisch nicht erreichbar.

Das erste Mal fuhr Winfried Waltermann vor 42 Jahren durch Deusen. Damals war der Hofbesitzer vor allem Geflügelzüchter, der die Eier seiner 5000 Hühner selbst vermarkten wollte. Er meldete sich auf eine Zeitungsanzeige. Der Inhaber eines rollenden Supermarktes gab sein Geschäft auf. „Ich konnte damals eine ausgereifte Route und eine Stammkundschaft übernehmen“, erinnert sich Winfried Waltermann. „Ich habe gleich am nächsten Tag Gewinn gemacht.“

Niemals aus Marktplätze

Das Geschäft lief traumhaft. Zeitweise fuhren vier Transporter, kleine VW-Bullis, unter seiner Leitung. Doch weil er nie ein Freund der Organisation, Personal-Planung und Buchführung war, verkleinerte er mit der Zeit sein Unternehmen. Irgendwann fuhr nur noch er allein, weil er sein zuverlässigster Mitarbeiter war. Er verkaufte seine Waren auch nie auf klassischen Marktplätzen, zuviel Organisieren.

Dann gab er die Hühnerzucht auf. „Die Bestimmungen wurden so kompliziert, das habe ich nicht mehr geschafft“, so Winfried Waltermann. Noch immer lebt er auf seinem Hof, doch die 2600 Quadratmeter großen Ställe sind leer.

Produkte aus der Region

Seine Touren führen ihn von Münster bis Dortmund und Oer-Erkenschwick, ein großes Gebiet. Doch weil in diesen Gegenden auch viele seiner Lieferanten liegen, ist jede Verkaufstour auch eine Einkaufstour. Er muss keine Fahrt doppelt machen. Das Geschäft lohnt sich noch immer, sagt er. Das liegt auch daran, dass viele Gaststätten zu seinen Kunden zählen, die auf ihren Speisekarten gerne Gerichte mit „Produkten aus der Region“ anbieten wollen.

Doch abends, so muss er mit Bedauern zugeben, krabbelt er mittlerweile ganz schön geschafft aus seinem Transporter. So ein Arbeitstag schlaucht. Doch er bleibt dabei, ans Aufhören denkt er nicht. „So ist das mit Freiberuflern“, scherzt er.

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