Wie gut ist die Ausstattung mit digitalen Lernmitteln an Dortmunder Schulen? Die Meinungen zu dieser Frage gehen auseinander. © picture alliance/dpa
Schulumfrage

Digitalisierung an Dortmunder Schulen: „Über Jahre verschlampt“

Vor einem Jahr hat die Corona-Pandemie das Schulsystem in seinen Grundfesten erschüttert. Was haben wir daraus gelernt? Eine Analyse.

Durch die Corona-Pandemie ist an Dortmunds Schulen vieles besser geworden.

Wie bitte?

Sie hören schon richtig. Sie befinden sich nicht in einer Werbebroschüre des NRW-Schulministeriums oder der Stadt Dortmund.

Doch der Blick auf das, was sich an den Schulen getan hat, soll aus dieser selten eingenommenen Perspektive beginnen.

Vieles, was es heute im Schulunterricht gibt, war vor einem Jahr undenkbar

Denn passiert ist seit März 2020 das: Weil Schulen und Schulträger dazu gezwungen waren, sind Dinge in einer Geschwindigkeit passiert, von der man vor März 2020 nur träumen konnte.

Tausende IPads für Schüler? Videokonferenzen mit Erstklässlern? Oberstufen-Schüler, die beinahe ohne Papier arbeiten? Vor einem Jahr noch undenkbar.

Aber weil die Pandemie gerade in Bezug auf Bildung eben keine Disney-Story mit garantiertem Happy End ist und das zu erzählen auch nicht die Aufgabe dieses Textes ist, kommt jetzt das ganz, ganz, ganz große ABER.

Es kommt alles zu spät und dauert viel zu lange

Diese Gegenthese lautet: Es ist alles nicht genug und es dauert alles viel zu lange. Wir baden gerade das aus, was in der Digitalisierung über Jahre versäumt worden ist.

Wenn immer noch 60 Prozent der Dortmunder Schulen keinen Anschluss zum Glasfasernetz haben und ein Viertel der Schulen gar keinen flächendeckenden W-Lan-Zugang hat, dann ist das eine katastrophale Bilanz in einem Land vom Entwicklungsstand Deutschlands.

Bei der Diskussion über Schule geht es zu wie in einem chaotischen Klassenzimmer

Bei der Diskussion über das Thema (digitale) Bildung fällt vor allem auf, wie uneinig sich die am Schulleben beteiligten Personen und Gruppen sind.

Hier ordnet das Land an, dort wird das von der Stadt – häufig zu Recht – kritisiert. Die Schulen müssen alles umsetzen und die Familien ohnehin mit dem System klarkommen, was ihnen vorgegeben wird.

Elternverbände und Lehrergewerkschaften reden auch noch mit, und dann ist da ja noch der Gesundheitsschutz. Es fühlt sich manchmal an wie einem Klassenzimmer außer Kontrolle. Ein Klassenzimmer voller Erwachsener.

Eltern, Lehrer und Schüler sehen viele Probleme

Zahlreiche Kommentare von Teilnehmenden an unserer Umfrage zur Digitalisierung an den Schulen, bei der 548 Dortmunderinnen und Dortmunder mitmachten, Schüler, Eltern und Lehrer, zeigen, dass wir noch weit davon entfernt sind, ein Konzept für digitales Lernen an den Schulen zu haben.

Ein Gymnasial-Lehrer sagt: „Der Flaschenhals sitzt bei der Stadt.“ Beim Thema Endgeräte und W-Lan sei die Umsetzung „über Jahre verschlampt“ worden.

Eine andere Lehrkraft schreibt: „Die Digitalisierung geht an Schulen, besonders Grundschulen, viel zu langsam voran und wurde lange Zeit nicht ernst genommen.“ Zu vieles hänge vom Engagement der Schulleitungen ab.

Häufig genannt wird außerdem der Punkt, dass Lehrer für ihre technische Ausstattung im Distanzunterricht bisher weitgehend selbst sorgen müssen. „Es ist unfassbar“, schreibt ein Pädagoge.

Eine Gesamtschülerin aus der Jahrgangsstufe 12 hinterlässt bei der Abstimmung diesen Kommentar: „Es ist wirklich traurig, wie weit Deutschland in der Digitalisierung hinterher hinkt. Ich befürchte, dass sich dies in der Zukunft rächen wird.“

„Fast alle kennen nur digitales Fast-Food“

Das Schulsystem bekommt in der Debatte seine Breitseite ab. Doch es gibt auch noch eine andere Ebene, auf der die Grenzen der digitalen Kompetenz sichtbar werden: die der Nutzer, der Schüler, Eltern und Lehrer.

Der Dortmunder Medienpädagoge Daniel Schlep sieht eine „krasse Schieflage“ zwischen dem, was viele für Medienkompetenz halten und dem, was er in seiner Arbeit an Schulen und in der Verwaltung in den vergangenen Monaten erlebt hat.

„Niemand würde ernsthaft auf die Idee kommen, in einer Lehreinrichtung am Beispiel von McDonalds gute Ernährung zu erläutern. Im Bereich der Medien erläutern wir aber nahezu unreflektiert am Beispiel von Apple, Google, Microsoft, Zoom, etc. angeblich gute Digitalisierung, da die Beteiligten fast alle nur digitales Fast-Food kennen“, sagt Schlep.

Statt nur in Geräte müsse deshalb auch in Wissen investiert werden.

Manche wissen nicht, was ein Ordner ist

Er nennt eine Auswahl der Probleme, die im begegnet sind im vergangenen Jahr: Schüler und Eltern wüssten manchmal nicht einmal, wie man einen Ordner anlegt oder was eine Dateistruktur sei. Niemand beschäftige sich mit Datensicherung. Lehrer gäben Schülern zuweilen illegal kopierte Programme an die Hand. Datenschutz und Urheberschutz würde im Distanzunterricht durchaus schon mal missachtet.

Schlep will seine Analyse nicht als Kritik am großen Einsatz vieler Lehrer und Eltern verstanden wissen, sondern als einen „Weckruf, das eigene Medienwissen zu hinterfragen.“

So nutzt die Stadt Dortmund das Geld, das ihr zur Verfügung steht

127 Fördermittelanträge aus dem Digitalpakt des Bundes hat die Stadt Dortmund nach eigenen Angaben bis Dezember 2020 gestellt, Gesamtvolumen rund 17,6 Millionen Euro. 19.600 iPads für Schülerinnen und Schüler sind über ein Sofortausstattungsprogramm bestellt worden. Etwas mehr als 10.000 – also etwas mehr als die Hälfte – sind bisher angekommen. Es gab zum Teil Lieferverzögerungen.

Schuldezernentin Daniela Schneckenburger formulierte den Stand der Digitalisierung zuletzt so: „Im Jahr 2020 konnte die digitale Ausstattung der Schulen abermals erheblich verbessert werden. So nimmt Dortmund auch weiterhin einen Spitzenplatz unter den nordrhein-westfälischen Kommunen ein.“

Denn zumindest das lässt sich festhalten: Dortmund ruft mehr Geld ab als andere. Aber immer noch sind rund 23 Millionen Euro Fördergeld verfügbar. Immerhin: Das Tempo zieht an. Wurden bis August 2020 nur 6 Millionen Euro abgerufen, waren es zwischen September und August rund 11 Millionen Euro.

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Redaktion Dortmund
Seit 2010 Redakteur in Dortmund, davor im Sport- und Nachrichtengeschäft im gesamten Ruhrgebiet aktiv, Studienabschluss an der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Ressortgrenzen immer auf der Suche nach den großen und kleinen Dingen, die Dortmund zu der Stadt machen, die sie ist.
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