DDR-Opposition: Diese Dortmunderin kämpfte für die Freiheit

hzJahrestag des Mauerfalls

Sarah Jasinszczak war in der DDR-Opposition aktiv. Ihre Stasi-Akte umfasst drei Bände. Heute lebt sie in Dortmund – und erinnert sich zum Jahrestag des Mauerfalls an ihre Zeit im Untergrund.

Dortmund

, 09.11.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Von ihrem Kinderzimmer aus blickt Sarah Jasinszczak auf den Todesstreifen. Täglich sieht sie Stacheldraht und Soldaten. Geboren 1965, wächst sie in Ost-Berlin auf. Früh geht Sarah Jasinszczak in die Opposition gegen die DDR-Diktatur. Heute wohnt sie in Dortmund.

„Mein Vater war Polizist, deshalb durften wir direkt an der Grenze wohnen. Ich habe an der Oderberger Straße gespielt, die endet heute im Mauerpark.“ Bereits mit 12, 13 Jahren entwickelt Sarah Jasinszczak politisches Bewusstsein. Mit ihrem systemtreuen Vater schaut sie Aktuelle Kamera und Tagesschau. „So ab 15 war ich dann zunehmend anderer Meinung als er.“

„Ich habe früh erlebt, dass sich Menschen, in dem was sie tun wollten, nicht frei entfalten konnten.“ Auch in ihrer Familie gibt es politische Spannungen. Doch: „Mein Vater hat immer zu mir gestanden, obwohl ich politisch anderer Meinung war.“ Für einen Polizisten ist das in der DDR ein großes Risiko.

Stasi-Akte

Kurz nachdem 1984 die Militärparade zum 35. Geburtstag der DDR durch Ost-Berlin marschiert, bekommt Sarah Jasinszczak ihre Stasi-Akte. Diese wird bis zum Zusammenbruch des Systems auf drei Bände anwachsen.

Damals 17, schreibt Sarah Jasinszczak eine offizielle Eingabe an den DDR Staatsrat, in dem sie die Militärparade kritisiert. Diese verstoße gegen das Potsdamer Abkommen. Das Nachkriegsabkommen verbietet Militärparaden auf deutschem Boden. Auch wegen dieser Auffälligkeit darf sie später nicht Germanistik studieren – trotz eines Einser-Abiturs.

Bibliotheksdienst

Sarah Jasinszczak tritt der Jugendorganisation Weißenseer Friedenskreis bei, setzt sich dort für den Umweltschutz ein. Als sie 20 ist, besucht sie für eine Recherche die sogenannte Umwelt-Bibliothek in Ost-Berlin. Ein Zentrum des DDR-Untergrunds.

Im Keller des Gemeindehauses der Berliner Zionskirche hat Pfarrer Hans Simon erlaubt, eine Bibliothek mit unerwünschter Literatur aufzubauen. Dort wurden später unter dem Schutz der Kirche die Umweltblätter gedruckt. Und ohne diesen Schutz die verbotene Untergrundzeitschrift Grenzfall. Die Umwelt-Bibliothek war die einzige DDR-Druckerei, die nicht vom Staat kontrolliert wurde.

„Man hat mich dann direkt gefragt, ob ich nicht mal Bibliotheksdienst machen wollte“, erzählt sie. Sarah Jasinszczek nimmt an. Dass sie sich damit in den Fokus der Stasi begibt, ist ihr zunächst nicht bewusst.

„Je länger ich in der Umwelt-Bibliothek war, desto gefährlicher wurde es auch“, sagt Sarah Jasinszczak heute. „Nur haben wir das nicht so eingeschätzt. Manchmal auf dem Nachhauseweg haben wir gescherzt: ‚Schau mal, der ist bestimmt von der Stasi‘.“

Gebrochene Allmacht

In einer Novembernacht des Jahres 1987 kommt es schließlich zur Eskalation: „Hände hoch! Maschinen aus!“ Um die Oppositionsbewegung zu zerschlagen, stürmt die DDR-Staatssicherheit mit Waffen im Anschlag den Keller des Gemeindehauses der Zionskirche. Sieben Menschen werden bei der Aktion Falle festgenommen, darunter auch Andreas Kalk – Sarah Jasinszczaks damaliger Freund.

„Sie haben ihn noch mit schwarzer Farbe an den Fingern erwischt“, erzählt diese. „Er konnte also schlecht behaupten, er hätte nichts damit zu tun.“ Kalk wird festgehalten und von der Stasi verhört, kommt aber wieder frei. Sarah Jasinszczak ist in der Nacht nicht in der Bibliothek.

DDR-Opposition: Diese Dortmunderin kämpfte für die Freiheit

Sarah Jasinszczak arbeitet heute als Theaterpädagogin am Schauspiel Dortmund. © Bastian Pietsch

Die Razzia wird eine schwerer Schlag für den Allmachtsanspruch der Stasi. Denn anders als vorgesehen ist die Redaktion des Grenzfall zu diesem Zeitpunkt nicht in der Bibliothek. Und: „Die Stasi war zu früh. Es wurden noch die Umweltblätter gedruckt. Derjenige, der die Druckmatrize für den Grenzfall hatte, hat dann schnell reagiert. Er hat die auf der Toilette hinter dem Fallrohr versteckt.“

Die Stasi findet zwar Matrizen, für einen Nachweis, dass der Grenzfall dort im Keller des Gemeindehauses der Zionskirche gedruckt wurde, reicht das aber nicht. Die gescheiterte Razzia macht die Umwelt-Bibliothek schlagartig deutschlandweit bekannt.

Freiheit der Andersdenkenden

Sarah Jasinszczak ist weiter in der Opposition aktiv. Ihre Arbeit in der Umwelt-Bibliothek ist wichtig für den halbwegs freien Gedankenaustausch in der DDR-Diktatur. „Es gab in mir immer so etwas Ungehorsames. Ich wollte immer mehr wissen“, sagt Sarah Jasinszczak heute.

Als sie gemeinsam mit Andreas Kalk ein Plakat mit einem Rosa-Luxemburg-Zitat malt, ist ihr noch nicht klar, dass dieses ihrem Freund zum Verhängnis werden wird. Darauf steht: „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.“

In Hohenschönhausen

Jahr für Jahr ruft die DDR-Führung zur Demonstration zu Ehren von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht auf. Als Andreas Kalk das Plakat mit dem Rosa-Luxemburg-Zitat hochhält, wird er verhaftet. Diesmal landet er für ein halbes Jahr im berüchtigten Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Sarah Jasinszczak nimmt nur deshalb nicht an der Demonstration teil, weil sie im Krankenhaus liegt.

Doch auch sie gerät später kurzzeitig in die Fänge der Stasi. Zusammen mit anderen Aktivisten des Friedenskreises postiert sie sich bei der DDR-Kommunalwahl im Mai 1989 vor Wahllokalen und zählt Wähler. So trägt sie zur Aufdeckung der Wahlfälschung bei.

Als sie demonstrativ mit einer großen Wahlurne durch die Straßen läuft, wird auch sie von der Stasi gefasst und zum Verhör gebracht. Mitten in der Nacht wird sie wieder auf die Straße gesetzt.

Über die Grenze

Von der Grenzöffnung erfährt Sarah Jasinszczak am 9. November 1989 wie viele andere auch aus dem Fernsehen. „Ich war in der Bibliothek“, erzählt sie. Dort schaut sie die berühmte Pressekonferenz, in der Günter Schabowski die unverzügliche Ausreise quasi herbeistammelte.

„Es war so irritierend, dass ich erst dachte, es ginge um ein Visum“, erinnert sich Sarah Jasinszczak. „Wir sind dann aber rüber zur Bornholmer Straße.“ Was dann dort geschah, ist kollektive Erinnerung: Um 23.30 Uhr stellen die Grenzer am dortigen Übergang als erste die Passkontrollen ein. Tausende DDR-Bürger machen sich über die Bösebrücke auf den Weg nach West-Berlin.

Ein Brief der Kanzlerin

Sarah Jasinszscak bleibt selbst eine Woche in West-Berlin. Besucht Freunde und Bekannte. Ihren Personalausweis vergisst sie im Osten. Zurück kommt sie später dennoch.

Sarah Jasinszczak stellt nie einen Ausreiseantrag, auch nicht, als ihr das nach der Verhaftung von Andreas Kalk nahe gelegt wird. „Ich fühlte mich für dieses Land, in dem ich geboren war verantwortlich.“ Auch nach dem Mauerfall bleibt sie noch Jahre in der ehemaligen DDR, gründet eine Landkommune und arbeitet an verschiedenen Theatern. Nach Dortmund kommt sie wegen Schauspiel-Intendant Kay Voges.

Vor zehn Jahren, zum 20. Jahrestag des Mauerfalls, bekommt Sarah Jasinszczak einen Brief von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Darin schreibe sie, dass beide an diesem historischen 9. November gemeinsam über die Grenze an der Bornholmer Straße gegangen seien.

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