Derby in Dortmunder Kneipe: „BVB-Hurensöhne“ und „Scheiß S04“ vom Band

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Eine kleine Kneipe unweit des Signal Iduna Parks ist am Samstag beim Geisterderby ganz groß rausgekommen. Und das, obwohl sie nur sieben Gäste hatte. Ein Erlebnisbericht.

Dortmund

, 16.05.2020, 23:40 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein BVB-Spiel in einer Kneipe gucken - das sind gleich zwei Dinge, auf die viele Dortmunder seit März von jetzt auf gleich verzichten mussten. Am Samstag war das Warten vorbei.

Das Spiel hatte zwar keine Zuschauer und die Kneipen so hohe Auflagen, dass viele gar nicht erst aufmachten. Aber es war wieder möglich, einen Samstagnachmittag mit Freunden und einem Fußballspiel zu verbringen.

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Journalisten-Auflauf im „Briefkästchen“

Ich wähle dafür an diesem Derby-Tag das „Briefkästchen“ an der Landgrafenstraße, nahe der Pilger-Meile Hohe Straße. Ich bin nicht der einzige, der sehen möchte, wie sich ein Geisterspiel in einer klassischen Dortmunder Schankwirtschaft im Mai 2020 anfühlt. Während der 90 Minuten sind Journalisten von WDR, Deutschlandfunk und den Agenturen Reuters und AFP im „Briefkästchen“.

Viel Abstand und gesperrter Tresen in der Kneipe "Briefkästchen".

Viel Abstand und gesperrter Tresen in der Kneipe "Briefkästchen". © Felix Guth

Sie alle tragen sich in die „Adressliste“ ein, die am Eingang neben einem Fläschchen Desinfektionsmittel ausliegt. Außer den Pressevertretern stehen da noch sieben Namen, Anschriften und Handynummern von sieben Männern, die sich bis zum Vorabend bei Wirtin Anja Besken angemeldet hatten.

Mundschutz beim Aufstehen, Begrenzung beim Klo-Gang

Die Gäste sitzen auf die Ecken des schmalen Lokals verteilt. In Rufweite, aber nicht so nah, dass es gegen die Abstandsregeln verstößt. Wer aufsteht, muss den Mundschutz aufsetzen, an den Tischen darf er unten bleiben, Wirt Peter Besken trägt ihn die ganze Zeit.

Desinfektionsmittel war im "Briefkästchen" vorgeschrieben.

Desinfektionsmittel war im "Briefkästchen" vorgeschrieben. © Felix Guth

Es darf nur eine Person auf die Toilette. Offen bleibt die Frage: Wie viele Spucke-Partikel schweben eigentlich bei einem Tor-Schrei durch die Luft?

Nur die virtuelle Tonspur macht die Geister-Atmosphäre erträglich

Ab 15.30 Uhr zählen endlich wieder nur die Regeln des Spiels. In den ersten Minuten schwappt die Geisteratmosphäre in die Kneipe über, die nur einen knappen Kilometer vom Signal Iduna Park entfernt liegt.

Denn der Originalton aus dem Stadion transportiert die Realität. Leere Tribünen, das Ploppen des Balles, die Rufe der Trainer - aber eben keine Fangesänge. Doch genau gegen dieses Gefühl hat der TV-Sender „Sky“ eine Extra-Tonspur vorbereitet.

Diese spielt - nach Regie gesteuert - Fan-Reaktionen auf das Spiel ein. Schalker werden bei Ballbesitz ausgepfiffen, der BVB angefeuert, es ist auch „Scheiß S04“ oder „BVB Hurensöhne“ vom Band zu hören.

Das ist eine Scheinwelt. Aber es macht das Geisterderby erträglich.

Normalerweise hört man hier den Tor-Schrei vor dem TV-Signal

„Normalerweise ist es hier so: Wenn du draußen stehst, hörst du den Torschrei im Stadion. Und wenn du dann schnell rein gehst, siehst du, wie das Tor fällt“, sagt Wirt Peter Besken.

Dieses Gefühl wird noch eine Weile fehlen, die Infektionswelle schlägt die Schallwelle. Trotzdem: Der Tor-Moment ist auch mit sieben Menschen in einer Kneipe ein guter Moment. Wenn man ausblendet, dass das eigentlich eine große Geister-Show ist, die hier gerade abläuft.

Kartoffelsalat mit Frikadelle - aber „Briefkästchen“ ist keine Speisegaststätte

Aber offenbar reichen acht Wochen Entnormalisierung aus, um solche Momente zu feiern. In der Halbzeitpause duftet es nach Essen im „Briefkästchen“. Anja Besken serviert Frikadelle mit Kartoffelsalat.

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Das macht sie nach aktuellen Regeln nicht zur Speisegaststätte, auch wenn der Kochgrad ihrer Kartoffeln vom Publikum ausdrücklich gelobt wird. Sie freut sich über die Aufmerksamkeit für ihre kleine Kneipe. Sie berichtet zugleich von der Ratlosigkeit, auf die sie gerade bei städtischen Ämtern und anderen Gastronomen trifft

Eine Kneipe wie das „Briefkästchen“ lebt vom BVB. Statt sieben Gästen auf drei Tische verteilt würden sich hier sonst Fanclubs und Stammgäste am Tresen drängen und vier Derby-Tore bis in die Nacht feiern.

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