Dortmunder Arzt vergleicht Gesundheitssystem mit Bordellbetrieb

hzKlinikum Dortmund

Mehr Zeit für die Behandlung von Patienten ist unabdingbar, meint Dr. Alexander Risse vom Klinikum Dortmund. Er kritisiert ökonomische Zwänge in der Medizin - und nennt ein Gegenbeispiel.

Dortmund

, 30.07.2020, 17:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Krankenhäuser stehen unter Druck. Einerseits müssen sie die medizinische Grundversorgung sicherstellen, andererseits sollen sie wirtschaftlich arbeiten - und im Optimalfall sogar Gewinne abwerfen.

Dabei bleibt die medizinische Versorgung teilweise auf der Strecke. Soll ein maximaler Behandlungserfolg bei Patienten erzielt werden, kann es einige Zeit benötigen, um entsprechende Fortschritte sicherzustellen. Doch die fehlt oft. Lange Krankenhausaufenthalte rechnen sich häufig für die Kliniken nicht oder sind sogar ein Verlustgeschäft.

Leitender Arzt äußert harsche Kritik

Dr. Alexander Risse, leitender Arzt des Diabeteszentrums am Klinikum Dortmund, kritisiert das harsch: „Das Prinzip ist, du musst - ähnlich wie im Bordell - den Kunden anlocken, und sobald er da ist, musst du sehen, dass er fertig wird“, sagt der 54-Jährige in einem Beitrag des ARD-Magazins „Exclusiv im Ersten“.

Doch wie meint Risse das? Bis 2004 wurden Kliniken nach der Anzahl der belegten Betten bezahlt. Das habe dazu geführt, dass die Liegezeiten der Patienten in die Länge gezogen wurden.

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Danach sei das System auf so genannte Fallpauschalen umgestellt worden. Für eine bestimmte Erkrankung wird eine bestimmte Summe Geld ausgeschüttet. Die Folge: „Je länger der Patient liegt, desto geringer der Verdienst pro Tag“, erläutert Risse.

Die Liegezeiten seien deshalb gesunken und es komme darauf an, diese möglichst gering zu halten, um die Betten wieder möglichst schnell belegen zu können - ein Geschäftsmodell wie im Bordellbetrieb.

Rudolf Mintrop ist der Meinung, dass „am Patient nicht gerechnet“ werden sollte.

Rudolf Mintrop ist der Meinung, dass „am Patient nicht gerechnet“ werden sollte. © Dieter Menne (Archiv)

Mit der Systemkritik steht Risse nicht allein da. Unterstützung erhält er von Rudolf Mintrop: „Wir sagen ausdrücklich, am Bett des Patienten wird nicht gerechnet“, so der Geschäftsführer des Klinikums Dortmund im ARD-Beitrag. Patienten als Renditeobjekt zu betrachten sei eine „Perversion“.

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Dass Liegezeiten zu Lasten der Patienten gehen, bestreitet der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Studien hätten demnach ergeben, dass die vom Verband so genannte „blutige Entlassung“, also aus medizinischer Sicht zu kurze Liegezeit, weitgehend widerlegt sei.

Privat bewirtschaftete Kliniken erhöhen den Druck

Das Klinikum Dortmund befindet sich noch in öffentlicher Hand. Alexander Risse ist froh, dass dies der Fall ist, obwohl es in der Vergangenheit Forderungen nach einem Verkauf gegeben habe.

Dass mittlerweile viele Kliniken in privater Hand sind und nicht mehr in öffentlicher Hand, habe den Druck, wirtschaftlich arbeiten zu müssen noch weiter erhöht, sagt Risse. Schließlich müssten Gelder für die Dividenden der Aktionäre eingenommen werden.

Dr. Alexander Risse machte mit harscher Kritik auf Missstände im Gesundheitssystem aufmerksam.

Dr. Alexander Risse machte mit harscher Kritik auf Missstände im Gesundheitssystem aufmerksam. © privat (Archiv)

Erreicht habe man dies einerseits durch die Verkürzung der Liegezeiten und außerdem über die Spezialisierung auf einträgliche Operationen und Behandlungen. Und andererseits durch das Einsparen von Personal: „Dort wurde gekürzt bis zur Bewusstlosigkeit“, kritisiert Risse.

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Der GKV-Spitzenverband ist dagegen der Meinung, dass Überkapazitäten für den wirtschaftlichen Druck auf Krankenhäuser verantwortlich seien: „Das führt dazu, unter Umständen mehr zu operieren, als medizinisch notwendig ist“, so der Verband in einer Stellungnahme.

Risse wünscht sich eine bessere Finanzierung

So wie das Klinikum Dortmund bewirtschaftet werde, sei es wünschenswert, meint Risse. „Hier gibt es Behandlung der Patienten ohne ökonomische Beweggründe“, so der Mediziner und formuliert noch einen Wusch: „Eine bessere Finanzierung und Professionalisierung des Pflegebereichs. Das beinhaltet auch die Aufwertung und bessere Bezahlung in der Pflege.“

Dass einiges in dieser Richtung möglich sei, zeige sich am städtischen Klinikum: „Medizin ist teil einer Daseinsvorsorge, nicht eines Marktes. Dass das geht, zeigt gerade das Beispiel Klinikum Dortmund.“

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