Ein Schnupfen könnte ihn das Leben kosten: Wie Deniz aus Dortmund gegen den Blutkrebs kämpft

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Mit 17 wurde bei Deniz Yelkuvan (23) Leukämie diagnostiziert. Mit 18 war der Blutkrebs vorerst besiegt. Anfang des Jahres kam der zurück, er musste wieder kämpfen. Das ist seine Geschichte.

Dortmund

, 27.10.2019, 07:30 Uhr / Lesedauer: 6 min

Mundschutz, Schuhüberzieher und Desinfektionsmittel. Besucht man Deniz Yelkuvan zuhause in Hörde mit einer verschnupften Nase, sind diese Vorsichtsmaßnahmen obligatorisch. Der 23-jährige hat nämlich ein Immunsystem „empfindlicher als das eines neugeborenen Babys“, wie er es selbst umschreibt.

Der Grund dafür: Er befindet sich auf der letzten Etappe, seinen Blutkrebs (medizinisch auch Leukämie) endgültig zu besiegen. Dafür bekam Deniz eine Stammzellenspende. Sein Körper ist noch sehr geschwächt, ein Schnupfen könnte ihn deshalb das Leben kosten.

Kopfschmerzen so stark, „dass keine Ibu hilft!“

Bis zum 28. Mai 2015 war Leukämie für Deniz nur irgendein medizinisches Fremdwort. „Den Tag werde ich trotzdem niemals vergessen“, erzählt er. Deniz plagen den ganzen Tag starke Kopfschmerzen und er hat Schüttelfrost. „So stark, dass kein Ibu hilft“, sagt er, der damals 17 Jahre alt war. „Da gehste in die Notaufnahme!“, wo er auch um 2 Uhr morgens aufschlägt, da „nichts mehr geht“.

Im Krankenhaus bekommt er Schmerzmittel und Schlafmittel, er gibt Blutproben ab. Die weitere Nacht ist schlimm, er schläft vielleicht nur eine Stunde. Als er nach Hause gehen möchte, kommt eine „Kapelle voller Ärzte“ in sein Zimmer. Die teilen ihm mit, dass er nach Essen verlegt wird – Verdacht auf Leukämie, also Blutkrebs.

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Deniz ist fertig. Den Tag vor der Hiobsbotschaft stand er noch auf dem Fußballplatz beim SC Hörde. „Ich habe dann erst mal Papa angerufen“, erzählt Deniz. In der Uni-Klinik Essen geht es dann auch direkt zur Sache, Deniz bekommt die erste Chemotherapie. Am Abend ist die Essener Klinik voll mit Freunden und Familie von Deniz, um ihm zur Seite zu stehen.

Deniz ist ab dem Zeitpunkt durchgehend fast drei Monate im Krankenhaus, er muss sogar seinen 18. Geburtstag dort feiern. Nach der Entlassung aus dem stationären Aufenthalt avanciert er zum Stammbesucher in Essen, denn es geht ein Mal wöchentlich von „Chemo zu Chemo“.

Die Therapie verläuft erfolgreich. Nach knapp 13 Monaten sagen ihm die Ärzte im Jahr 2016, dass er krebsfrei sei. Danach bekommt er jedoch weiter eine Mini-Dosis „Chemo“, um den Therapie-Erfolg zu erhalten. Das sei so Standard, erklärt Deniz. Die ist dann im Jahr 2017 abgeschlossen, in der Zwischenzeit fängt er wieder an, Fußball zu spielen und zur Schule zu gehen.

Die Leukämie ist wieder da

12. April 2019: Deniz studiert mittlerweile BWL an der Fachhochschule Dortmund und geht einem „ganz normalen“ Leben nach. Nur muss er regelmäßig zur Blutkontrolle. Ein Relikt aus der Vergangenheit, aber bis zu dem Tag nur noch lästige Routine in Deniz‘ Leben. Doch der 12. April war „was ganz anderes“: Der Arzt teilt ihm mit, dass ein Blutwert erhöht sei, er wird aus dem Sprechzimmer geschickt und soll im Wartezimmer warten. „Das war die schlimmste Stunde für mich“, berichtet Deniz. Als der Arzt ihn wieder hereinbittet, erkennt er schon am Blick des Arztes, dass etwas nicht stimmt. Die Leukämie ist wieder da. Deniz bricht zusammen, ihn überkommen die Tränen. „Ich kam 20 bis 30 Minuten gar nicht klar“, erzählt er.

Ein Schnupfen könnte ihn das Leben kosten: Wie Deniz aus Dortmund gegen den Blutkrebs kämpft

Deniz‘ ist vom Kampf gegen die Leukämie noch etwas mitgenommen. Sein Körper ist vom Cortison „aufgequollen“, ein Pflaster am Hals verdeckt ein Loch, durch das er im Koma künstlich beatmet wurde. © Robin Albers

Eigentlich wollte er nach dem Kontrolltermin zur FH und später zu einem Tattoo-Termin. Doch nun muss er wieder ins Krankenhaus und wieder, wie bereits vor vier Jahren, seinen Vater anrufen und die schlechten Neuigkeiten mitteilen. Abends ist das Krankenhaus wieder voll mit Freunden und Familienangehörigen.

Deniz weiß zu dem Zeitpunkt bereits, dass „nur“ eine Chemotherapie nicht ausreicht, wenn der Blutkrebs wieder zurückkommt. Ohne eine Stammzellen-Transplantation geht es dieses Mal nicht. „Es gibt keine Alternative“, so Deniz.

Trotzdem muss er sich erneut durch die „Chemo“ quälen, um eine mögliche Transplantation vorzubereiten. Vom 12. April an bekommt er über acht Wochen lang die Höchstdosis, bestimmt „über 20 Chemos“, wie Deniz erzählt. „War keine geile Zeit“, fasst er zusammen.

1564 Menschen geben ihre Probe für Deniz ab

Parallel ist Deniz verstärkt auf seinem Instagram-Profil aktiv und klärt über seinen Blutkrebs auf. „Ich wollte damit dieses Mal einfach offen sein“, erklärt er. Diese Offenheit kommt gut an, seine Follower-Zahl wächst.

Da er aber nun auf eine Spende angewiesen ist, organisieren Freunde und Familie für ihn in der Turnhalle der Hörder Marie-Reinders-Realschule eine Spendenaktion mit der DKMS, der Deutschen Knochenmarkspenderdatei. 1564 Menschen nehmen an einem Sonntag, es war der 26. Mai 2019, daran teil. Das mag auch daran liegen, dass Deniz ein charismatischer junger Mann ist, dessen Geschichte viele Menschen bewegt. Aber auch daran, dass Freunde, Familie und Prominente für ihn und die Spendenaktion warben – zum Beispiel BVB-Fußballspieler Julian Weigl oder Deutsch-Rapper Kool Savas. Deniz kann selbst nicht bei der Spendenaktion dabei sein, er ist zu schwach. Aber die Aktion hat ihm viel Kraft gegeben, erzählt er.

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Inzwischen bessern sich Deniz‘ Werte, der Krebs geht in Remission – „ein gutes Zeichen“. Er kann wieder nach Hause, wo er eine sogenannte Antikörpertherapie bekommt, um die „Restzellen auf Null zu setzen“, wie er es umschreibt. Die Therapie, das ist ein Beutel mit einer transparenten Flüssigkeit, den er wöchentlich im Krankenhaus auswechseln lassen muss. Sie schlägt an, er hat vorerst keine Krebszellen mehr im Blut. Er ist jetzt bereit für die Transplantation.

Es läuft gut für Deniz. Denn auch ein passender Spender wurde mittlerweile gefunden. Details zu diesem kann Deniz aber noch nicht preisgeben, er verspricht aber, dass die „krass“ sein werden. Dazu dann aber an anderer Stelle mehr. Am 12. August geht Deniz dann für die Transplantation wieder in die Essener Klinik. Die Stammzellen-Spende bekommt er dann am 22. August verabreicht. „Von 18.23 bis 19.09 Uhr war das“ – Deniz weiß das so genau, da er die Zeit gestoppt hat. Ein Detail, welches er in einem zukünftigen Tattoo über seinen Kampf gegen die Leukämie einbauen möchte, das irgendwann mal seinen kompletten linken Arm zieren soll.

Blut und Wasser in der Lunge

Eigentlich sollte der Krankenhaus-Aufenthalt rund um die Transplantation etwa fünf Wochen dauern. In der Zeit war Deniz „komplett isoliert“, er bekommt neben anderen Medikamenten Cortison, da sein Immunsystem stark anfällig ist. Zwei Wochen nach der Stammzellen-Spende bekommt Deniz jedoch plötzlich Atemnot. Der Grund dafür ist überschüssiges Wasser in seinem Körper. Zu viel. Blut und Wasser sammeln sich in seiner Lunge, die sich dann entzündet. Deniz dazu: „Da machste nix!“ Die Ärzte teilen ihm mit, dass er ins künstliche Koma versetzt werden muss. Davon bekommt er nicht viel mit, er ist „voll weg“, da er wegen der Schmerzen bereits Morphium bekommt. Elf Tage dauert dann das Koma an.

Von der Zeit im Koma bekommt Deniz nicht viel mit. An die elf Tage kann er sich trotzdem noch gut erinnen, er erlebt sie als einen dauerhaften Albtraum. Der war so „krass und real“ für ihn, dass er darüber nicht im Detail sprechen möchte.

Im Koma hat Deniz zwischenzeitlich nur eine 20-prozentige Überlebenschance, sein Zustand verschlimmert sich immer weiter.

Irgendwann wendet sich aber doch noch das Blatt. Deniz‘ Zellen „tanzen Wiener Walzer“, um seinen Vater Orhan Yelkuvan zu zitieren, der unseren Autoren in dieser Zeit regelmäßig auf Stand hält.

Als Deniz aufwacht, ist er erst mal natürlich benommen. Am Tag danach ist er aber für einen kurzen Moment so klar, dass er sich sein Handy schnappen kann und in „irgendeinen“ Whatsapp-Chat schreibt, dass er wach ist. Die Nachricht ging an seinen besten Freund, der dann bei Freunden und Familie die frohe Botschaft verbreitete. Erleichterung macht sich breit.

Deniz ärgert sich übrigens besonders darüber, dass er im Koma die Spiele des BVB gegen Barcelona und Leverkusen verpasst hat: „Die wollte ich unbedingt sehen!“

Nach dem Koma kann Deniz zunächst nicht Laufen, die Muskulatur in seinen Beinen hat sich zurückgebildet. Reden kann er auch nicht, da er künstlich beatmet werden musste. Das 20-Cent-Stück-große Loch in seinem Hals, in dem die Kanüle dafür steckte, ist noch heute da. Irgendwann wächst das aber zu, versichert Deniz. Bis dahin ziert ein Pflaster Deniz‘ Hals, aus dem beim Sprechen ab und zu Luft strömt. Deniz bekommt im Krankenhaus Physiotherapie, die zahlreichen Medikamente, die er bekommt, werden runterdosiert. Ende September ist Deniz dann wieder so gesund und stabil, dass er nach Hause kann.

Eine Grippe könnte tödlich sein

Zuhause bekommt Deniz weiter „Physio und drei Mal täglich Medis“ und muss regelmäßig zu Kontrollterminen nach Essen. Und er muss vorsichtig sein. Denn eine einfache Infektion wie zum Beispiel eine Grippe könnte ihn das Leben kosten. Nur wenn er achtsam ist, ist die Behandlung auch dauerhaft erfolgreich. Deshalb müssen sich auch alle in der Wohnung der Yelkuvans die Hände desinfizieren. Und wenn Deniz das Haus verlässt, ist er auf Mundschutz angewiesen. Zumindest tagsüber: „Abends, wenn nicht so viel los ist, geht es auch ohne.“ Deniz geht jeden zweiten Tag spazieren, um sich weiter zu stärken. Danach hat er Muskelkater. Ein gutes Zeichen.

Die meiste Kraft in der Zeit seit der ersten Diagnose konnte er durch seine Familie und seine Freunde schöpfen. Selten war er allein im Krankenhaus, seine Freunde waren fast jeden Tag da. „Es gab auch lustige Momente“, so der mittlerweile 23-Jährige. Einmal waren „20 Mann“ nachts bei ihm auf der Station, da gab es auch mal Ärger. Nicht so schlimm, denn Deniz kennt durch seine vielen Aufenthalte die ganze Station.

Da es zwischenzeitlich kritisch war, musste Deniz sich aber auch mit dem Thema Tod auseinander setzen. Besonders in diesem Jahr. Fragen wie „Warum ich?“ oder „Was ist, wenn ich keinen Spender finde?“ gingen ihm dann durch den Kopf. In solchen Situationen wollte Deniz alleine sein und hat auch schon mal Besuchern abgesagt: „Dann flennste auch mal eine Nacht oder auch eine zweite Nacht.“

Ein Schnupfen könnte ihn das Leben kosten: Wie Deniz aus Dortmund gegen den Blutkrebs kämpft

Drei Mal täglich muss Deniz diverse Medikamente zu sich nehmen. Das ist wichtig – sonst könnte der Blutkrebs zurückkommen. © Robin Albers

Aufgeben war für Deniz jedoch nie eine Option: „Hängen lassen bringt nichts, ich will ja leben!“ Er hat noch viel vor. Aber bis dahin muss er sich noch weiter stabilisieren. „Die nächsten sechs Monate sind entscheidend“, sagt er. In einem Jahr kann er voraussichtlich wieder einem normalen Alltag nachgehen. In drei Jahren wäre er dann komplett geheilt.

Einfache Dinge, wie ins Kino gehen oder „mit seinen Jungs feiern gehen“, sind gerade aber noch nicht drin. Dafür ist das Infektionsrisiko noch zu hoch. Langfristig will er irgendwann wieder weiter sein BWL-Studium fortsetzen und wieder auf dem Fußballplatz beim Hörder SC stehen. Und irgendwann, wenn sein Immunsystem es zulässt, das große Arm-Tattoo.

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Seine Geschichte teilt er weiter mit seinen Followern auf Instagram. Nach dem zweiten Sieg gegen die Leukämie soll das noch weitergehen. „Ich möchte Ansprechpartner und auch Vorbild für Leute sein, die Leukämie haben“, erzählt er. Regelmäßig schreiben ihn Leute an, denen es ähnlich geht wie ihm. Er ist mittlerweile eine Art „Leukämie-Influencer“ geworden.

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