Ein Dortmunder Quarantäne-Tagebuch - Tag 2: „Wie kommen wir an Brot?“

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Corona - das bedeutet für viele Dortmunder auch: Quarantäne. Es genügt der bloße Kontakt zu einem Erkrankten. Wie das ist, berichtet unsere Autorin täglich in diesem Tagebuch. Tag 2: Brot-Not.

von Felicitas Bachmann

Dortmund

, 25.03.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Wir sind in Quarantäne, bitte legen Sie es vor die Tür“, weise ich den Amazonboten von diesseits der Haustür an. „Alles klar“, kommt es unerschrocken zurück. Die Jungs brauchen ja eh nie eine Unterschrift. Aber ein bisschen aussätzig komme ich mir schon vor.

Einen lange ausgemachten Arzttermin muss ich noch absagen. „Oh mein Gott, Sie haben es“, kommt auch hier die prompte Reaktion, als ich sage, dass wir in Quarantäne sind. Also erkläre ich mal wieder, dass es uns gut geht und es eine reine Vorsichtsmaßnahme ist. „Ach so“, macht es am anderen Ende der Leitung ‚Klick‘, und dann wird die Sprechstundenhilfe gleich euphorisch: „Sie Glückliche, das ist ja wie ein Sechser im Lotto!“

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Einen unvorsichtigen Eintrag auf Facebook später melden sich besorgte Freunde aus Süddeutschland, der Schweiz und - ein paar Stunden später nach dem dortigen Morgengrauen - sogar aus den USA. Auch irgendwie ein schönes Gefühl, dass in der momentanen Abschottung aller Länder die Freundschaft und das Mitgefühl immer noch funktionieren. Übrigens scheinen die USA durchaus weiter zu sein, als uns die Trump-Karikaturen hierzulande zeigen. In Iowa sind jedenfalls schon seit über eine Woche die Unis geschlossen, die Graduationfeiern für Mai abgesagt und wer kann, arbeitet im Homeoffice.

Corona-Schuldenliste

Beim geplanten Mittagessen fehlt eine Dose Mais, die eigentlich ins Rezept gehört. Na gut, geht auch ohne. Aber die Zwiebeln sind auch fast alle. Mist!

Glücklicherweise kommt einmal wöchentlich - und zwar genau heute - ein Hofwagen laut klingelnd vorbei, der Gemüse, Eier, Obst anbietet. Meine Nachbarin von gegenüber kauft ebenfalls dort ein, hält ein langes Schwätzchen und wird dann doch auf mein Winken und Rufen aus dem Fenster aufmerksam. Ich erkläre unsere Situation und frage, ob sie etwas für mich kaufen könnte. Gesagt, getan, und kurze Zeit später platziert sie Möhren, Äpfel, die notwendigen Zwiebeln und eine Schlangengurke auf unsere Gartenmauer. Ich notiere mir 8,50 Euro Corona-Schulden unter „Inge“ und warte brav, bis sie wieder auf sicherem Abstand ist, dann wird die „Beute“ reingeholt.

Mutter im Seniorenheim

Ok, morgen brauchen wir neues Brot. Meine Mutter hätte so schön den Gang zum Bäcker bei ihrem Rollator-Spaziergang übernehmen können, aber sie darf ja auch nicht mehr raus aus ihrem Seniorenheim. Also doch mein Patenkind von gegenüber anfragen. Hoffentlich ist die nicht ab morgen auch in Quarantäne, denn ihr Bruder klagt über Fieber und Husten und sein Test läuft …

Dennoch: Auch das Fazit des zweiten Tages lässt sich sehen, jetzt ist die Garage auch vorne schön, der Sperrmüll zusammengestellt und alles an Altmetall (von welchem Auto waren die Felgen noch mal?) steht am Straßenrand. Vorsichtshalber haben wir uns sogar extra Handschuhe angezogen. Auch wenn wir selbst ja gar nichts haben, will man ja niemanden gefährden.

Die Quarantäne, über die in diesem Beitrag gesprochen wird, hat am 19.3. begonnen. Die Veröffentlichung des Tagebuches haben wir einige Tage später gestartet.

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