Als wäre der Kirchentag, zu dem mehr als 100.000 Menschen nach Dortmund kommen, plötzlich vom Himmel gefallen. Die Stadt hat die City erbärmlich auf das Mega-Ereignis vorbereitet. Peinlich.

Dortmund

, 03.06.2019, 08:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es sind nur noch wenige Wochen bis zum größten Fest, das Dortmund seit der Fußball-WM 2006 gesehen hat. Mehr als 100.000 Gäste werden im Juni zum Evangelischen Kirchentag erwartet. Sie werden eine Stadt erleben, die ihnen einen einzigartigen Empfang bereitet: Flickenteppiche überall, halb fertige Straßen, Plätze und Provisorien. So, als würde ein Häuslebauer seine Einweihungsparty im Rohbau feiern. Einzigartig? Ja – in der Kategorie blamabel.

Nun gut, dass die Modernisierung des Hauptbahnhofs noch lange nicht fertig ist, war absehbar. Dass die Gäste, die mit dem Zug von Norden anreisen, über eine eingleisige, ramponierte Strecke nach Dortmund zuckeln, als wären sie im Bayerischen Wald unterwegs, geschenkt. Was kann man von der Bahn schon erwarten? Und dass auch die Kirche selbst keine Punktlandung hingelegt hat – der Petrikirchturm versteckt sich noch immer hinter einem Gerüst – ist ebensowenig ein Ruhmesblatt wie die Tatsache, dass bis in den Mai hinein der Veranstalter bettelnd durch die Stadt ziehen musste, weil noch Hunderte private Unterkünfte fehlten. Ein beschämendes Zeugnis für die Gastfreundschaft der Dortmunder.

Flanieren auf der Baustelle

Aber was ist mit der Stadt selbst? Die hätte doch zumindest innerhalb des Wallrings für anständige Wege und Plätze sorgen können. Hätte sie, hat sie aber nicht. Die Liste unfertiger Baustellen ist lang: Westentor, Silberstraße, Katharinenstraße und Brinkhoffstraße. Um das Schlimmste zu verhindern, werden die Arbeiten während des Kirchentags unterbrochen, die Flächen provisorisch passierbar gemacht. Auf dem Westenhellweg wurden Schäden notdürftig geflickt, weil die richtigen Steine nicht rechtzeitig bestellt wurden, Flanieren auf der Baustelle – nicht schön. Die Riesenbaustelle am Ostwall soll gerade noch rechtzeitig fertig werden. Ein paar Tage, bevor am Ostentor 80.000 Besucher den Eröffnungsgottesdienst feiern wollen, soll neuer Asphalt aufgetragen werden. Da wollen wir mal fest die Daumen drücken, dass nicht Regen oder andere Tücken dazwischen kommen. Sonst geht auch das in die Hose.

Die Entschuldigungen für die Verzögerungen auf den Baustellen klingen so, als säßen im Rathaus nur Neulinge, die gerade aus dem Alpenvorland nach Dortmund gezogen sind. Wer auch nur ein paar Monate in dieser Stadt lebt, weiß: Wer in der City einen Spaten in den Boden sticht, muss damit rechnen, auf zwei Dinge zu stoßen: auf Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg und Überreste des alten Dortmunds, auf die Archäologen so scharf sind. Dortmund hat schließlich eine mehr als 1100 Jahre alte Geschichte, die Stadtbefestigung wurde erst im 19. Jahrhundert abgerissen. Das hätte man wissen können und Verzögerungen einplanen müssen. Hätte man, hat man aber nicht. Das kann man nachlässig nennen oder auch dilettantisch.

Leseschwäche im Rathaus

Nun ist der Kirchentag ja nicht gerade erst wie ein Ufo aus dem Nichts aufgetaucht, sondern der Termin steht seit Jahren. Am 11. November 2014 schickte der Veranstalter einen Brief an die Stadt, in dem die Rahmenbedingungen nachzulesen sind, die für dieses Kirchenfest erfüllt sein müssen. Unter anderem ist dort von der „Berücksichtigung des Termins bei der Terminplanung größerer (....) Baustellen und anderer Gewerke, die die Infrastruktur belasten“ die Rede. Diesen Absatz hat im Rathaus wohl niemand gelesen.

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Im September 2015 hat der Rat Ja zum Kirchentag gesagt. Das geschah nach langer Diskussion, weil dieses Ja mit der Überweisung von 2,7 Millionen Euro an den Kirchentag verbunden war. Der Gegenwert sei ungleich höher zu bewerten, argumentierten die Verwaltung und die Mehrheit der Politik. Zum einen gäben die Besucher jede Menge Geld aus, zum anderen bedeute der Kirchentag bundesweite Aufmerksamkeit und einen enormen Imagegewinn. Das mit dem Image ist so eine Sache: Was, wenn Besucher den Eindruck mit nach Hause nehmen, dass Dortmund es einfach nicht gebacken gekriegt hat, seine gute Stube fürs Fest herzurichten? Ob ein paar neue Blümchen reichen für ein gutes Image?

Provinzieller als Münster

Klar ist, dass Dortmund vier Jahre Zeit hatte, seine Baustellen so zu planen, dass im Juni 2019 alles fertig ist. Irgendwie hatten die Politikerinnen und Politiker, als sie ihre Hand für den Kirchentag hoben, das Kirchentags-Motto schon visionär vorausgeahnt: „Was für ein Vertrauen!“ Kann halt auch schiefgehen, die Sache mit dem Vertrauen.

In der Gesamtschau drängt sich der Eindruck auf, dass Dortmund diesen Kirchentag einfach nicht verdient hat. Schade. 2018 hat Münster - halb so groß wie Dortmund - beim Katholikentag vorgemacht, wie man sich präsentiert. Münster ist die Provinzhauptstadt Westfalens, provinzieller ist Dortmund. Leider.

Ein Mann und sein Versprechen

Zum Glück hat die Stadt schon vor langer Zeit wenigstens den Beginn für den Umbau der Kampstraße zum Boulevard gestoppt. Diese Baustelle wäre ein Desaster gewesen. Dabei hätte auch die Kampstraße längst fertig sein können. Schließlich rollte hier schon im April 2008 die letzte Straßenbahn über die Schienen, die bis heute als Relikte einer vergangenen Zeit in der Straße liegen.

An jenem historischen Tag vor elf Jahren versprach der damalige Stadtdirektor vollmundig einen zügigen Umbau: „Jetzt gibt’s keine Diskussionen mehr, jetzt machen wir fertig. Wir wollen keinen Tag mehr verlieren.“ Hat nicht wirklich geklappt. Übrigens: Der damalige Stadtdirektor, das war ein Mann namens Ullrich Sierau.

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