Druck von Rechts auf Dortmunder Journalisten? – Briefe mit weißem Pulver nur die Spitze

hzStaatsschutz ermittelt

Erneut hat ein Journalist einen Brief mit weißem Pulver bekommen – schon der dritte Fall seit Juli. Der Dortmunder wird seit Wochen unter Druck gesetzt. Spuren führen in die rechte Szene.

Dortmund

, 19.09.2019, 05:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein Brief vom Finanzamt. Jedenfalls sah er so aus. „Es war sogar das richtige, für mich zuständige Finanzamt“, erinnert sich Robert Rutkowski. Als der 56-Jährige am Dienstag (17.9.) um 17 Uhr – „eigentlich sehr spät für mich“ – zum Briefkasten ging, öffnete er diesen Brief direkt.

„Der erste Absatz war tatsächlich so geschrieben, dass man dachte, der Brief ist echt.“ Dann wurde es ernst: Im zweiten Absatz stand, der freie Journalist und Aktivist solle sein „erbärmliches Leben beenden“, weißes Pulver rieselte beim Lesen des Briefes aus dem Umschlag: „Da habe ich die Polizei gerufen.“

Es folgte ein zweistündiger Großeinsatz von Polizei und Feuerwehr in Menglinghausen. Vor Ort war auch eine ABC-Einheit der Feuerwehr, die das Pulver sicherte und analysierte.

Fotos, Texte und Filme über die rechte Szene

Am Ende des Tages stellte sich heraus: Es handelte sich um eine ungefährliche Substanz. Die Polizei vermutet einen politischen Hintergrund. Denn als Aktivist und freier Journalist beobachtet Robert Rutkowski Rechtsextremisten, dokumentiert Demonstrationen der Rechten und twittert auch als @korallenherz gegen rechts. Vor einem Jahr filmte der Dortmunder die Demonstration in Dorstfeld und Marten, bei denen es zu antisemitischen Äußerungen kam.

Ähnliche Fälle gab es bereits im Juli

Erst Anfang Juli hatten zwei Journalisten des WDR ähnliche Briefe bekommen. Einer wurde direkt an den Sender geschickt, der andere an die private Adresse. Die Fälle erregten großes Aufsehen, im WDR-Landesstudio wurden mehrere Räume gesperrt und Mitarbeiter unter Quarantäne gestellt. Beide Journalisten berichten über und beobachten die rechtsextreme Szene.

In beiden Fällen – und nun auch im Falle von Robert Rutkowski – ermittelt jetzt der Staatsschutz und prüft auch mögliche Zusammenhänge, bestätigte die Dortmunder Polizei.

Die Dortmunder Polizei geht davon aus, dass mit dem Verschicken des weißen Pulvers „eine Bedrohungssituation erzeugt“ werden soll. „Das soll zu einer Einschüchterung und weiter zu einer Verhaltensänderung führen“, heißt es auf Anfrage unserer Redaktion. Bedroht wurden mindestens einer der beiden WDR-Journalisten wie auch Robert Rutkowski schon vor den jeweiligen Vorfällen mit dem weißen Pulver.

Nicht bestellte Pakete, Mails, Anrufe

„Gerade in der letzten Zeit gibt es vermehrt Aktionen“, so der 56-Jährige. Seit etwa drei Wochen erhalte er vermehrt Pakete, die er nicht bestellt und Newsletter, die er nicht abonniert habe. Zahlreich seien auch Anrufe von Firmen, die er nicht um einen Rückruf gebeten habe. „Darunter sind auch viele sehr geschmacklose Sachen oder ein 24-Stunden-Pflegedienst“, erzählt der Aktivist.

All das, so ist er mit der Polizei einer Meinung, „soll Druck aufbauen“ auf ihn und seine Berichterstattung über die rechte Szene beeinflussen. Davon abhalten wird es ihn aber nicht. „Ich werde nicht nachlassen“, sagte der 56-Jährige, „ich tue das aus tiefster Überzeugung.“ Je stärker die Attacken, desto intensiver habe er stets berichtet.

Seit 2014 beschäftigt er sich mit Aktionen gegen Rechts. 2015 schmierten Unbekannte Hakenkreuze an sein Haus. Auch gehörte er zu den sechs Dortmundern, denen die Rechten Todesanzeigen schickten.

„Grundwerte der Demokratie in Gefahr“

Die Polizei kündigt an, die Hintergründe der aktuellen Taten unbedingt aufklären zu wollen. Auch, um „das Recht auf freie Meinungsäußerung aller Bürgerinnen und Bürger schützen“, wie Polizeipräsident Gregor Lange zu dem Vorfall erklärt. „Wer Journalisten, Blogger und andere Nutzer sozialer Netzwerke bedroht und eine freie Berichterstattung oder Meinungsäußerung einschränken oder verhindern will, greift die Grundwerte unserer Demokratie an.“

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