Diese türkische Kneipe könnte kaum „dortmundiger“ sein

hzGastronomie

Seit fast 27 Jahren bewirtschaftet das Ehepaar Bilgic eine der ältesten Kneipen in Eving. Von ihren türkischen Wurzel ist in der Gaststätte nichts zu merken – im Gegenteil.

Eving

, 19.12.2019, 12:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Dortmundiger kann eine Kneipe kaum sein: Im Regal stehen Knobelbecher, als Snacks werden Mett- und Bockwürste angeboten, das Pils gibt es auf Wunsch im Stößchen.

Angesichts dieser typisch deutschen Ausstattung verwundert der Name der Gaststätte ein wenig: Ali Baba‘s Oldies Lounge.

Doch diese Bezeichnung kommt nicht von ungefähr. Denn eine der ältesten Kneipen Evings wird vom türkischen Ehepaar Bilgic betrieben – seit nunmehr fast 27 Jahren.

Jetzt lesen

Und Halime Bilgic kann noch etwas Besonderes von sich behaupten: „1968, als ich sechs Jahre alt war, bin ich mit meinen Eltern nach Eving gekommen. Wir waren die ersten Türken überhaupt hier im Stadtteil.“

Kaum zu glauben, wie sich die Welt für das aus dem zentraltürkischen Kappadokien stammende Mädchen damals änderte.

„Einen Fernseher kannte ich gar nicht. Den ersten habe ich bei unserer Nachbarin hier in Eving gesehen“, sagt die heute 57-Jährige und erinnert sich zurück. „Und daraufhin habe ich zu meinem Vater gesagt: ‚Ich möchte auch so ein Kino.‘“

Diese türkische Kneipe könnte kaum „dortmundiger“ sein

Ein Stück Heimat: In der Kneipe des Ehepaares Bilgic gibt es selbstverständlich das typische Dortmunder Bierglas. © Michael Schuh

Da Halime Bilgic fast ihr ganzes Leben im Schatten des Hammerkopfturms verbrachte, erscheint es kaum verwunderlich, dass sie heute sagt: „Meine Heimat ist Eving, mein Verein der BVB. Ich möchte immer hier leben.“

Ein Musterbeispiel für gelungene Integration, wie auch der Ehemann schnell erfuhr. Die junge Frau hatte ihn in der Türkei kennengelernt, geheiratet – und ihm mitgeteilt, er möge doch bitte auch nach Eving ziehen.

Nach der Frühschicht an die Theke

Gesagt, getan. 1980 nahm der damals 24-Jährige einen Job in der Kokerei Minister Stein an, wechselte nach deren Schließung zur Kokerei Hansa und zuletzt zur Gelsenkirchener Kokerei Hassel.

Als auch dort im Jahr 1999 die Tore für immer geschlossen wurden, widmete sich Ali Bilgic komplett der Kneipe an der Deutschen Straße, die seine Frau seit 1993 weitgehend allein geschmissen hatte.

Jetzt lesen

„Es waren ganz andere Zeiten“, erzählt der 63-Jährige, der Eving noch als Kneipenhochburg kennenlernte. „Nach der Frühschicht gingen viele Kumpel zuerst mal auf ein kühles Pils und eine Zigarette an die Theke.“

Auf einem selbstgezeichneten Evinger Stadtplan hat er alle Orte markiert, an denen sich einst eine Kneipen befand. Dabei kam er auf 37 Lokalitäten, in denen das Bier aus dem Hahn floss. „Heute gibt es keine zehn mehr.“

Stammkunden seit mehr als 20 Jahren

Doch Ali Baba‘s Oldies Lounge gehört zu jenen Gaststätten, die das große Kneipensterben überlebten. Warum? Ali Bilgic muss nicht lange überlegen, um drei Schlagworte zu nennen: „Sauberkeit, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit. Wenn du das berücksichtigst, verlierst du nicht.“

Und das scheint er tatsächlich getan zu haben, denn beim Großteil der Kunden handelt es sich um Stammgäste, die teilweise schon seit den 1990er-Jahren hier ihr Pils trinken. 70 von ihnen gehören dem Sparclub an, von dessen Existenz die metallenen Sparfächer an der Wand zeugen. Deutscher geht‘s kaum.

Diese türkische Kneipe könnte kaum „dortmundiger“ sein

Ein kleines Vermögen: Die Summe der nicht bezahlten Deckel beläuft sich auf 6000 bis 7000 D-Mark. Heute sind die Eheleute Bilgic bei der Kreditvergabe deutlich vorsichtiger. © Michael Schuh

In all den Jahren hat das Ehepaar allerdings auch ein paar negative Erfahrungen gemacht. Neben einigen wenigen Schlägereien in früheren Jahren zählt dazu sicherlich auch der Turm aus nicht bezahlten Deckeln. Mancher Gast ließ anschreiben – und kam nie wieder.

„Das sind sicherlich 6000 bis 7000 Mark, die mir entgangen sind“, sagt Ali Bilgic und zeigt auf den ansehnlichen Stapel.

Sechs Tage die Woche steht das Ehepaar hinterm Tresen, nur montags bleibt die Gaststätte geschlossen. „Aber auch das ist keine Ruhetag“, sagt Halime Bilgic, „denn da wird geputzt und eingekauft.“

Jetzt lesen

Der Montagabend gehört ganz der Familie: Die drei erwachsenen Söhne, die – wie könnte es anders sein – alle in Eving leben, kommen vorbei, um mit den Eltern zu essen.

Mutter Hamile kocht für alle. Und zwar türkische Gerichte. Das ist wohl die berühmte Ausnahme von der Regel bei der eingefleischten Evingerin.

Lesen Sie jetzt