In Dortmund entstehen zu wenige neue Wohnungen, weil die Mieten niedrig sind. Sagt Dogewo-Chef Klaus Graniki. Recht hat er. Und genau da liegt das Problem. Eine Analyse von Felix Guth.

Dortmund

, 11.06.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Dortmund hat ein Problem beim Thema Wohnen. Von „verschiedenen Wohnungsnöten“ spricht der Mieterverein. Die Diakonie sorgt sich um die Menschen mit geringem Einkommen. Von mehr als 30.000 Wohnungen, die es zu wenig gibt, spricht die Stadt selbst. Immobilienberater sehen eine „rasante Entwicklung“ bei Grundstückspreisen.

Und dann stellt sich der Chef des städtischen Wohnungsunternehmens Dogewo 21 hin und spricht davon, dass das alles nur daran liegt, dass die Dortmunder nicht noch mehr Miete zahlen.

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Köln oder Düsseldorf sind für Wohnungsbauunternehmen attaktiver als Dortmund

Klaus Graniki spricht damit eine Wahrheit aus. Unternehmen bauen bevorzugt dort, wo sich viel Rendite machen lässt. Und da sind Metropolen wie Köln oder Düsseldorf mit ganz anderen Preisdimensionen nun einmal deutlich attraktiver als Dortmund. Aber einfach abwehrend die Hände zu heben und auf den „schwierigen Markt“ zu verweisen, ist darauf keine richtige Antwort. Erst recht nicht für ein Unternehmen, an dem die Kommune beteiligt ist.

Es sind viele Faktoren, die auf die Dynamik des Wohnungsmarktes einwirken. Kapital- und Unternehmerinteressen stehen in einer Arena mit dem Gemeinwohl, Umweltschutz und einer ausgewogenen Stadtentwicklung. Und dann ist da ja noch das Individuum. Wohnen ist was Persönliches.

Das Grundrecht auf Wohnen ist in Gefahr

Es ist immer dasselbe Frage-Antwort-Spiel:

Flächenversiegelung? Nein, danke.

Nachverdichtung? Nein, danke.

Neue Hochhaussiedlungen? Nein, danke.

Sozialer Wohnungsbau ohne dicke Rendite? Nein, danke.

Die Verpflichtung für Eigentümer gegenüber dem Gemeinwohl, gar Enteignungen? Doppeltes Nein, danke!

Man möchte nur noch schreien: Ja was denn nun? Dieser Zug fährt nach „Nirgendwo“. Dabei ist das Grundrecht auf Wohnen in Gefahr.

Klare Analyse im Sozialbericht: Die Mieten steigen und Neubauten nutzen vor allem Einkommensstarken

Im städtischen „Bericht zur sozialen Lage“ 2018 finden sich klare Worte: „Neubau von Mietwohnungen findet auf Grund der stark gestiegenen Baukosten und der hohen Nachfrage fast ausschließlich im hochpreisigen Segment statt. Hohe Baukosten und gesetzliche Anforderungen verteuern nicht nur den Neubau, sondern auch Modernisierungsmaßnahmen.“

Das bedeutet: Die Mieten steigen seit Jahren. Im Vergleich von 2005 zu 2017 im Bestand von 5,22 Euro/m² auf 6,62 Euro/m², bei Neubauten von 6,87 Euro/m² auf 10,50 Euro/m².

Viele Menschen konkurrieren um ein kleines Angebot an bestimmten Wohnungen

Gerade im unteren Segment der Gesellschaft konkurrieren mehrere Gruppen um die schrumpfende Ressource „bezahlbarer Wohnraum“. Hinzu kommt: Jeder vierte Mensch in Dortmund lebt alleine. Entsprechend hoch ist die Nachfrage nach kleineren Wohnungen. Gleichzeitig gibt es eine hohe Nachfrage und ein geringes Angebot bei Wohnungen ab 100 Quadratmetern.

Um angesichts steigender Baukosten rentabel zu sein, müsste der durchschnittliche Mietpreis auf 10 Euro steigen, erklärte Graniki. An den Reaktionen auf seine Aussage lässt sich ablesen: Viele Dortmunder empfinden sie als zynisch und als einen Schlag ins Gesicht.

In den Kommentaren zum Thema finden sich Geschichten von Menschen, die monatelang auf der Suche nach einer passenden Wohnung sind. Menschen, die in engen finanziellen Grenzen einen Ort zum Leben finden müssen. Mietspiegel sind das eine. Menschen, die keine bezahlbare und angemessene Wohnung finden, obwohl sie dafür arbeiten, sind das andere.

Einige Dortmunder nehmen die Abhängigkeit von den Gesetzen des Marktes nicht mehr länger hin

Wir sollten aufhören, all das einfach hinzunehmen. Darauf zu warten, dass „der Markt“ das irgendwie schon regeln würde, führt jedenfalls nicht weiter.

In einer Themen-Reihe dieser Redaktion zum „Wohnen in Dortmund“ ist sichtbar geworden, wie neue Wege aussehen können. Die Tiny-House-Bewegung, Mehrgenerationenwohnen, Wohngemeinschaften, die kritischen Bewohner des Hafenquartiers - all das sind Beispiele für Menschen, die sich selbst helfen.

Das macht Hoffnung. Aber es wird allein nicht ausreichen, um das Grundrecht auf Wohnen zu retten. Dafür müssen sich alle Akteure endlich einmal einig werden, wo es langgeht.

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