Der Westenhellweg wird sich verändern – das muss nicht schlecht sein

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Die Corona-Krise wird den Einzelhandel in Dortmund verändern. Darüber waren sich die Experten beim Digitalen Stammtisch einig. Sie zeigten aber auf, dass der Wandel auch Chancen birgt.

Dortmund

, 28.05.2020, 21:40 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es ist ja längst nicht so, dass für den Einzelhandel in Dortmund erst mit der Corona-Krise Umsatzprobleme aufgetaucht sind. Die Modekette Esprit und verschiedene Boutiquen zum Beispiel haben schon gegen Ende des vergangenen Jahres ihre Läden in der City geschlossen. „Die Handelslandschaft ist schon seit einiger Zeit in Bewegung“, sagte Thomas Schäfer, Geschäftsführer des Handelsverbandes Westfalen-Münsterland, beim Digitalen Stammtisch unserer Redaktion.

Über die aktuellen Nöte und die Zukunft des Einzelhandels diskutierten am Donnerstagabend auch Ute Kersting, Blumenhändlerin und Vorsitzende der Aktions- und Interessengemeinschaft Kreuzviertel, und der Immobilienexperte Andreas Grüß von Lührmann Immobilien.

„Der Umsatzeinbruch in Dortmund ist noch immer deutlich. Die Händler erreichen etwa 60 Prozent ihres Umsatzes aus der Zeit vor Corona. Viele sagen auch, dass sie erst 40 Prozent des Umsatzes machen“, sagte Thomas Schäfer. Eine Kaufzurückhaltung stellt Ute Kersting gerade bei älteren Menschen fest, die mit Mund-Nasen-Schutz nicht gerne ins Geschäft kämen. Jüngere Kunden hingegen würden immer häufiger nicht mehr so auf Maske und Abstand achten.

Angst vor frei werdenden Einzelhandelsflächen?

Auch, wenn der Umsatz auf dem Westenhellweg im Gegensatz zur Passantenfrequenz noch nicht wieder das Vor-Corona-Niveau erreicht hat, macht sich der Immobilienfachmann Andreas Grüß keine Sorgen um die Einkaufsmeile. „1b-Lagen wie der Ostenhellweg leiden, aber der Westenhellweg ist stabil. Das ist ein Trend, der sich abzeichnet. Im Moment gibt es zwar keine Nachfrage nach Immobilien am Westenhellweg, aber die wird zurückkommen“, so Grüß. „Wir haben Gesuche für das Jahresende und auch schon für 2021.“

Dass Dortmund dennoch vor einer großen Herausforderung stehe, machte der Immobilienexperte mit einer interessanten Zahl deutlich: „In Dortmund werden in den nächsten Jahren mehr als 20.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche zu vermarkten sein“, sagte Andreas Grüß, der die 1a-Lagen in allen deutschen Großstädten kennt. 20.000 Quadratmeter bedeuten, dass die Verkaufsfläche in der Größenordnung einer ganzen Thier-Galerie vermietet und genutzt werden muss.

Digitaler Stammtisch Einzelhandel

Stirbt der Einzelhandel? Darüber, wie der Westenhellweg wohl in den nächsten Jahren aussehen könnte, sprachen beim Digitalen Stammtisch Ute Kersting (oben l.), Vorsitzende der Aktions- und Interessengemeinschaft Kreuzviertel, der Immobilienexperte Andreas Grüß (oben r.), und Thomas Schäfer (unten l.), Geschäftsführer des Handelsverbandes Westfalen-Münsterland. © Grafik Sauerland

Während Thomas Schäfer das als den schlimmsten anzunehmenden Fall einstufte, sagte Andreas Grüß, dass Dortmund davor gar keine Angst haben müsse: „Es kommen neue Interessenten auf den Markt - beispielsweise Online-Händler. Wir haben beste Deals mit Mister Spex (Optiker) oder Zalando gemacht“. Stationärer und Online-Handel würden miteinander verschmelzen. „In der City geht es um Erlebniswelten durch tolle Stores statt Verkaufsfläche. Ob das Geschäft dann online oder im Laden gemacht wird, ist egal“, so Grüß.

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Generell seien die Einkaufszonen inzwischen zu lang. In Dortmund sehe man das, sagte Andreas Grüß, etwa am Ostenhellweg oder an dem Stück Westenhellweg hinter der Thier-Galerie. Die gelte es umzuwidmen. „Ein attraktives Gesamtangebot hilft einer Innenstadt immer. Wir müssen Cities anders darstellen: mit mehr Wohnen und Dienstleistungen. Bei Hotels sehe ich in Dortmund eine Grenze erreicht“, so Thomas Schäfer.

Unterschiedliche Prognosen zur Karstadt Kaufhof

Ute Kersting betonte, dass die Einkaufslagen in den Stadtbezirken, nicht so uniform daherkommen wie die Innenstädte in Deutschland, die vielfach austauschbar seien. Im Kreuzviertel etwa gebe es spezielle und individuelle Angebote, Kundennähe und ein Wir-Gefühl.

Unterschiedlich war die Einschätzung zur Zukunft von Karstadt Kaufhof in Dortmund. Während Thomas Schäfer allen drei Standorten des Handelsriesen gute Überlebenschancen einräumt, empfindet Ute Kersting im „verstaubten“ Kaufhof das geringste Einkaufserlebnis. Und Andreas Grüß ließ mit der Einschätzung aufhorchen, dass wohl ein Haus geschlossen wird: „Ich glaube, dass ein Standort entwickelt werden muss – und sich auch entwickeln lässt.“

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