Peter Haken (v.l.), Jörg Skubinn und Arne Langner zeigen die Lego-Roboter, die von den Schülern programmiert werden können, damit sie sich fortbewegen und Dinge transportieren. © Kevin Kindel
Bildung

Digitale Schulen: Vorbild und Schlusslicht in Dortmund sind wie Tesla und Trabbi

Dortmunds Schulen sind sehr unterschiedlich ausgestattet. Während die eine in jedem Raum Apple-TVs hat, gibt es andernorts nur 18 Notebooks für alle - und zwar ohne Kamera. Zwei Extrem-Beispiele.

Wer vor mehr als zehn Jahren die Schule verlassen hat, erinnert sich an Tageslichtprojektoren und Röhrenfernseher in rollbaren Schränken mit Videorekordern. Dank der Digitalisierung sind diese Geräte an einigen Schulen längst Geschichte – aber nicht überall.

„Zwei Projektoren haben wir noch im Keller“, sagt Jörg Skubinn, Leiter der Marie-Reinders-Realschule in Hörde, und lacht. Allerdings nur für den Fall, dass man sie doch noch mal irgendwie braucht. Ansonsten bestimmen Apple-TVs und iPads das Bild an der Schule. Auf Anfrage unserer Redaktion hat die Stadt Dortmund die MRR als digitale „Vorzeige-Schule“ empfohlen.

Vorzeige-Standort und selbsternanntes Schlusslicht

„Ich freue mich natürlich über diese Auszeichnung“, sagt Skubinn. Allerdings würde er diesen Titel nicht an die Fassade schreiben, weil es trotz des Fortschritts an seiner Schule in der Dortmunder Schullandschaft noch einiges zu tun gebe.

Davon ein Lied singen kann Katrin Multmeier. Die kommissarische Leiterin hat ihre Widey-Grundschule in Kirchlinde kurz vor Weihnachten selbst als Schlusslicht der Digitalisierung in Dortmund bezeichnet. Sie sorge sich, dass die 200 Kinder benachteiligt und digital abgehängt werden, hatte sie gegenüber unserer Redaktion gesagt.

Organisationsaufwand lässt keine Zeit für Interviews

Zwei Monate nach diesem Interview zeigt sich ihre Gemütslage gut in der Antwort auf eine erneute Anfrage. Katrin Multmeier hat keine Zeit für ein ausführliches Telefonat zur aktuellen Lage, sagt sie.

Die Organisation des Wechselunterrichts, die Gewährleistung des Distanzlernens und die Organisation der Notbetreuung, zusätzlich zu allen weiterlaufenden Aufgaben, lassen keine Zeit für ein Interview.

18 Notebooks für die ganze Schule – alle ohne Kamera

Die Widey-Grundschule verfügt über 18 Notebooks, die aber alle keine Kamera haben. 80 bis 90 Prozent der Eltern haben laut einer Befragung eine E-Mail-Adresse, in den allermeisten Fällen jedoch nur ein Smartphone und kein größeres Gerät, an dem die Kinder arbeiten könnten. In vielen Fällen sind die Aufgaben der Woche zuletzt in Briefumschlägen haptisch überreicht worden.

Die Kirchlinder Grundschule hat parallel noch ganz andere Baustellen – Hoffnung aber im Blick. Bis 2025 wird das alte Gebäude abgerissen und ein neues gebaut. Erstmals soll eine eigene Sporthalle entstehen. Und immerhin: „Uns wurde zugesagt, dass wir bis Ende März mit 61 Schüler-iPads versorgt werden“, sagt Multmeier: „Auch soll jede Lehrkraft ein iPad zur Verfügung gestellt bekommen.“

150 iPads, die fast alle an Schüler verliehen sind

Paradiesisch mutet dagegen der Alltag an der Marie-Reinders-Realschule an. Keine zehn Kilometer liegen zwischen den beiden Schulen – doch was die Digitalisierung angeht, sieht man einen Trabbi und einen Tesla. Beide bringen einen ans Ziel, aber vergleichen kann man sie kaum.

„Aktuell haben wir 150 iPads, die auch fast alle verliehen sind“, sagt Schulleiter Skubinn. Nachdem man bei allen Familien den Bedarf abgefragt hat, sei jetzt sichergestellt, dass alle Schüler zu Hause gut arbeiten können.

In diesem Winter-Lockdown gab es für seine Realschüler ganz normalen Unterricht nach Stundenplan – erste Stunde Englisch, zweite Stunde Mathe, nur halt vor der heimischen Kamera statt im Klassenraum.

Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr hätten viele Eltern der Schule mitgeteilt, dass die Kinder die feste Tagesstruktur brauchen. „Es geht nicht darum, die Kinder mit Aufgaben vollzupacken“, so Skubinn. Wichtig sei für sie auch der häufige persönliche Kontakt – zum Beispiel wenn es einfach darum geht, vom gestorbenen Haustier zu erzählen.

Zwei Informatik-Lehrer leiten die Vorzeige-Schule

Wie es dazu kam, dass die MRR so eine Spitzenposition bekam, liegt zu einem großen Teil wohl am persönlichen Hintergrund der Führungsetage. Jörg Skubinn und sein Konrektor Peter Haken unterrichten beide Informatik, bereits vor elf Jahren hat das Team den Schwerpunkt auf die digitale Bildung gelegt. In einem bundesweiten Modellprojekt ist man dabei unter anderem von der Uni Oldenburg begleitet worden.

„Seitdem gab es sehr viele Fortbildungen. Vor vier Jahren haben wir das digitale Klassenbuch eingeführt“, erzählt Skubinn: „Wir haben sehr viele junge engagierte Kollegen.“

Ein wichtiger Schritt für die Hörder Realschule sei es gewesen, als die dortige Bezirksvertretung 10.000 Euro zur Verfügung gestellt hat. Den handelnden Personen vor Ort die Entscheidung zu überlassen, was sie davon anschaffen wollen, sei genau der richtige Weg, findet Jörg Skubinn.

Drohnen, 3D-Drucker und Roboter im Unterricht

Denn digitale Bildung bedeutet nicht nur, einen Brief per E-Mail statt auf Papier zu verschicken. Die MRR nutzt inzwischen Kamera-Drohnen, 3D-Drucker, Laserschneider oder Lego-Roboter im Unterricht. „Es geht darum, Dinge zu steuern und zu messen“, so Skubinn. Das könne man mit vielen Fächern verbinden.

„Wenn Sie mit einer sechsten Klasse einen Drohnenparcours aufbauen, wird es schwer, sie zur Pause rauszutreiben“, sagt der stolze Schulleiter: „Ich kann allen Schulen nur sagen, wie viel Freude so etwas macht.“ Die MRR führt die Technik vor unter RN.de/MRR

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Kevin Kindel, geboren 1991 in Dortmund, seit 2009 als Journalist tätig, hat in Bremen und in Schweden Journalistik und Kommunikation studiert.
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