Die evangelische Kirche in der Nordstadt ist heute Sinnbild für die kulturelle Nutzung eines Gotteshauses. Dabei ist ihre Geschichte und ihr historischer Stellenwert ein ganz besonderer.

Mitte

, 01.10.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die heutige Kulturkirche hat sich in den vergangenen Jahren einen bundesweiten Ruf erspielt und gehört zu den angesagten Orten der Stadt für Konzerte und internationale Kultur. Dabei hat die Kirche an der Schützenstraße viele bewegte Zeiten erlebt und mehrfach ihr Aussehen verändert.

Vor allem im Inneren sind mit der Zeit einschneidende Veränderungen geschehen, während besonders der 2. Weltkrieg der Außenfassade zugesetzt hat. Alleine der Bau der Pauluskirche war ein historischer Anlass.

Keine evangelische Kirche wurde im 16. Jahrhundert neu gebaut

Denn seitdem es in Dortmund eine evangelische Gemeinde gibt, seit dem Jahr 1570, wurde noch keine evangelische Kirche in der Stadt neu gebaut, da die vorhandenen zuvor katholisch waren. Im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wuchs die Gemeinde durch Zuzüge aus dem Baltikum und Polen, viele der Zugewanderten waren evangelisch.

Die Notwendigkeit einer neuen Kirche für die damals mehr als 20.000 Mitglieder der Petri-Nikolai-Gemeinde wuchs und so entschloss man sich, den Bau etappenweise umzusetzen.

Die Pauluskirche feiert großes Jubiläum am Sonntag

Die Pauluskirche im April 2018. © Oliver Schaper

Nach einer 10-prozentigen Erhöhung der Kirchensteuer im Jahr 1887, wurde die Idee auch vonseiten der Pfarrer forciert. In einer Denkschrift aus dem Herbst 1888 heißt es: „Und doch thut es gerade der arbeitenden Bevölkerung so noth, dass nach der Woche Mühe und Arbeit in ihrer Mitte der Feierton der Sonntagsglocken laut wird.“

Um die Finanzierung des Bauvorhabens zu sichern, wurde am 16. April 1888 eigens ein Kirchenbauverein gegründet. Die 15 männlichen Mitglieder waren Apotheker, Bäcker- und Zimmermeister oder auch Lehrer und Gastwirte. Aus diesem Verein wurde nach der Fertigstellung der Männerkreis der Gemeinde, der bis heute Bestand hat.

Die Sammlung des Geldes für den Bau wurde selbst von Kaiser Wilhelm II. unterstützt und so gab es am 20. März 1892 die Grundsteinlegung nach den Entwürfen des Berliner Architekten Karl Doflein. Doflein hatte einige Kirchen gebaut und sah dabei oftmals eher die Schlichtheit und die Schnelligkeit des Baus als vordergründlich. So dauerte es zwei Jahre, bis am 28. März 1894 die Einweihung der Pauluskirche erfolgte.

Nur noch wenig erinnert im Inneren an früher

Heute zeugen leider nur noch wenige Gegenstände von der Zeit der Gründung und auch der Innenraum ist heute nicht mehr mit dem Originalen zu vergleichen. Anfänglich gab es Emporen im Innenraum, der über dem Altar den großen Triumphbogen mit der Orgel präsentierte, unter der sich der Konfirmandenraum befand.

Die Pauluskirche feiert großes Jubiläum am Sonntag

Vor dem historischen Altarbild aus der Gründerzeit der Pauluskirche stehen (v. l.) Otto Thomsen (Archivar), Sandra Laker (Pfarrerin) und Friedrich Laker (Pfarrer). Sie halten den Originalplan der früheren Kirche aus dem Jahr 1892 sowie eine Liedertafel aus der Gründerzeit in der Hand. © Didi Stahlschmidt

Das Altarbild mit dem Abendmahl ist heute noch neben der Orgel zu sehen, die zwischenzeitlich auch mal auf der heutigen Empore stand. Des Weiteren sind die heutigen Glocken original und neben zwei Bänken aus der Gründerzeit zeugt nur noch der Taufstein im Turmraum von früher.

Im Rahmen des Jubiläums findet am 6. Oktober in der Schützenstraße ganztägig ein Festakt mit Livemusik, Tanz, internationalem Essen sowie sechs großformatigen historischen Bildern der Kirche, die von der Kirchendecke schweben, statt. Einlass ist ab 9.30 Uhr, Beginn des Festgottesdienst ist um 10 Uhr. Ab 11.15 Uhr wird der Kirchengarten eröffnet. Der Eintritt ist frei. Mehr Infos auf www.pauluskircheundkultur.net

„Damals wurden über 6000 Kinder in ihm getauft und später wurde er als Vogeltränke in den Garten gestellt", erklärt der ehemalige Presbyter und Archivar der Gemeinde, Otto Thomsen. Ihm ist es zu verdanken, dass ein Großteil der Historie der Pauluskirche bis heute erhalten blieb. Er renovierte ehrenamtlich in Eigenregie den Turmraum, der heute die alten Deckenverzierungen zeigt und Heimat der alten Fundstücke ist.

Mit anfänglich 1200 Sitzplätzen und einem Baustil, der als neugotisch mit einigen Jugendstilelementen zu vergleichen ist, gab es einen Grundriss der Kirche in Kreuzform. Äußerlich verschwand mit der Zeit lediglich der Dachreiter, da das Dach vereinfacht wurde.

Zerstörungen und Schäden im Zweiten Weltkrieg

Ein Brand im Jahr 1913 zerstörte die Orgel sowie Teile des Kirchenschiffs, wobei erst die Bombardierungen in den Jahren 1943 und 1944 zu einschneidenden Zerstörungen führten.

Der 65 Meter hohe Turm war noch im 2. Weltkrieg die Landmarke für die alliierten Bomber und blieb stehen. Das Dach aber stürzte ein, die große Glasrosette und Fenster wurden zerstört und nach einer Übergangszeit und Behelfskirche wurde die Pauluskirche 1954 wieder aufgebaut.

Schlicht gehalten, die Orgel über dem Eingangsbereich, zierte lediglich ein sieben Meter hohes Holzkreuz den Altarbereich. 1967 erhält sie dann die Naturholzdecke und erst 1994 wechselt die Orgel an den heutigen Platz.

Seit 2005 finden nun in der sogenannten Kulturkirche viele Konzerte und Kulturveranstaltungen statt, ergänzend mit interkulturellem Engagement im Stadtteil. „Heute stehen wir in einem engen, lebendigen Austausch mit den Menschen. Dazu zählen neben der Kultur auch Themen wie Klima-, Natur- und Tierschutz“, so Pfarrer Laker, der sich aktiv beim Klimabündnis einsetzt.

Die Pauluskirche feiert großes Jubiläum am Sonntag

So sah der Innenraum der Pauluskirche früher aus. Man sieht den Altar mit dem großen Triumphbogen und der Orgel. Das Foto datiert etwa zur Jahrhundertwende. © Pauluskirche

„Wir müssen heute mehr global an der Klimakatastrophe arbeiten", bestätigt Thomsen. Der heute 86-Jährige bereitet aktuell mit dem Pfarrerehepaar Laker eine Ausstellung mit einer Rückschau auf 125 Jahre Pauluskirche vor. Dabei verbindet er dies mit einem konkreten Wunsch. „Wir finden keinen neuen Archivar für die Kirche, was sehr schade ist“, so Thomsen.

Lesen Sie jetzt