Rund 200 Personen haben das Deutschland-Spiel im Café Erdmann am Westpark gemeinsam verfolgt. © Kevin Kindel
Deutschland gegen Frankreich

Dortmund leidet mit Hummels: Das erste Public Viewing in der Pandemie

Zum ersten Mal seit dem Herbst haben mehr als 200 Fußballfans in Dortmund gemeinsam ein Spiel verfolgen können. Zum Deutschland-Spiel gab‘s Puschelfühler, „Manu“-Fans und viel Mindestverzehr.

Pünktlich zum Start der Fußball-EM sind die Corona-Regeln in Dortmund gelockert worden. Noch beim DFB-Pokalsieg des BVB im Mai hat es die Ausgangssperre in der Stadt gegeben, nun konnten erstmals seit dem Herbst viele Menschen gemeinsam ein Fußballspiel verfolgen.

Eines der größten Rudelguck-Events der Stadt hat es am Dienstag (15.6.) im Café Erdmann im Westpark gegeben. Bis zu 250 Personen finden hier Platz, bereits um 19.40 Uhr, fast eineinhalb Stunden vor Anpfiff, sind keine Tische mehr ganz frei.

Manche setzen sich zu Fremden an den Tisch

Man könne sich aber einfach zu anderen Gästen setzen, sagen die Sicherheitskräfte. Manche, die nicht von 16 Euro Mindestverzehr plus 4 Euro Eintritt (pro Person) abgeschreckt sind, tun das auch. Kontaktdaten werden nicht erfasst – muss seit dem Wochenende wegen der stabilen Inzidenz unter 35 aber auch nicht mehr passieren. Die Wertmarken des Mindestverzehrs gelten übrigens nur für Getränke, nicht für Essbares. Das ist aber erst am Essensstand zu erfahren.

Der Großteil der Zuschauer kommt in zivil, etwa 15 bis 20 Deutschland-Trikots sind zu sehen. Dazu ein Haarreifen mit Puschelfühlern, zwei Hawaii-Blumenketten und der Glitzerhut des Biergarten-Chefs, alles in Schwarz-Rot-Gold.

Es ist 20.23 Uhr und ein Kellner kommt mit der ersten Hiobsbotschaft des Abends: „Sorry, wir haben keine Gläser mehr.“ Bier gibt’s nur noch im Plastikbecher wie auf dem Weg zum Stadion. Nicht gut für die Umwelt, aber irgendwie weckt es Fan-Gefühle.

Drei junge Männer kommen aus dem Westpark in den Biergarten und haben bereits die grünen Armbänder am Handgelenk, die am Eingang verteilt werden. Trotzdem werden sie aufgehalten. Wer nicht sitzt, muss Mundschutz tragen. Das ist tatsächlich das einzige Merkmal, das die Besucher daran erinnert, dass die Pandemie weiterhin anhält.

Erste Chance für einen Dortmunder

Kurz vor dem Anpfiff sind die französischen Spieler auf der Leinwand zu sehen. Das Pfeifkonzert aus dem Stadion kommt laut in Dortmund an. Zum ersten Mal seit vielen Monaten kommt echtes Stadiongefühl auf. Die Nationalhymnen ertönen, bei der deutschen stehen ein paar junge Männer auf, die Frau mit den Puschelfühlern schwenkt ihr Fähnchen, aber niemand singt hörbar mit.

3. Spielminute: Kopfball-Chance des Borussen Mats Hummels, Dortmund klatscht aufmunternd. 7. Minute: Gelbe Karte für Joshua Kimmich – und im Biergarten brüllt einer „Eeeeeey was Alter?!“ Das Publikum ist auf Betriebstemperatur.

17. Minute: Schuss Kylian Mbappé, Applaus für Bayern-Torwart Manuel Neuer. Das gibt‘s normalerweise in Dortmund nicht. Einer vom Hymnen-Aufsteher-Tisch nennt ihn „Manu“. Eingefleischte BVB-Fans sind irritiert.

20. Minute: 1:0 Frankreich, Eigentor Hummels. Eine blöde Situation für den einzigen Dortmunder auf dem Feld. Wenn er nicht zum Ball geht, macht der Franzose hinter ihm das Tor. Das Café Erdmann ruft erst „Neeeeeiiiin“ und dann „Kopf hoch, weiter!“

„Robin“ wird angefeuert. Wer?

Weiter geht‘s, der „Manu“-Rufer feuert jetzt „Robin“ an. Wen? Achso, den Gosens. Offenbar kennt man sich. 24. Minute: Freistoß vorm Tor für Deutschland – und einer fordert scherzhaft lautstark „Marco, Marco!“ Doch der Borusse Reus ist nicht dabei.

Dann kommt der Halbzeitpfiff. Extremismus und Erderwärmung sind Themen im „Heute Journal“. Aber immerhin sind die Corona-Zahlen gut. Im Café Erdmann zeigt die Schlange vor den Toiletten, dass vieles schon wieder so ist wie früher.

56. Minute: Die deutsche Mannschaft erzeugt jetzt viel Druck. Co-Kommentator Sandro Wagner sagt: „Die Fans sind auch wieder da.“ So ist es, der Westpark beklatscht vielversprechende Angriffe. Bis zur Euphorie zurückliegender Sommermärchen ist es zwar noch weit, aber deutlich wird an diesem Dienstagabend mal wieder, was für unterschiedliche Fußballfans bei so einem Public Viewing aufeinander treffen.

Die einen bewundern stoisch die Taktik und nicken zugestellte Passwege still anerkennend ab. Die anderen schreien laut, sobald der Ball nur in die Nähe der Strafräume kommt. Das beste Beispiel bietet die 66. Minute: Tor Mbappé. Weltklasse bescheinigen die einen, Neeeeiiiin kreischen die anderen. Abseits sagen die Schiedsrichter.

Hummels verhindert das 0:2

73. Minute: BVB-Spieler und bisheriger Reservist Emre Can bekommt ein Trikot zugeworfen. Der Biergarten klatscht enthusiastisch, einer stimmt halbherzig scherzhaft an „Wir sind alle Dortmunder Jungs“. Niemand macht mit. Doch der angeschlagene Matthias Ginter, immerhin Ex-Dortmunder, kann weitermachen.

79. Minute: Hummels grätscht Mbappé von hinten ab. Wahnsinns-Aktion, riskant und praktisch so viel wert wie ein Treffer (im richtigen Tor). Dortmund jubelt. Sechs Minuten später sind die Franzosen dann durch, Benzema schießt den Ball ins Tor. Aber wieder Abseits, wieder Jubel in Dortmund.

Rund 200 Personen haben das Deutschland-Spiel im Café Erdmann am Westpark gemeinsam verfolgt.
Rund 200 Personen haben das Deutschland-Spiel im Café Erdmann am Westpark gemeinsam verfolgt. © Kevin Kindel © Kevin Kindel

Drei Minuten vor Ablauf der regulären Spielzeit kommt mit Emre Can dann doch der zweite Dortmunder auf den Platz. Viel ausrichten kann er aber nicht mehr. In der Nachspielzeit wollen die Franzosen alle BVB-Fans dann offenbar noch einmal richtig ärgern, indem Ousmane Dembélé eingewechselt wird. Sein Wechsel von Dortmund nach Barcelona hat der Borussia viel Geld, aber auch viel Ärger gebracht.

Das Anrennen der deutschen Mannschaft führt zu keinen ernsthaften Torchancen, Frankreich hat praktisch alles im Griff. Der, der alle persönlich kennt, ruft bei einem Angriff über den Ex-Schalker Sané noch einmal verzweifelt „Leroy!“. Doch durch das Hummels-Eigentor verliert Deutschland sein EM-Auftaktspiel.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Kevin Kindel, geboren 1991 in Dortmund, seit 2009 als Journalist tätig, hat in Bremen und in Schweden Journalistik und Kommunikation studiert.
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