Dortmundern gelingt Durchbruch in Pestizid-Forschung - mit Salatschüsseln

hzÖkologie-Büro

Ein Dortmunder Ökologie-Büro hat die Allgegenwärtigkeit von Schädlingsbekämpfungsmitteln in der Luft bewiesen. Dabei bedienten sich die Experten kreativer Mittel.

Dortmund

, 22.11.2020, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Pestizide bleiben auf dem Acker, vergiften die Luft nicht und gelangen nie in weitere Entfernungen. Als „Märchen“ bezeichnet das „Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft“ diese früher weit verbreitete Behauptung - und kann das dank eines Dortmunder Unternehmens nun auch belegen.

Von Dortmund aus gesteuert

In der aufsehenerregenden Studie „Pestizid-Belastung der Luft“ bewies das Ökologie-Büro „TIEM Integrierte Umweltüberwachung“ mit Sitz im Kaiserviertel, dass Schädlingsbekämpfungsmittel bis in den letzten Winkel Deutschlands gelangen. Doch die Studie verdeutlichte nicht nur die Omnipräsenz von Pestiziden, sondern sorgte auch für eine Menge Arbeit. Arbeit, die von Dortmund aus gesteuert wurde.

Bei einem Betrieb, der sich der Umweltüberwachung verschrieben hat, denkt man zunächst vielleicht an etwas verkopfte Wissenschaftler, die in einer Welt voller Formeln leben. Beim Tiem-Chef Ulrich Schlechtriemen muss man sich aber eines Besseren belehren lassen: Der Diplom-Forstwirt erweist sich als durchaus humorvoll und bodenständig. Ein Dortmunder eben.

Experten untersuchten Bienenbrot

Seit über 30 Jahren besteht das Unternehmen, das ökologische Gutachten und Analysen erstellt und dabei andere Labore, Biologen oder Statistiker mit einbezieht. Diesmal standen Schlechtriemen die Biologin Dr. Maren Kruse-Plaß und der Mathematiker Dr. Werner Wosniok zur Seite, ohne die - so der Dortmunder - „die Arbeit nicht zu bewerkstelligen gewesen wäre“.

Ulrich Schlechtriemen zeigt das sogenannte Bienenbrot, in dem zahlreiche Pestizide nachgewiesen werden konnten.

Ulrich Schlechtriemen zeigt das sogenannte Bienenbrot, in dem zahlreiche Pestizide nachgewiesen werden konnten. © Michael Schuh

Bereits 2014 begann Tiem, im Auftrag des Landes Brandenburg die dortige Belastung der Luft anhand von Schadstoffen in Baumrinden zu ermitteln - das sogenannte Rindenmonitoring. Die Studie, die das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft bei Tiem in Auftrag gab, war jedoch ungleich größer - und das nicht nur, weil sie das gesamte Bundesgebiet umfasste.

Denn zum Rindenmonitorierung gesellten sich drei weitere Methoden, um die Pestizidbelastung der Luft zu messen. So wurden Filtermatten aus Lüftungsanlagen ebenso auf Schädlingsbekämpfungsmittel untersucht wie die als „Bienenbrot“ bezeichneten Pollen, die von den Bienen zur Fütterung ihrer Larven in den Waben eingelagert werden.

163 Passivsammler aus umgebauten Salatschüsseln

Und nicht zuletzt entwickelte Tiem einen technischen Passivsammler, von dem 51 Exemplare im gesamten Bundesgebiet aufgestellt wurden. Diese mit unterschiedlichen Filtern ausgestatteten Geräte seien gleichermaßen effizient wie einfach, erläutert Schlechtriemen: „Der Kopf besteht aus einer metallenen Salatschüssel.“

So sieht der technische Passivsammler aus, den das Ökologie-Büro „TIEM Integrierte Umweltüberwachung“ selbst entwickelte. Unter Zuhilfenahme einer einfachen Salatschüssel entstand ein technisches Gerät.

So sieht der technische Passivsammler aus, den das Ökologie-Büro „TIEM Integrierte Umweltüberwachung“ selbst entwickelte. Unter Zuhilfenahme einer einfachen Salatschüssel entstand ein technisches Gerät. © Michael Schuh

An 163 Standorten von Schleswig-Holstein bis Bayern wurden Proben gesammelt und in einem Labor auf über 500 verschiedene Pestizide untersucht. Eines vorweg: Nicht eine dieser Proben war unbelastet. „Selbst mitten im Bayrischen Wald haben wir noch sechs verschiedene Pestizide gefunden“, sagt Schlechtriemen. „Und ganz oben auf dem Brocken waren es sogar 13. Das hätte vorher niemand für möglich gehalten.“

Viele Naturfreunde halfen

Zum Aufstellen der Metall-Apparaturen und zum Einsammeln der Proben fuhren Schlechtriemen sowie seine Mitarbeiter zwar kreuz und quer durch Deutschland, doch ohne die Hilfe zahlreicher Imker und Naturfreunde wäre die Arbeit nicht zu stemmen gewesen.

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Aber offenbar lag die Studie - und somit auch die Umwelt - vielen Menschen am Herzen, denn die Suche nach ehrenamtlichen Helfern gestaltete sich laut Schlechtriemen überaus erfolgreich: „Es haben sich mehr angemeldet als wir tatsächlich benötigten.“

Verbotenes DDT gefunden

Nicht zuletzt dank dieser Unterstützung brachte die Studie ein handfestes Ergebnis. „Die Pestizide verteilen sich nicht nur gasförmig, sondern auch in Bindung an winzige Partikel kilometerweit, was vorher immer abgestritten wurde“, sagt der Tiem-Chef. Zudem hielten sich manche Pflanzenschutzmittel extrem lange: „Wir haben auch DDT gefunden - und das ist seit Jahrzehnten verboten.“

Was das für Folgen das haben kann, erklärt Schlechtriemen an einem Beispiel: Ein Bio-Landwirt aus Paderborn habe seine komplette, mehrere Tonnen schwere Porree-Ernte unterpflügen müssen, weil die Pestizid-Belastung nicht mehr der Bio-Norm entsprach. Und das, obwohl dieser Bauer die gefundenen Chemikalien selbst gar nicht verwendete. Die Stoffe mussten also aus der Umgebung stammen.

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Die Studie interessierte aber nicht nur die Bio-Bauern, sondern auch die chemische Industrie, die ihrerseits auf die geringen gefundenen Pestizid-Mengen verwies. „Doch wir wissen ja noch gar nicht, wie diese Cocktails aus verschiedenen Stoffen wirken“, stellt der Dortmunder dem entgegen, „und welche Folgen selbst schwache Dosen auf Dauer haben.“

Deshalb fordere die Bio-Branche eine Verschärfung der Zulassungsbedingungen für Pestizide - und letztlich deren Verbannung aus der Landwirtschaft. Und auch auf politischer Ebene scheint man sich so seine Gedanken über die Studie zu machen. „Bundes-Umweltministerin Svenja Schulze hat schon angedeutet, dass es Handlungsbedarf gibt“, weiß Schlechtriemen.

Auch Dortmund ist nicht pestizidfrei

Dortmund gehörte übrigens nicht zu den 163 Standorten, an denen Pestizide gemessen wurden. „Aber auch hier hätte man etwas gefunden“, ist sich der Experte sicher. „Wenn man im Zentrum Berlins oder im Englischen Garten in München fündig wird, ist es undenkbar, dass dies in Dortmund nicht der Fall ist.“

Gefahr für die Bio-Landwirtschaft

  • Die Studie „Pestizid-Belastung der Luft“ wurde vom Umweltinstitut München und vom „Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft“ in Auftrag gegeben. Dem Bündnis gehören viele Bio-Hersteller und Bio-Händler an.
  • Von Pestiziden gehe eine Gefahr für die Bio-Landwirtschaft aus, so das Bündnis: „Wenn wir nicht sofort handeln, gibt es eines Tages keine Bio-Produkte mehr. Und damit keine giftfreie Ernährung für unsere Kinder und Enkel.“
  • Bei der Studie unterstützten ehrenamtliche Helfer das Dortmunder Unternehmen Tiem, indem sie unter anderem die technischen Passivsammler in Gärten oder am Feldrand betreuten und deren Filter wechselten.
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