Dortmunder rüsten auf: Zahl der Kleinen Waffenscheine steigt massiv

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Die Zahl der festgestellten Straftaten sinkt nachweislich. Dennoch: Nicht alle Dortmunder scheinen sich sicher zu fühlen. Bei der privaten Bewaffnung gibt es einen deutlichen Trend nach oben.

Dortmund

, 20.07.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Das Leben in Dortmund wird immer sicherer“, sagt Polizeipräsident Gregor Lange. Er kann das belegen. Die Zahl der festgestellten Straftaten war 2019 die niedrigste seit mehr als 15 Jahren. Straßen- und Gewaltkriminalität sanken in den letzten zehn Jahren im zweistelligen Prozentbereich. Die Aufklärungsquote von Verbrechen steigt. Doch die Kriminalitätsangst wird offenbar nicht kleiner.

Trotz der guten Nachrichten aus dem Präsidium rüsten die Dortmunder privat massiv mit Schreckschuss- und und Signalpistolen sowie Pfefferspray auf. Mit 6121 kleinen Waffenscheinen im Jahr 2019 erreicht die Zahl der erteilten Genehmigungen einen Höchststand. 2016 lag sie noch bei 4657. Ein Plus von mehr als 30 Prozent.

Der Trend bildet sich in ganz Nordrhein-Westfalen und besonders stark im Ruhrgebiet ab. Aus der Nachbarstadt Bochum werden 6502 kleine Waffenscheine gemeldet, in Essen 7670 und in Duisburg 4913. In NRW liegt ihre Zahl mit Stand Dezember 2019 bei 167.000 - ein Plus von mehr als 40.000. Alleine zwischen Dezember 2019 und März 2020 kamen laut NRW-Innenministerium 2000 weitere Genehmigungen dazu.

Tausende Schusswaffen legal zugelassen

Zahlen und Trends stammen aus der Antwort auf eine große Anfrage der Landtags-AfD, die die Landesregierung jetzt gegeben hat. Auf mehr als 1000 Seiten zeigt sich dort ein Bild von der „Rüstung“ an Rhein und Ruhr.

So gibt es in NRW 98.000 genehmigte Revolver und 167.693 halbautomatische Schusswaffen. In Dortmund, geht aus dem Dokument hervor, sind am 31. Dezember letzten Jahres 4546 halbautomatische Pistolen, 2405 Revolver und 3831 Repetierbüchsen legal zugelassen gewesen.

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Das von der Einwohnerzahl her kleinere Bochum ist noch stärker bewaffnet. Dort liegen 6422 halbautomatische Pistolen und 3452 Revolver in den Waffenschränken.

Mehr Straftaten mit Schusswaffen landesweit

Viele Daten aus dem Landtagspapier decken sich mit der Entwicklung der Dortmunder Kriminalitätsstatistik. So haben - ein Ausreißer in der ansonsten abnehmenden Kriminalitätsentwicklung - landesweit die Straftaten deutlich zugelegt, die mit illegalen Schusswaffen verübt wurden: Von 581 Fällen im Jahr 2016 auf 938 im letzten Jahr.

In Dortmund spiegelt sich das speziell für das letzte Jahr in einem Anstieg der „Straftaten gegen das Leben“ gegenüber 2018 wieder - allerdings auf zahlenmäßig sehr niedrigem Level. Dortmunds Polizei meldet 18 Fälle gegenüber 12 im Vorjahr. Alle 18 wurden 2019 aufgeklärt.

Tatsächlich nehmen nach den Zahlen der Landesregierung auch Straftaten zu, bei denen eine legal gemeldete Waffe oder eine Selbstverteidigungswaffe zum Einsatz kommt. In Dortmund war das zwischen 2016 und 2019 rund 70 mal der Fall. Vielfach wurden die Opfer mit Schreckschusspistolen bedroht.

„Keine gute Entwicklung“

Michael Maatz ist stellvertretender Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Ich sehe die Entwicklung vor allem bei den Kleinen Waffenscheinen sehr kritisch“, sagte er unserer Redaktion. „Das ist keine gute Entwicklung für die innere Sicherheit. Offenbar misstraut ein Teil der Bevölkerung der Polizei, diese garantieren zu können“.

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Zudem habe es Fälle bei Konfrontationen gegeben, in denen „Inhaber der Kleinen Waffenscheine die Situation falsch eingeschätzt haben“. Unter Stress könne das für die Waffenschein-Inhaber wie auch für andere gefährlich werden. „Es kann nicht gut für unsere Gesellschaft sein, dass sich jeder Zweite bewaffnet und eine Schreckschusspistole in der Tasche hat“.

Umdenken gefordert

Der GdP-Mann verlangt deshalb ein „Umdenken“. Er fordert, dass „Experten der Polizei, der Gewerkschaften und der Politik sich zusammensetzen, um über mögliche Einschränkungen zu sprechen“. Hilfreicher seien akustische Warngeräte, mit denen im Ernstfall schnell Hilfe geholt werden könne und die gleichzeitig abschreckend wirkten.

Auslöser für den Run auf Selbstverteidigungswaffen und damit auf den Kleinen Waffenschein waren offenbar die in der Vergangenheit zeitweise stark gestiegenen Einbruchszahlen, die Übergriffe der Silvesternacht 2015/2016 auf der Kölner Domplatte und die Angst vor Terroranschlägen.

Keine grundsätzliche Erlaubnis zum Mitführen

Die kommunalen Behörden erteilen die Erlaubnis, wenn der Antragsteller volljährig und nicht vorbestraft ist, keine Drogen- und Alkoholabhängigkeiten aufweist und die Waffe sicher aufbewahrt. Der kleine Waffenschein berechtigt allerdings nicht, diese Waffen bei öffentlichen Versammlungen und Veranstaltungen zu führen.

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