Digitale Schule ist für tausende Familien ein finanzielles Problem

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Für Menschen mit geringem Einkommen bedeutet die zunehmende Digitalisierung an Schulen vor allem eines: Geldnot. Eine beachtliche Anzahl an Dortmunder Familien ist davon betroffen.

Dortmund

, 06.11.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Einen Collegeblock und Kugelschreiber bekommt man im Supermarkt schon für 2 Euro. Ein Tablet mit digitalem Stift kosten etwa 500 Euro - das 250-fache. Für viele Familien wird die Anschaffung teurer Geräte für den Heimunterricht zum finanziellen Problem. Und nicht nur dann: Der Einsatz digitaler Technik bekommt auch im regulären Unterricht mehr Raum.

Jedes fünfte Kind in Dortmund „benachteiligt“

In Dortmund gibt es knapp 17.000 Schüler, deren Eltern Hartz IV beziehen. Das sind etwa rund 20 Prozent der Gesamtzahl von 80.000 Schülern - oder auch jeder fünfter Schüler. Insgesamt 19.600 digitale Endgeräte aus dem Landesprogramm sind für die Stadt zugesagt - aber noch nicht da. Sie kommen erst in den kommenden Wochen und Monaten.

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Schlüssel für die Vergabe soll der Arbeitslosengeld-II-Bezug der Eltern sein, berichtet Schuldezernentin Daniela Schneckenburger. Das Land hat dazu die Formulierung „benachteiligte Kinder“ gewählt. Gute Aussichten also für die besagten 17.000 Familien.

Die übrigen Geräte, also rund 2600, sollen über die Schulen nach einer Härtefall-Regelung verteilt werden. Dabei könnte etwa die Formel zugrunde gelegt werden, dass das Einkommen der Eltern nur bis zu 10 Prozent über dem Hartz-IV-Satz liegen darf oder dass sie drei oder mehr Kinder haben. Nach Möglichkeit, so sagt Schneckenburger, sollen dafür an den Schulen Lösungen gefunden werden, weil man dort die Verhältnisse am besten kenne.

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Alleinerziehende haben kaum finanzielle Mittel für Laptop und Co.

Ein Aufruf der Redaktion in den sozialen Netzwerken hat gezeigt, dass vor allem für alleinerziehende Elternteile die Anschaffung von digitalen Geräten zum finanziellen Problem wird. So schreibt die Mutter eines 9-jährigen Sohnes bei Facebook: „Ich beziehe Leistungen vom Jobcenter. Trotz eines kleinen Minijobs bleibt leider nicht viel Geld übrig für eine Neuanschaffung eines Laptops, der uns leider kaputt gegangen ist. Die Kinder bekommen viele Aufgaben von der Schule, die digital erledigt werden müssen. Auf Dauer wird es schwierig mit dem Handy.“

Eine weitere Leserin schreibt: „Ich bin alleinerziehende Mutter und meine Tochter ist 10 Jahre alt und geht in die 5. Klasse. Sie muss ab und zu Sachen aus dem Internet raussuchen für die Hausaufgaben, wofür es echt gut wäre, wenn sie einen Laptop hätte. Da ich alleinerziehend bin und in Teilzeit arbeite, habe ich leider nicht die Möglichkeit, ihr sowas zu kaufen.“

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Eine Leserin hätte sich vor allem Mitspracherecht und finanzielle Unterstützung gewünscht: „Mein Sohn besucht die 7. Klasse und benötigt demnächst ein iPad für circa 500 Euro. Bin sprachlos darüber, dass die Eltern nicht gefragt wurden. An anderen Schulen gibt es auch andere Möglichkeiten.“

Eltern werden genötigt Kredite für digitale Geräte aufzunehmen

Auch Anke Staar, Vorsitzende der Dortmunder Stadteltern, kennt einige Familien, die sich digitale Gerät für ihre Kinder kaum leisten können. Öffentlich darüber sprechen möchte jedoch niemand, ebenso wie die oben zitierten Eltern sich nicht namentlich oder im Bild an die Öffentlichkeit trauen.

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Anke Staar merkt an, dass es sich um ein „Versagen der Politik“ handele. Seit 2018 wenden sich die Stadteltern mit der gleichen Forderung an die Politik: „Wir werden nicht müde, deutlich zu machen, dass digitale Endgeräte Lernmittel sind und diese auch entsprechend behandelt werden müssen. Es gilt Lernmittelfreiheit.“ deshalb sollten diese gestellt werden.

Besonders betroffen seien Familien mit vielen Kindern, Alleinerziehende und Geringverdiener. „Es ist unverantwortlich, dass Eltern immer mehr von einzelnen Schulen genötigt werden, Kreditverträge aufzunehmen und Endgeräte selbst zu finanzieren“, sagt Staar. „Wenn Schule Digitalisierung wünscht, dann muss Schule, beziehungsweise Land oder Kommune, dazu auch die Geräte bereitstellen.“ Chancengleichheit unter den Schülern würde ohne Unterstützung bei der Anschaffung digitaler Geräte ausgebremst werden.

Die nun angekündigten 19.600 Geräte sind da zumindest ein Schritt. Eine endgültige Lösung stellen sie jedoch nicht dar.

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SIND UNSERE SCHULEN DIGITAL?

Die Corona-Pandemie wird oft als Beschleuniger der Digitalisierung beschrieben. In dieser Serie beschäftigen wir uns mit dem Stand der Digitalisierung in Dortmunds Bildungseinrichtungen in zahlreichen Facetten - vom persönlichen Erleben von Lehrern und Schülern und Eltern bis zu übergreifenden Themen wie Ausstattung und Fördermitteln.
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