„Diese Stadt tut alles gegen Rechtsextremismus, was man im Rahmen des Rechtsstaats tun kann“

hzEvangelischer Kirchentag

An einem Thema kommt der Evangelische Kirchentag nicht vorbei: die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus. Ein Stadtrundgang zeigt dazu die ganz besonderen Dortmunder Bezüge auf.

Dortmund

, 17.06.2019, 07:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Man bleibt auf Distanz. Von der Kampstraße geht der Blick in Richtung Dorstfeld. Dort lebt der harte Kern der Nazi-Szene, erklären Friedrich Stiller und Sabine Fleiter. Eine kleine Gruppe, die aber das Bild der Stadt deutschlandweit negativ prägt.

Das fordert zur Klarstellung heraus. Und deshalb lädt der Arbeitskreis Christinnen und Christen gegen Rechtsextremismus während des Evangelischen Kirchentages in Dortmund zweimal täglich zu ganz besonderen Stadtrundgängen ein. Der Titel „Rechtsextremismus in Dortmund – eine Stadt wehrt sich“.

Markante Stellen in der City

„Wir wollen zeigen, dass in dieser Stadt aktiv etwas gegen Rechtsextremismus getan wird und das nicht erst seit gestern, sondern seit Jahren“, erklärt Friedrich Stiller, Pfarrer für gesellschaftliche Verantwortung beim evangelischen Kirchenkreis und einer der Sprecher des Arbeitskreises Christinnen und Christen gegen Rechtsextremismus. Zwei Stunden führt Stiller gemeinsam mit Sabine Fleiter von der Evangelischen Studierendengemeinde Interessierte durch die City, um an markanten Stellen über das Dortmunder Nazi-Problem und die Aktivitäten dagegen zu berichten.

Los geht es vor dem Opernhaus, am Platz der Alten Synagogen, wo es, dem Ort entsprechend, vor allem um den Antisemitismus und die Verfolgung der Juden geht. Etwa den Abriss der Alten Synagoge an dieser Stelle, der vom Rat 1938, noch vor den Novemberpogromen beschlossen wurde.

„Diese Stadt tut alles gegen Rechtsextremismus, was man im Rahmen des Rechtsstaats tun kann“

Pfarrer Friedrich Stiller und Sabine Fleiter berichteten, wie sich Dortmund gegen Rechtsextremisten wehrt. Der Rundgang startet am Platz der Alten Synagoge. © Volmerich

Dass die Partei „Die Rechte“, in der sich die Dortmunder Nazi-Szene überwiegend organisiert, immer wieder Bezug zur Programmatik der NSDAP nimmt, ist ein Thema, auf das Friedrich Stiller auf der zweistündigen Tour immer wieder zu sprechen kommt.

Vom Platz der Alten Synagoge geht es zum Stadtgarten, wo Stiller vom Auftreten der „Autonomen Nationalisten“, deren Kundgebung beim Besuch von Bundespräsident Joachim Gauck im Opernhaus 2013 und den Gegenprotesten berichtet. Es war einer von vielen Anlässen, bei den die Christinnen und Christen gegen Rechts gemeinsam Flagge zeigten - Motto: „Unser Kreuz hat keine Haken“.

Ein wenig weiter vor dem Rathaus berichtet Sabine Fleiter von Einzug eines Rechten-Ratsvertreters in den Rat der Stadt, aber auch von der Einrichtung der städtischen Koordinierungsstelle für Vielfalt, Toleranz und Demokratie.

Glockenläuten gegen Rechts

An der Reinoldikirche geht es um die historischen Auseinandersetzungen innerhalb der Evangelischen Kirche in der NS-Zeit, aber auch um die Besetzung des Reinoldikirchturms durch Neonazis im Dezember 2016. Damals wurden die rechten Parolen mit Glocklenläuten übertönt, berichtet Stiller. Der Vorfall sei ein Beispiel für die Besonderheit der Dortmunder Neonazis. „Die Szene ist klein, zeichnet sich aber durch besondere Gefährlichkeit aus“, erklärt er. Oft bewegten sich die rechten Aktivisten dabei am Rande der Legalität.

Bisweilen geht es aber auch darüber hinaus. Wie etwa 2005 bei der Ermordung eines Dortmunder Punkers in der Stadtbahn-Station Kampstraße, an die vor Ort erinnert wird. Und auch beim NSU-Mord an dem türkischen Kioskbesitzer Mehmet Kubasik 2006 ist noch immer unklar, ob und wie die Dortmunder Nazi-Szene darin verstrickt ist.

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Am Mahnmal für die Opfer des NSU vor der Steinwache nördlich des Hauptbahnhofs endet denn auch der Stadtrundgang - mit einer Schweigeminute. Und mit der Versicherung von Friedrich Stiller: „Diese Stadt tut alles gegen Rechtsextremismus, was man im Rahmen des Rechtsstaats tun kann. Niemand ist hier allein unter Nazis“, lautet seine Botschaft an die Besucher des Kirchentages.

Die Stadtrundgänge zum Thema Rechtsextremismus finden am Donnerstag (20.6.), Freitag (21.6.) und Samstag (22.6.) jeweils um 11 und 15 Uhr statt. Treffpunkt ist der Platz der Alten Synagoge.

An der Steinwache

Gedenken zu Beginn des Kirchentages

  • Ein „Gedenken zu Beginn“ gehört traditionell zum Evangelischen Kirchentag.
  • In Dortmund findet er noch vor der offiziellen Eröffnung des Kirchentages am Mittwoch (19.6.) um 14 Uhr auf dem Platz vor der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, Steinwache 50, statt.
  • Zu den Rednern gehören u.a. Kirchentags-Präsident Hans Leyendecker. der Rabbiner Baruch Babaev und Pfarrer Friedrich Stiller.
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