Geheimnisvolles Armband erzählt bewegte Geschichte eines Dortmunder Kriegsgefangenen

hzFlohmarkt-Fund

Friedhelm Schoppe findet inmitten rostiger Nägel ein altes Schmuckstück. Das Armband bringt ihn auf die Spur des Dortmunders Edwin Pelz und dessen ungewöhnlicher Geschichte.

Dortmund

, 31.01.2020, 14:10 Uhr / Lesedauer: 3 min

Friedhelm Schoppe ist kein Typ, der viel Freizeit vor der Glotze vebringt. Der 65-Jährige fährt lieber durch die Region, fotografiert verlassene Gebäude oder besucht Flohmärkte - immer auf der Suche nach etwas Mysteriösem, Geheimnisvollem. Und ein solches Rätsel fiel ihm unversehens in die Hände. In Form eines Armbands, das eine ganze Geschichte erzählt.

Es ist schon einige Zeit her, dass sich Schoppe auf einem Trödelmarkt an der Martener Zeche Germania umschaute und ihm eine alte Zigarrenkiste ins Auge fiel. Als er die Verkäuferin darauf ansprach, erfuhr er, dass die Kiste zwar preiswert zu haben sei, er dafür aber auch deren Inhalt mitnehmen müsse. „Und der bestand aus einem ganzen Haufen alter Nägel“, erinnert sich der Hombrucher.

Inmitten rostiger Nägel lag ein Armband

Er machte dennoch selbige mit Köpfen, erwarb die Box und schüttete sie zu Hause vorsichtig aus. Eigentlich wollte Schoppe so ja nur die Holzkiste reinigen, doch dann stieß er plötzlich auf etwas Ungwöhnliches: Inmitten der Nägel lag ein Armband. „Das war total schwarz“, sagt der Hombrucher“, man konnte nichts darauf erkennen.“

Das sollte sich ändern, nachdem er das Schmuckstück vorsichtig gereinigt hatte. Denn auf der Gravurplatte des silbernen Schmucks kamen die Worte „Edwin Pelz 1944 46, Memphis USA“ sowie ein Indianerkopf zum Vorschein. Ein interessierter Mensch wie Friedhelm Schoppe lässt sich in einem solchen Fall nicht zweimal bitten: „Ich wollte unbedingt herausfinden: Wer ist Edwin Pelz?“

Im Internet recherchierte Friedhelm Schoppe - und fand erstaunliche Details über das Leben des Dortmunders Edwin Pelz.

Im Internet recherchierte Friedhelm Schoppe - und fand erstaunliche Details über das Leben des Dortmunders Edwin Pelz. © Michael Schuh

Vor wenigen Jahrzehnten hätte der Dortmunder dafür noch Archive durchforsten oder sogar in die USA reisen müssen, doch im 21. Jahrhundert zieht man zunächst einmal das Internet zu Rate. „Also habe ich den Namen Edwin Pelz bei Google eingegeben“, erzählt Schoppe. „Und ich dachte mir: Wenn er noch lebt, dann rufst du ihn an und erzählst ihm von dem Fund.“

Doch die Recherche führte nicht zu einer Telefonnummer oder Adresse. Vielmehr kam - wie bei dem Armband, wo ein Glied ins nächste greift - ein Detail nach dem anderen über besagten Edwin Pelz ans Licht. „Es war wirklich mühsam, so viele Seiten auf Englisch durchzulesen“, sagt der 65-Jährige, „aber ich fand das eben total interessant.“

Mit der Queen Mary in die USA

Denn sowohl amerikanische Zeitungen als auch historische Abhandlungen hatten sich mit Pelz, der tatsächlich aus Dortmund stammte, befasst. Und so fand Schoppe heraus, dass der Dortmunder als Soldat in der Normandie stationiert war, wo er am 24. Juni 1944 in alliierte Gefangenschaft geriet.

Mit anderen Kriegsgefangenen wurde Pelz daraufhin auf der umgebauten Queen Mary in die Vereinigten Staaten und anschließend in ein Militärdepot in Memphis gebracht. Und dort, so schrieb noch im Jahr 2019 eine amerikanische Zeitung, die sich auf Pelz‘ Memoiren berief, habe er sich „tief in Memphis verliebt“.

Als Baumwollpflücker gearbeitet

Besonders überrascht sei er über die Freundlichkeit der Amerikaner gewesen, wenngleich die Gefangenschaft auch ihre harten Seiten hatte: Der Dortmunder arbeitete unter anderem als Baumwollpflücker und musste miterleben, dass die Verpflegung der Gefangenen nach der Kapitulation Deutschlands gekürzt wurde. Doch einige amerikanische Staatsbürger hätten den Deutschen - entgegen der Vorschriften - Essen zugesteckt.

1946 sei Pelz dann nach Dortmund zurückgekehrt, wo er später als Concierge im Hotel „Römischer Kaiser“ gearbeitet habe.

Dass die amerikanischen Zeitungsartikel der Wahrheit entsprechen, bestätigt Horst Essenburger, der 2005 als Chefportier des Park Inn Hotels, vormals Römischer Kaiser, in den Ruhestand ging: „Edwin Pelz war mein Chef - und wirklich in Ordnung. Seine Frau und er sind schon lange tot; ihre Ehe blieb kinderlos.“

Im Internet sind sogar noch Fotos zu finden, die die Ankunft des Ehepaares Pelz in Memphis im Jahr 1975 dokumentieren.

Im Internet sind sogar noch Fotos zu finden, die die Ankunft des Ehepaares Pelz in Memphis im Jahr 1975 dokumentieren. © Dennis Werner

Doch mit der Rückkehr nach Westfalen ist die Geschichte des Dortmunders in Tennessee noch nicht zu Ende erzählt. 1974, so fand Friedhelm Schoppe bei seinen Recherchen heraus, schrieb Edwin Pelz einen Brief an eine Zeitung in Memphis, in dem er sich für die Freundlichkeit der Amerikaner während seiner Kriegsgefangenschaft bedankte: „So lange ich lebe, werde ich mich daran erinnern.“

Die Zeitung veröffentlichte den Brief und berichtete über Pelz‘ Geschichte, worauf Leser einen Fonds gründeten, 1600 Dollar sammelten und den Dortmunder mit seiner Frau Elisabeth nach Memphis einluden. „Oh mein Gott, ich bin so glücklich“, soll Pelz gerufen haben, als er von dem Fonds erfuhr.

Ehre für den einstigen Gefangenen

Am 4. Juni 1975 kam das Dortmunder Ehepaar schließlich in Memphis an, wo der Bürgermeister - welche Ehre - dem einstigen Gefangenen den Schlüssel der Stadt überreichte. In den folgenden drei Wochen habe das Paar dann unter anderem das Depot besucht, in dem Pelz inhaftiert war, und sei mehrfach eingeladen worden.

„Memphis hat sich verändert, aber die Leute haben es nicht“, soll der Dortmunder gesagt haben. „Sie sind so warm und freundlich.“ Und die Zeitungsredaktion gab dieses Lob zurück: „Wegen Ihrer Dankbarkeit für kleinste Freundlichkeiten haben sich viele Menschen in Memphis wohl gefühlt.“

In dieser Zigarrenkiste lag das silberne Armband; allerdings war die Holzbox anfangs so verschmutzt, dass das Schmuckstück nicht zu erkennen war. Wie es in die Kiste kam, bleibt ein Rätsel.

In dieser Zigarrenkiste lag das silberne Armband; allerdings war die Holzbox anfangs so verschmutzt, dass das Schmuckstück nicht zu erkennen war. Wie es in die Kiste kam, bleibt ein Rätsel. © Michael Schuh

So hat das verschmutzte Armband, das Friedhelm Schoppe auf einem Trödelmarkt fand, letztlich dafür gesorgt, dass die bewegende Lebensgeschichte eines Dortmunders ans Tageslicht kam. Nur eine Frage bleibt offen: Wie kam das Schmuckstück in jene Zigarrenkiste, umgeben von einem Haufen rostiger Nägel?

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