Die Bahn schweigt: Hat sie ein denkmalgeschütztes Bahnsteigdach einfach verschrottet?

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Politiker haben Fragen. Die Dortmunder Denkmalbehörde ist guten Glaubens. Aber die Deutsche Bahn schweigt seit Wochen. Hat sie ein historisch wertvolles Bahnsteigdach einfach verschrottet?

Mengede

, 27.02.2020, 17:49 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Beschreibung erscheint zeitlos: „Der Bahnsteig hat lange auf eine Überdachung warten müssen. Hoffentlich werden die jetzt begonnenen Arbeiten bald vollendet werden. Denn gerade bei der augenblicklichen Ungunst der Witterung empfindet man das Herumstehen und Gehen auf dem schmutzigen und zugigen Perron recht unangenehm.“

Das Zitat stammt aus einem Zeitungsbericht – aus dem Jahr 1904. Damals erhielt der Mengeder Bahnhof ein Bahnsteigdach. Als die Deutsche Bahn 2018 damit begann, den Bahnsteig 1/2 für den Rhein-Ruhr-Express zu verlängern und zu modernisieren, baute sie das Dach ab. Vor der Bezirksvertretung hatte ein Vertreter von DB Station & Service im November 2016 versprochen, es zu restaurieren und wieder aufzubauen.

Bahn plante Wiederaufbau für 2021

Viele Mengeder vertrauen darauf. Noch im Juli 2019 teilte die Bahn im Zusammenhang mit dem barrierefreien Ausbau dieser Redaktion ungefragt mit: „Der Wiederaufbau des Daches ist für das Frühjahr 2021 geplant. Teile des denkmalgeschützten Daches müssen restauriert, andere Teile nachgefertigt werden.“ Kein Grund zur Sorge, also. Oder doch?

2017, vor dem Umbau: Das denkmalgeschützte Dach schützte Reisende auf der damaligen Rampe vor Regen.

2017, vor dem Umbau: Das denkmalgeschützte Dach schützte Reisende auf der damaligen Rampe vor Regen. © privat

In der Februar-Sitzung der Bezirksvertretung stellten die Grünen eine Anfrage: Sie bittet um Auskunft „zum Verbleib sowie zur Wiedernutzung des wertvollen Dachs“. Erstaunen über das Ansinnen bei den anderen Fraktionen, aber: „Man kann ja mal nachfragen.“ Und das aus gleich mehreren Gründen.

Angesichts der fast abgeschlossenen Arbeiten am Bahnsteig hegen die Grünen Zweifel am Wiederaufbau. In der Tat zeigt der fertige Bahnsteig keinerlei Fundamente für die 22 gusseisernen Säulen im Jugendstil.

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Zudem: Eine Anfrage der Bezirksvertretung aus dem März 2019 habe die Deutsche Bahn nicht beantwortet. „Nun ist fast wieder ein Jahr vergangen – ein Schutzdach immer noch nicht zu sehen“, kritisiert Bezirksvertreter Jürgen Utecht im Gespräch mit dieser Redaktion Ende Januar.

Bahnhofsmanager erwähnt problematische Risse

Mehr noch: Utecht erzählt von einem Gespräch mit dem Bahnhofsmanager der Deutschen Bahn für den Bereich Dortmund. „Darin wurde dann eine Verschrottung des historischen Dachs wegen problematischer Risse erwähnt.“

Im Jahr 1904 erhielt der Mengeder Bahnhof ein Bahnsteigdach, wie diese Postkarte zeigt.

Im Jahr 1904 erhielt der Mengeder Bahnhof ein Bahnsteigdach, wie diese Postkarte zeigt. © Privatarchiv

Schon vor der BV-Sitzung, am 28. Januar, hatte unsere Redaktion bei der Pressestelle von Bahn NRW in Düsseldorf nachgefragt, was es mit der Befürchtung auf sich habe. Auf telefonische Nachfrage am 4. Februar erklärte ein Bahnsprecher, dass er in der Sache „noch mal nachhaken“ und an die Anfrage erinnern müsse. Bis heute: Funkstille. Auch zwei weitere Erinnerungen per E-Mail am 10. und 19. Februar beantwortete die Deutsche Bahn bis zum Erscheinen dieses Artikels (27.2.) nicht.

Denkmalbehörde weiß von Verschrottung nichts

Derweil berichtet Jürgen Utecht, Dortmunds Bahnhofsmanager Jörg Seelmeyer habe erklärt, die Verschrottung sei mit der Unteren Denkmalbehörde abgesprochen. Stadtsprecher Christian Schön widerspricht dem. „Bei der Denkmalbehörde ist nicht bekannt, dass die derzeit in Köln eingelagerte Bahnsteigüberdachung verschrottet worden ist“, schreibt er auf Anfrage.

„Ganz im Gegenteil: die Bahnsteigüberdachung ist weiterhin für den Wiederaufbau am Bahnhof Mengede vorgesehen.“ Die historischen Stützen seien jedoch stärker geschädigt als anfangs gedacht. Deshalb werde derzeit in Abstimmung mit der Denkmalbehörde noch erarbeitet, „wie die historische Konstruktion restauriert und ertüchtigt werden kann“. Auch Schön nennt als geplantes Datum zur Wiedererrichtung das Frühjahr 2021.

Im Zuge der Bahnsteigverlängerung wich die ehemalige Rampe einer Treppe.

Im Zuge der Bahnsteigverlängerung wich die ehemalige Rampe einer Treppe. Die Überdachung ist noch ein Provisorium aus Holz. © Uwe von Schirp

Jürgen Utecht ärgert nicht nur das Verhalten der Bahn. Wie vor 116 Jahren gebe es keinen Wetterschutz für Pendler und Reisende. 100 Meter liegen zwischen dem neuen Treppenaufgang und einem kleinen Unterstand.

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