Ein Ex-Gefangener erzählt und verrät, was er im Knast am meisten vermisst hat

hzAlltag im Knast

Stefan B. hat fünf Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht. Jetzt lebt er in einer Wohnung der Gefangeneninitiative am Phoenix-See und spricht über den Alltag im Knast.

Hörde, Kaiserstraßenviertel

, 24.12.2019, 15:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Stefan B. sitzt in einem Trainingsanzug in seiner Wohnung. Die befindet sich in der Nähe des Phoenix-Sees im Haus der Gefangeneninitiative.

Hier hat der Verein vier Wohnungen, in denen zehn ehemalige Strafgefangene leben. B. ist einer davon.

Seit Februar 2019 ist er ein freier Mann. Fünf Jahre seines Lebens hat er in unterschiedlichen Gefängnissen gesessen, unter anderem in Castrop-Rauxel und an der Lübecker Straße in Dortmund.

Die letzte Haft hat 34 Monate gedauert

B. ist mittlerweile 60 Jahre alt und spricht von seiner Zeit im Knast, von guten und schlechten Wärtern, von Handys, die nicht erlaubt sind, die aber fast jeder hat, und von dem, was er am meisten vermisst hat:

„Ich bin 60 Jahre alt und komme aus dem Rheinland. Mit 14 habe ich eine Lehre angefangen und 38 Jahre gearbeitet.

„Es gibt andere, die 23 Stunden am Tag auf der Zelle sitzen. Was sollen die machen?“
Stefan B.

2004 habe ich zum ersten Mal gesessen, damals für zwei Jahre. Zuletzt habe ich 34 Monate im Gefängnis verbracht, von Juni 2016 bis Februar 2019 war ich in Stuttgart, Dortmund und im freien Vollzug in Castrop-Rauxel. Beide Male wegen Betruges. Ich habe mich selbst gestellt. Ich war glücksspielsüchtig, bin seit dreieinhalb Jahren aber spielfrei.

Ich hatte beim ersten Mal einen Millionär um 5700 Euro erleichtert, das tat ihm nicht weh. Das Geld habe ich ihm während der ersten Haft zurückgezahlt. Ich war in zwei JVAs in Nordrhein-Westfalen.

Dann kam meine zweite Haft.

In Stuttgart habe ich auf der Krankenstation gearbeitet, ich hatte nie ein Problem mit Alkohol, habe keine Drogen genommen. Auf der Station gab es 30 Betten und drei Hausarbeiter. Die Beamten dort waren super, 12 bis 14 Stunden am Tag konnte ich mich frei bewegen.

„Ich bin immer satt auf die Hütte gegangen“

Im Februar 2017 bin ich an die Lübecker Straße gekommen. Nach einem Monat habe ich hier eine Arbeit in der Küche angefangen. Ich bin von Haus aus Gastronom. Für 600 Leute zu kochen, war aber ein Knochenjob.

Wer in der Küche arbeitet, ist in der Hierarchie ziemlich weit oben. Außerdem kommt einem beim Arbeiten die Zeit nicht so lang vor. Es gibt andere, die 23 Stunden am Tag auf der Zelle sitzen. Was sollen die machen?

Jetzt lesen

Ich war aber jeden Tag im Arsch. Um halb 10 abends ist Nachtverschluss, ein paarmal habe ich den nicht mitbekommen, weil ich schon gepennt habe. Ich bin aber immer satt auf die Hütte gegangen und konnte jeden Abend duschen, nicht nur zweimal in der Woche. Wer im Knast seinen Job macht, hat es besser.

Zu Weihnachten brachten die Beamten auch mal was zu essen mit

In Dortmund gab es super Beamte, wir hatten ein gesundes Verhältnis zu ihnen. Wir durften uns in der Küche ein Kotelett braten, sonntags auch mal einen Kuchen machen. Die haben für uns auch mal bei Ebay nach einem neuen Trainingsanzug geguckt oder uns zu Weihnachten Essen von draußen mitgebracht.

Ein Ex-Gefangener erzählt und verrät, was er im Knast am meisten vermisst hat

Gitter vor den Fenstern und keine Türklinken. Viele Häftlinge verbringen 23 Stunden am Tag auf ihrer Hütte. (Symbolbild) © picture alliance/dpa

Die Hütten sind aber oft durchsucht worden. In der Küche ist es so: Wenn ein Messer aus der Halterung genommen wird, kommt ein Fähnchen dran, damit man weiß, dass eines fehlt. Wenn ein Messer weggkommt, kommt keiner von den Gefangenen weg. Selbst wenn die Suche nach dem Messer drei Tage dauern sollte.

Bei Besuchen sind andere auch immer wieder an Drogen gekommen. In Einzelzellen wurde auch der After untersucht. Wenn was gefunden wurde, wurde alles in der Umgebung durchsucht und deine Hütte auf links gedreht. Die Hütten sind oft durchsucht worden.

Wenn man einkaufen will, muss man die Tage ankündigen

Von Februar 2018 bis Februar 2019 war ich in Castrop im offenen Vollzug, wo ich mich morgens und abends um 20 Uhr melden musste. Ein halbes Jahr lang war ich bei einer Zeitarbeitsfirma in einem sogenannten Freien Beschäftigungsverhältnis.

Für die 6,5 Quadratmeter große Zelle habe ich als FBler 210 Euro im Monat gezahlt. 500 Euro hatte ich übrig, aber davon musste ich mir Essen kaufen und mich versichern.

Ein Ex-Gefangener erzählt und verrät, was er im Knast am meisten vermisst hat

Stefan B. hat fünf Jahre seines Lebens im Knast verbracht. © Michael Nickel

Im Knast gibt es auch ein Überbrückungsgeld, wenn man ledig ist. Wenn man zum Beispiel 450 Euro verdient, bekommt man zwei Drittel ausgezahlt. Der Rest fließt ins Überbrückungsgeld, damit man den ersten Monat draußen ohne staatliche Unterstützung überbrücken kann.

Am Wochenende gab es Lockerung, da hatte ich zwischen 5 und 10 Stunden Ausgang. Bis zum Sonntag musste man immer ankündigen, an welchen zwei Tagen in der Woche man einkaufen geht. Wenn man den Termin verpasst hat, hatte man Pech.

Als FBler hatte ich ein Handy, musste es aber immer an der Pforte einschließen. Handys sind auf der Zelle nicht erlaubt, 95 Prozent hatten aber eines. Ein Beamter hat mich mal damit erwischt, zur Strafe durfte ich zwei Wochen nicht raus.

Heute habe ich einen Schlüssel und kann raus, wann ich will.

„Mit 60 Jahren willst du eigentlich am Strand liegen“

Auch wenn viele Beamte nett sind: Willkür gibt es überall. Wenn die sagen, dass 1+1 gleich 3 ist und ich 2 sage, dann gibt es ein Disziplinarverfahren. Für die Resozialisierung ist das ganz schlimm.

Im Knast ist es nicht schön, auch nicht im offenen. Das ist kein Ferienpark. Es ist vor allem schrecklich, weil man mit so vielen Leuten zu tun hat, mit denen man nichts zu tun haben will. Auch nicht mit einigen Beamten, denen man ausgesetzt ist.

Jetzt lesen

Wenn es einem schlecht gegangen ist und man in der Zelle auf die Ampel (Lichtschalter, Anm. d. Red.) gedrückt hat, dann dauerte es auch schon mal eine Stunde, bis einer kam.

Eine Türklinke war das, was ich in der ganzen Zeit am meisten vermisst habe. Ich will niemals wieder in den Knast zurück. Mit 60 Jahren willst du eigentlich am Strand liegen.

„Der Knast nimmt jeden Tag ein Stück deines Lebens“

Früher habe ich als Betriebsleiter bis zu 5000 Euro netto im Monat verdient. Heute habe ich 424 Euro. Demnächst fahre ich zum Eishockey, dafür habe ich drei Monate gespart. Der Flixbus kostet 15 Euro und ein paar Kölsch will ich beim Spiel auch trinken.

Seit einem Unfall 1987 habe ich ein künstliches Hüftgelenk, seit Dezember 2018 ist meine Hüfte kaputt und ich laufe auf Krücken. Ich kämpfe gerade für eine Erwerbsunfähigkeitsrente und einen Schwerbehindertenausweis.

Als ich im Februar aus dem Knast gekommen bin, war ich zuerst zwei Wochen im Hotel, weil ich in Dortmund niemanden kannte. Jetzt bin ich bei der Gefangeneninitiative. Das ist eine sehr gute Institution für Ex-Gefangene, die keinen familiären Anschluss haben. Natürlich will ich in Zukunft etwas Eigenes haben, ich kann jetzt aber in Ruhe suchen.

Der Knast nimmt dir die Jugend. Und Älteren nimmt er jeden Tag ein Stück vom Rest des Lebens. Er ist eine Katastrophe. Du liegst auf einer Holzpritsche und hast dein Klo mitten im Zimmer. Am 9. Februar bin ich aber als freier Mensch rausgekommen.“

* Stefan B. heißt eigentlich anders. Wir haben seinen Namen geändert. Protokoll: Michael Nickel

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt