Die Top-Spionin aus Mengede, die Mata Hari führte

hzElsbeth Schragmüller

Um sie ranken sich wilde Gerüchte und Geschichten: Elsbeth Schragmüller, Tochter des ersten Mengeder Amtmanns, war eine deutsche Top-Spionin. Jetzt ist sie Thema einer Ausstellung.

Dortmund

, 23.03.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Unterschiedlicher kann ein Agentenleben wohl kaum sein. Mata Hari, die als Tänzerin im Ersten Weltkrieg zur Spionin wurde und dafür mit dem Leben büßen musste, liebte den Luxus und das mondäne Leben, genoss es, im Mittelpunkt zu stehen und umschwärmt zu werden.

Ihre Führungsoffizierin führte dagegen ein Leben im Verborgenen. Als „Spionin am Schreibtisch“ wird Elsbeth Schragmüller, die Leiterin der deutschen Nachrichtendienststelle im Kampf gegen Frankreich in der Ausstellung „Alles nur geklaut...?“ im LWL-Industriemuseum Zeche Zollern beschrieben. Hier wird die Geschichte der beiden Agentinnen erzählt. Vieles im Leben von Elsbeth Schragmüller bleibt im Dunkeln. Sicher ist aber, dass ihre Wurzeln in Mengede liegen.

Die Top-Spionin aus Mengede, die Mata Hari führte

Das mit 3D-Technik gefilmte Hologramm einer Schauspielerin lässt Elsbeth Schragmüller in der LWL-Ausstellung wieder lebendig werden. © LWL/Repro Volmerich

Der Reihe nach: Elisabeth Schragmüller, genannt Elsbeth, wird am 7. August 1887 in Schlüsselburg bei Minden geboren. Zwei Jahre später wird ihr Vater Carl Anton Schragmüller als erster Amtmann nach Mengede berufen - woran heute noch die Schragmüllerstraße zwischen Nette und Oestrich und die Schragmüller-Grundschule erinnern.

Frühe Kinderjahre in Mengede

Schon bei der Frage, wie lange Elsbeth Schragmüller in Mengede lebte, fangen die Rätsel an. Es sind zumindest die Jahre der frühen Kindheit. Die vier jüngeren Geschwister von Elsbeth Schragmüller werden in Mengede geboren.

Belegt ist, dass Elsbeth mindestens ab dem 9. Lebensjahr ihre Schulzeit in Münster verlebt, wo sie wahrscheinlich von ihrer eigenen Großmutter Elise und Hauslehrern unterrichtet wird. Und das wohl sehr gut. Schon früh lernt sie von Muttersprachlern Englisch und Französisch – die Grundlage für ihre spätere Karriere im Geheimdienst.

Ab Oktober 1896 ist Elsbeth Schragmüller unter der Adresse der verwitweten Großmutter in Münster gemeldet, fand Hanne Hieber heraus. Die Dortmunder Frauengeschichts-Forscherin erkundete das Leben von Elsbeth Schragmüller vor allem unter den Aspekten der Frauenbewegung. Denn für deren Geschichte ist die mit einem gesunden Selbstbewusstsein ausgestattete Elsbeth Schragmüller ein frühes Paradebeispiel.

Pionierin beim Frauenstudium

Nach der Ausbildung bei der Großmutter besucht Elsbeth Schragmüller zunächst ein Mädchen-Pensionat, danach – wohl gegen den Willen ihrer Familie - das erste deutsche Mädchengymnasium in Karlsruhe, wo sie 1908 Abitur macht.

An der Universität Freiburg absolviert sie danach als eine der ersten Frauen in Deutschland ein Studium in Nationalökonomie, das sie nach Zwischenstation in Berlin 1913 mit der Promotion abschließt. Natürlich mit „magna cum laude“. „Sie gehörte damit zur ersten Generation des Frauenstudiums und der hochqualifizierten berufstätigen Frauen in Deutschland“, stellt Hanne Hieber fest.

Die Top-Spionin aus Mengede, die Mata Hari führte

Dieses Porträt soll eines von wenigen Bildern von Elsbeth Schragmüller sein. Sicher ist es allerdings nicht. © Unbekannt

Ihr Weg führt Elsbeth Schragmüller wieder in die Hauptstadt Berlin, wo sie als Lehrerin für Staatsbürgerkunde bei einem Verein für Frauenberufsbildung arbeitet. Es ist das Jahr des Kriegsbeginns und der nationalen Begeisterung, von der auch Elsbeth Schragmüller erfasst wird. Am Bahnhof reicht sie wie viele andere Frauen durchfahrenden Soldaten Wasser in die Züge. Doch das ist ihr nicht genug an patriotischem Einsatz. Sie will an die Westfront und erhält nach langem Kampf tatsächlich einen Passierschein.

Erster Job beim Nachrichtendienst

In Brüssel angekommen, quartiert sie sich zielstrebig im selben Hotel wie Generalfeldmarschall Colmar von der Goltz ein. Dort lauert sie ihm regelrecht auf und bietet ihre Dienste für das Militär an. Von der Goltz scheint von so viel Hartnäckigkeit beeindruckt. Elsbeth Schragmüller bekommt einen ersten Posten in der Kriegsnachrichtenstelle in Brüssel. Ihre Aufgabe ist es, in beschlagnahmten Briefen belgischer Soldaten Hinweise auf befürchtete Angriffe der Briten zu finden.

Und sie erledigt ihre Aufgabe offensichtlich gut. Als der Leiter der Nachrichtenstelle „Leutnant Schragmüller“ kennenlernen will, wundert er sich, einer Frau gegenüberzustehen. Aber er gibt ihr eine feste Stelle. Später macht sie Geheimdienst-Chef Walter Nicolai sogar zur Leiterin der Spionage gegen Frankreich im Nachrichtendienst der Obersten Heeresleitung. Zunächst von Antwerpen, später von Freiburg aus baut Elsbeth Schragmüller ein Agentennetz auf.

Zuständig ist sie dabei auch für die holländische Tänzerin Mata Hari, die sie mindestens einmal trifft, um ihr als Agentin „H 21“ Instruktionen mit auf den Weg nach Paris zu geben. Doch Vorsicht ist nicht gerade die Stärke der exzentrischen Künstlerin. Mata Hari wird am Ende von den Franzosen enttarnt und exekutiert.

Die Top-Spionin aus Mengede, die Mata Hari führte

Mata Hari, die legendäre Spionin in der Zeit des Ersten Weltkriegs, wurde von Elsbeth Schragmüller instruiert. © dpa

Dem Renommee von Elsbeth Schragmüller kann das nichts anhaben. Ihr Ruf ist exzellent. Sie habe es bestens verstanden, „mit den schwierigsten und verschlagensten“ Agenten umzugehen, lobt Geheimdienst-Chef Nicolai, der ihr bis zum Lebensende freundschaftlich verbunden bleibt.

„Mademoiselle Docteur“ wird zum Mythos

Die geheimnisvolle Frau an der Spitze der Spionage-Abteilung macht selbst im Feindeslager Eindruck. Eifrig wird über „Mademoiselle Docteur“ spekuliert. Sie wird geradezu zum Mythos - und sogar zur Roman- und Filmfigur.

Der Schriftsteller Hans Rudolph Berndorff dichtet ihr in seinem 1929 erschienenen Roman „Spionage“, der Vorlage für mehrere Filme und ein Theaterstück wurde, ein unglückliches Verhältnis mit einem Offizier an. Sie soll als geheimnisvolle Spionin durch ganz Europa gereist, sich als Putzfrau oder Bauersfrau getarnt durch feindliche Linien geschlagen haben und am Ende liebeskrank und morphiumabhängig in einem Irrenhaus gestorben sein.

Die Top-Spionin aus Mengede, die Mata Hari führte

Die Nachbildung eines Tanzkostüms der legendären Mata Hari ist Blickfang in der Spionage-Abteilung der Ausstellung „Alles nur geklaut...?“ auf der Zeche Zollern. Elsbeth Schragmüller führte ein deutlich unscheinbareres Leben. © Stephan Schütze

Es ist reine Fantasie. Wie ihr Leben und ihre Arbeit wirklich aussahen, verriet Elsbeth Schragmüller ansatzweise in einem autobiografischen Bericht in dem 1938 erschienenen Sammelwerk „Was wir vom Weltkrieg nicht wissen“. Sie sei niemals als Spionin in das feindliche Ausland entsandt worden, erklärt Schragmüller.

Ihre Aufgabe beschreibt sie „in der Organisation der systematischen Aufklärung des bis nach Amerika reichenden westlichen Kriegsschauplatzes, in der Gewinnung von Verbindungspersonen, in ihrer Instruktion, in der Sicherstellung von Meldewegen sowie in der Abfassung und Weiterleitung der Meldungen in das Hauptquartier der Obersten Heeresleitung.“

Schwere Erkrankung nach dem Krieg

Gänzlich unspektakulär wird das Leben von Elsbeth Schragmüller nach Ende des Krieges. Sie kehrt an ihren Studienort Freiburg zurück, wo sie die erste weibliche Assistentin am Lehrstuhl ihres Doktorvaters, des Nationalökonomen Karl Diehl, wird.

1929 siedelt sich mit ihrer Familie nach München über, verdient Geld mit Vorträgen. Hier muss sie 1934 erst den Tod des Vaters, der bis 1910 als Mengeder Amtmann aktiv war, und dann ihres Bruders verkraften, der als SA-Gruppenführer während der Röhm-Affäre erschossen wird.

Auch Elsbeth Schragmüller plagen gesundheitliche Probleme. Schon 1923 erkrankt sie erstmals an Tuberkulose. Eine Krankheit, an der 1930 zwei ihrer jüngeren Geschwister sterben.

Die angeschlagene Gesundheit verhindert wohl auch, dass Elsbeth Schragmüller im Zweiten Weltkrieg erneut für die Geheimdienst engagiert wird, wie ihr ehemaliger Chef Nicolai vermutete. Sie stirbt schließlich 1940 im Alter von nur 52 Jahren an Knochentuberkulose in München. Kontakte nach Mengede, die Heimat ihrer frühen Kindheit, gab es da schon lange nicht mehr.

Auf der Zeche Zollern

Agentinnen-Leben in einer Ausstellung

  • Die Geschichte von Elsbeth Schragmüller und Mata Hari ist Thema der Ausstellung „Alles nur geklaut...? Die abenteuerlichen Wege des Wissens“, die vom 23. März bis 13. Oktober 2019 im LWL-Industriemuseum Zeche Zollern in Bövinghausen zu sehen ist.
  • Die Geschichte von Elsbeth Schragmüller wird unter anderen von einer Schauspielerin erzählt, die mit einer 3D-Holographie-Technik gefilmt wurde.
  • Von Mata Hari sind Original-Briefe, Verhörprotokolle und ihr persönliches Album mit Fotos und Zeitungsberichten zu sehen.
Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt