Männer im Schatten bei verbotenen Geschäften: Der Kreisverkehr an der Martinstraße an einem Wochentag. © Felix Guth
Reaktion auf Einzelhandels-Kritik

Drogenszene am Westenhellweg: Der schwierige Umgang mit dem Rausch

Der Vorwurf ist klar formuliert: Die offene Drogenszene soll eine Ursache der Probleme am oberen Westenhellweg sein. Diejenigen, die mit Abhängigen arbeiten, sehen das ganz anders.

Die angekündigte Schließung des Elektronikfachmarkts Conrad hat eine Diskussion über den oberen Teil des Westenhellwegs aufgewühlt. Das Aus für den wichtigen Frequenzbringer hat mehrere Ursachen.

Eine davon glauben der Cityring-Vorsitzende Tobias Heitmann und andere Geschäftsleute ausgemacht zu haben. Die offene Drogenszene rund um das „Café Kick“ und die Methadon-Ausgabestelle im Gesundheitsamt zwischen Wall und Westenhellweg wurden zuletzt in einem Artikel dieser Redaktion und in Gesprächen zwischen Wirtschaft und Verwaltung als „Problem“ adressiert.

Cityring: Kunden meiden den Westenhellweg

Es gebe viele Zuschriften von Geschäften und Büros. Kunden würden zurückmelden, dass sie die City meiden und in den Ruhrpark oder nach Münster ausweichen würden, so Heitmann.

Matthias Hilgering, Inhaber der Weinhandlung an der Ecke Grafenhof/Westenhellweg sagt im Gespräch mit dieser Redaktion: „Wir erleben tagtäglich, dass sich viele drogenkranke Menschen durch die Stadt bewegen. Unsere Kunden müssen durch solche Gruppierungen und fühlen sich nicht wohl. Wir stellen eine extremere Bettelei auf dem Westenhellweg fest.“

Widerspruch der Drogenhilfen: Suchtkranke nicht schuld an Problemen des Einzelhandels

Das erzeugt Widerspruch bei Menschen, die in den Hilfestellen für Suchtkranke arbeiten. „Es werden Probleme gesucht und dann auch gefunden“, sagt Jan Sosna, Leiter des „Café Kick“. Sein Kollege Michael Gierse von der Drogenhilfe PUR meint: „Es werden viele unterschiedliche Dinge zusammen geworfen.“

An einer kleinen Anzahl an Menschen mit einer anerkannten chronischen Erkrankung grundlegende Probleme des Einzelhandels festzumachen, halten Sosna und Gierse nicht für angemessen.

Die beiden Einrichtungen am Grafenhof im umgebauten Gebäudekomplex des Gesundheitsamts arbeiten voneinander unabhängig und mit einer unterschiedlichen Klientel. In der Methadonausgabe der Drogenhilfe PUR erhalten langjährige Abhängige an Wochenenden im Gesundheitsamt den Heroin-Ersatzstoff Methadon.

Das „Café Kick“ an der Martinstraße, unmittelbar neben der Thier-Galerie, ist ein Drogenkonsumraum und Aufenthaltsort für Menschen, die von illegalen Drogen wie Heroin oder Crack abhängig sind.

Drogenkonsum im geschützten Raum – und außerhalb der Öffentlichkeit

Das „Café“ im Namen ist eher eine symbolische Beschreibung. Vor der Tür steht ein Sicherheitsmann. Drinnen erinnert die Optik eher an eine Kantine – auch, weil wegen Corona nur noch die Hälfte der Gäste zugelassen ist.

Ein Mitarbeiter des Café Kick im Raum für intravenösen Konsum bei der Eröffnung des neuen Standorts im Januar 2020. © Michael Schuh (Archivbild) © Michael Schuh (Archivbild)

„Kick“ ist der zentrale Begriff: Hier finden die Menschen ihn in einem geschützten Raum, nicht allein, unter sterilen hygienischen Bedingungen. Dies ist in der deutschen Drogenpolitik ein anerkannter Weg, um ein noch schlimmeres Abstürzen in Sucht-Strukturen und gesundheitliche Gefahren zu verhindern.

Zugleich verschwindet der Konsum aus der Öffentlichkeit.

Konflikte zwischen Drogenalltag und Shopping-Alltag

Rund um das „Café Kick“ halten sich Menschen auf, deren Leben durch den Drogenkonsum bestimmt wird. Mit all den körperlichen, psychischen und finanziellen Folgen. „Es sind Menschen, die sich häufig abseits der gesellschaftlichen Norm bewegen“, sagt Michael Gierse.

Am Kreisverkehr vor dem – pandemiebedingt geschlossenen – Thier-Galerie-Seiteneingang wird mit Drogen gedealt. Ein kurzes Gespräch, der Austausch von Verpacktem gegen Geld, es geht schnell. Wer sich in diesem Teil der Innenstadt berufsbedingt öfter aufhält, weiß, wer hier Käufer und wer Verkäufer ist.

Das ist auch an diesem Tag so, an dem die beiden Sozialarbeiter über die aktuelle Lage sprechen. „Handel wird es immer geben, da kannst du noch sechs Konsumräume eröffnen“, sagt Jan Sosna.

Manchmal sind hier Beamte von Polizei oder Ordnungsamt zu sehen. Dann ruht der Handel kurz. Es ist relativ klar: Selbst wenn solche Tätigkeiten unterbunden werden, geht der Verkauf an einer anderen Stelle in der Nähe weiter.

Jan Sosna (l.), Leiter des „Café Kick“, und Michael Gierse vom Verein Drogenhilfe PUR an der Martinstraße in der Dortmunder Innenstadt.
Jan Sosna (l.), Leiter des „Café Kick“, und Michael Gierse vom Verein Drogenhilfe PUR an der Martinstraße in der Dortmunder Innenstadt. © Felix Guth © Felix Guth

So bewertet das Ordnungsamt die aktuelle Lage

Laut Stadtsprecher Maximilian Löchter ist der Kommunale Ordnungsdienst „auch in gemeinsamer Streife mit der Polizei täglich, oft mehrfach täglich im Umfeld der Drogenhilfeeinrichtungen Café Kick, Drogenkonsumraum und der Methadonausgabe präsent“.

Zu den festgestellten Ordnungswidrigkeiten gehören laut Stadtsprecher das aggressive Betteln, das Wegwerfen von Abfall, das öffentliche Urinieren oder Lagern/Campieren auf öffentlichen Wegeflächen. Dies werde „konsequent unterbunden und sanktioniert“. Handel und Besitz von Betäubungsmitteln werden von der Polizei verfolgt.

Eine gesonderte Statistik zu den Sanktionen des Ordnungsamtes für den Oberen Westenhellweg werde nicht erhoben. „Generell werden die genannten Delikte und Ordnungswidrigkeiten aber nahezu täglich im fraglichen Bereich festgestellt“, sagt Maximilian Löchter.

Diese Szenerie trifft hier am oberen Westenhellweg auf das reguläre Shopping- und Arbeitsleben in der Stadt. Das kann eigentlich gar nicht ohne Konflikte bleiben.

Wie viel Rausch muss eine Gesellschaft aushalten können?

„Eine Gesellschaft muss Rausch aushalten“, sagt Michael Gierse von der Drogenhilfe PUR. Andere sehen das nicht so und rufen nach mehr Kontrolle und Sanktionen.

Die Liste an Beschwerden von benachbarten Geschäftsleuten ist lang. Laut Jan Sosna weniger wegen konkreter Vorkommnisse, sondern wegen etwas, das er mit dem Begriff „allgemeines Unwohlsein“ treffend beschrieben findet.

Die Einrichtung ist erst im Januar 2020 hierhergezogen. Zuvor befand sie sich über viele Jahre nur wenige hundert Meter östlich, auf der anderen Seite des Thier-Galerie-Neubaus. Auch hier mit Begleiterscheinungen wie Drogenhandel, Konsum und Konflikten auf offener Straße. Aber eben nicht so mittendrin im Trubel von Dortmunds Einkaufsmeile.

Der Umzug war bereits im Vorfeld von Bedenken der Nachbarschaft und einer Klage begleitet. Als das neue „Café Kick“ gerade erst eröffnet und die Chance hatte, gegen Vorurteile anzuarbeiten, kam die Corona-Pandemie.

Durch die Pandemie sind viele Aufenthaltsmöglichkeiten weggebrochen

„Dadurch hat sich vieles zum Negativen gewendet“, sagt Michael Gierse. „Es sind zwar alle Einrichtungen in der basalen Versorgung wieder an den Start gegangen. Aber was bis heute fehlt, ist, dass unsere Menschen eine Möglichkeit haben, sich irgendwo aufzuhalten. Deshalb sind viel mehr Elend und Not öffentlich“, sagt Michael Gierse.

Es war ein von vielen beschriebenes Phänomen der Lockdown-Phasen: In der leeren Innenstadt blieben während der „Stay Home“-Phase nur diejenigen sichtbar, die keinen Ort zum Zuhausebleiben haben.

Viele Treffpunkte, etwa der Trinkerraum in der Nordstadt, sind geschlossen oder in der Kapazität reduziert. Also konzentriert sich seit etwa eineinhalb Jahren vieles in den engen Straßen, die sonst eigentlich als Zufahrt zum Thier-Galerie-Parkhaus dienen.

Die Debatte rührt an grundsätzlichen Fragen zum Umgang der Gesellschaft mit illegalen Drogen. „Die Gesellschaft muss einen Weg finden, damit umzugehen“, sagt Michael Gierse. Womit er ausdrücklich nichts schönreden, sondern darauf hinweisen wolle, dass man die Gesamtentwicklung nicht stoppen könne.

Das „Café Kick“ ist stark frequentiert

Was damit gemeint ist, verdeutlicht Jan Sosna mit diesem Bild: „Wir sind so stark frequentiert, im Supermarkt würde man fragen: Können Sie bitte eine zweite Kasse aufmachen?“.

Viele Menschen hätten noch immer ein überholtes Bild von Drogenabhängigen. „Christiane F. im Bahnhofsklo mit der Pumpe im Arm“, sagt Michael Gierse. Das gebe es immer noch. Aber es sei schon lange nur noch ein kleiner Teil der Realität an der Martinstraße und anderswo.

Ins „Café Kick“ kommen laut Jan Sosna Menschen, die sich in der Mittagspause einen Schuss setzen und dann wieder arbeiten gehen. Hierher kommen Menschen, die seit Jahren mit der Sucht leben. Dabei, so die Beobachtung der Drogenhilfe, verändert sich die Art der konsumierten Substanzen.

Der Konsum der Droge Crack explodiert in Dortmund

„Den reinen Heroin-Abhängigen gibt es fast gar nicht mehr“, sagt Jan Sosna. Stattdessen sei im Konsumraum die Zahl der Vorgänge mit Crack, einer Verarbeitungsweise von Kokain, exorbitant gestiegen, innerhalb rund eines Jahres von 4 auf 1500.

Die Wirkungsweise von Crack sei auch ein Teil des Problems. Der schnelle Kick, meist durch Pfeifen, hat schwere Nebenwirkungen. Die Droge ist teuer, ihre Wirkung führt bei vielen rasch zu Verwahrlosung. „Manche vergessen zu essen und zu trinken“, sagt Jan Sosna.

Drogenhilfen wollen Austausch mit Cityring

Was die Zukunft des oberen Westenhellwegs angeht, wünschen sich Sosna und Gierse, dass alle Beteiligten wieder in einen Austausch kommen. „Wir wollen nicht die Gegenthese aufstellen, sondern den Cityring zu einer gemeinsamen Aktion einladen, um gemeinsam über Lösungen zu sprechen. Damit wir wieder dahin kommen, wo wir vor der Pandemie waren, als es offensichtlich weniger Probleme gab“, sagt Gierse.

Eine erste Gelegenheit zum Austausch ergibt sich am Montag (4.10.). Im Westfälischen Industrieklub kommt dann ein geladener Kreis an Geschäftsleuten und Akteuren aus der Innenstadt auf Einladung des Oberbürgermeisters zusammen.

In geschützter Atmosphäre soll es um die Zukunft der gesamten Dortmunder City gehen. Der obere Westenhellweg wird einer, aber nicht der einzige Punkt an diesem Abend sein.

Das Treffen ist ein erster Impuls für ein Programm mit dem Namen „Miteinander Mitte Machen“, das die neu eingesetzten Citymanager aus dem Büro Stadt & Handel im Auftrag der Stadt Dortmund entwickelt haben.

Tobias Heitmann vom Cityring findet es wichtig, das der Austausch weiter geht, denn auch ihm gehe es nicht darum, ein Problem nur zu verdrängen: „Es ist ein dickes Brett, das da zu bohren ist. Aber wir sind in sehr guten Gesprächen.“

Dieser Artikel wurde am 29. September aktualisiert.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Seit 2010 Redakteur in Dortmund, davor im Sport- und Nachrichtengeschäft im gesamten Ruhrgebiet aktiv, Studienabschluss an der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Ressortgrenzen immer auf der Suche nach den großen und kleinen Dingen, die Dortmund zu der Stadt machen, die sie ist.
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