Dortmunder Erstsemester: „Sind wir der verfluchte Jahrgang?“

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Erst kein Abiball, jetzt Abstriche beim Start ins Studium. Henning Middeldorf (18) ist Teil eines Jahrgangs, den die Pandemie besonders trifft. Im Gastbeitrag schreibt er über seine Erfahrungen.

von Henning Middeldorf

Dortmund

, 31.10.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Kurz vor dem Wochenende schwindet die Konzentration im Biologieunterricht in meinem Jahrgang langsam immer mehr. Nicht jeder kann sich nun noch auf Zellbiologie fokussieren. Eigentlich ist dieser Freitag damit einer wie jeder andere. Bis kurz vor Unterrichtsende die Bombe platzt.

Es ist der 13. März und noch im Unterricht erreichen uns Schlagzeilen wie „Erste Bundesländer schließen ab Montag ihre Schulen“. Auf dem Weg nach Hause dann die Gewissheit: Ab Montag würden alle Schulen und Kitas in ganz NRW geschlossen werden – als Reaktion auf die voranschreitende Coronavirus-Pandemie.

Das Gefühl alles nur Mögliche würde gegen uns laufen

Mottowoche und Abiball, auf die sich jeder von uns seit Wochen gefreut hatte, fielen aus. Und an die, eigentlich im April anstehenden, Abiturprüfungen wagte noch gar keiner zu denken.

Das einzige, was uns durchgehend beschäftigte, war dieses neuartige Virus. Und der Schock, dass diese Pandemie es nun tatsächlich bis vor die eigene Haustür geschafft hatte.

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Dann kam das Hickhack um die Abschlussprüfungen. Mal hieß es vom Schulministerium, man wolle die Prüfungen um drei Wochen verschieben, dann liebäugelte man wieder mit dem Durchschnittsabi. Obwohl viele Schüler, mich eingeschlossen, die Absage der Abschlussprüfungen gefordert hatten, fanden unsere Prüfungen dann statt.

Immerhin fiel unser Abiturschnitt dann etwa entsprechend der vorherigen Jahrgänge aus. Ein gewisser Trost für unseren Jahrgang, hatte sich bei einigen doch schon das Gefühl eingeschlichen, alles nur Mögliche würde in diesem Jahr gegen uns laufen, als wären wir der verfluchte Jahrgang. Keine Mottowoche, kein Abiball, keine große Feier – aber immerhin auch keine unterdurchschnittlichen Noten in den Abschlussprüfungen.

Erstmal kein Studium unter den üblichen Bedingungen

Dann kam mein Umzug von Rheinberg nach Dortmund. Ich beginne in diesem Wintersemester ein Journalistik-Studium an der TU. Sich in einer fremden Stadt zurechtzufinden und neue Bekanntschaften zu schließen ist nie leicht. Durch Corona wurden die Möglichkeiten, andere Studierende kennenzulernen deutlich vermindert.

Die Wohnungssuche war das kleinere Problem. Zum Glück hatte ich bereits Kontakte in Dortmund, die mir wertvolle Tipps geben konnten. Nach einer Woche Wohnungssuche bekam ich den Zuschlag für eine Einzimmerwohnung in Hombruch.

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Kneipentouren und Campus-Rallys fallen flach. Viele Vorlesungen werden voraussichtlich digital stattfinden. Ein Studium unter den üblichen Bedingungen scheint mir gerade fürs Erste nicht möglich. Obwohl ich mich besonders aufs Kontakte knüpfen und das Studentenleben gefreut hatte.

Vielen meiner Freunde und Kommilitonen geht es damit ähnlich. Bleibt die Hoffnung, dass auch wir früher oder später auch erfahren, was dieses Studentenleben eigentlich ausmacht.

Die Fachschaft gibt jedenfalls alles, um uns Erstsemestern den Start ins Studium zu erleichtern. Von Präsenzveranstaltungen, bei denen Hygienemaßnahmen eingehalten werden, bis hin zu virtuellen Zusammentreffen über Zoom. Das Gefühl, dass für uns gesorgt wird, ist sehr beruhigend.

Große Dankbarkeit für Helfer

Welche Hürden Corona für uns diesjährige Abiturienten auch aufgestellt hat, bisher haben wir es meist geschafft, sie gemeinsam zu überwinden. Deshalb blicke ich positiv in die Zukunft. Viele haben uns dabei geholfen, wofür ich eine große Dankbarkeit verspüre. Von wem keine große Hilfe zu erwarten ist, habe ich dabei auch gelernt.

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Im Jahr 2021 meine Abiturprüfungen zu schreiben, fände ich hingegen weit unangenehmer. Allen, die im Winter bei offenem Fenster frierend im Unterricht sitzen müssen, weil sie sonst abiturrelevanten Stoff verpassen würden, kann ich nur meine Anteilnahme aussprechen. Auch ihr werdet da irgendwie durchkommen.

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