Gerda Horitzky (78) pflegt eine Oase inmitten der Nordstadt

hzSerie „Querbeet“

Gerda Horitzky lebt seit 78 Jahren in der Fritz-Reuter-Straße. Sie liebt ihren Hinterhof-Garten, mit dem sie viele Erinnerungen verbindet - und wo sie alljährlich prominente Gäste empfängt.

Nordstadt

, 20.09.2020, 08:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Für mich ist das hier eine Oase“, sagt Gerda Horitzky lächelnd. „Manchmal schaue ich aus dem Fenster in meinen Garten und denke: Ist das schön hier.“ Solche Sätze sind nichts Ungewöhnliches für Menschen, die auf dem Land leben oder zumindest ein ansehnliches Grundstück in der Vorstadt ihr Eigen nennen. Aber Gerda Horitzky wohnt nicht im grünen Dortmunder Süden, sondern in der Fritz-Reuter-Straße. Mitten in der Nordstadt.

Ein kleiner Teich und jede Menge Erinnerungen

Ihr Garten besitzt weder die Ausmaße eines Parks noch die Vielfalt eines Ökogartens. Stattdessen knapp 100 gepflegte Quadratmeter, ein Pavillon zum Verweilen, ein kleines Stück Rasen, ein Mini-Teich mit ein paar Goldfischen und jede Menge Erinnerungen.

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Und doch ist solch ein Stück Natur inzwischen etwas Besonderes im Quartier. Denn es gebe nicht mehr viele Anwohner in der Nachbarschaft, die der kleinen Parzelle hinterm Haus Beachtung schenken, sagt die engagierte Frau aus der Nordstadt, die vor 78 Jahren im Haus direkt nebenan das Licht der Welt erblickte. „Die meisten Gärten sind verkommen; es kümmert sich niemand mehr um sie. Das war früher anders.“

Ein Behelfsheim im Garten und Schweine im Keller

Die Grundstücke hinter den Gebäuden waren damals vielfach geradezu lebensnotwendig - und das nicht nur, weil auf ihnen Gemüse angepflanzt wurde. „Mein Opa hat dort ein Behelfsheim für unsere Familie gebaut, weil unser Haus im Krieg zerbombt wurde“, erinnert sich Horitzky, „und im Keller des kaputten Hauses wurden Schweine gehalten.“

In ihrem hölzernen Gartenpavillon lässt die 78-Jährige keine Zweifel daran, wo ihre Heimat ist: die Nordstadt.

In ihrem hölzernen Gartenpavillon lässt die 78-Jährige keine Zweifel daran, wo ihre Heimat ist: die Nordstadt. © Michael Schuh

Wenig später zog die kleine Gerda, die als erwachsene Frau lange Jahre für die CDU in der Bezirksvertretung und im Rat saß, mit ihren Eltern ein Haus weiter, wo sie heute noch lebt. Und natürlich hat ihr dortiger Garten nicht mehr den existenziellen Wert, den solch ein Stückchen Land in den Kriegs- und Nachkriegsjahren besaß. Vielmehr dient er heute der Entspannung und der Zerstreuung - eine Oase der Ruhe inmitten der Großstadt.

„So schön wie heute war mein
Garten noch nie“

Etwa eine Stunde verbringe sie im Sommer täglich mit der Pflege des grünen Areals, erzählt die eingefleischte Dortmunderin: „Beim Rasen mähen und beim Unkraut zupfen hilft mir ein junger Mann aus der Nachbarschaft.“

Doch auch für Gerda Horitzky bleibt ausreichend Arbeit übrig: Sie schneidet die Rosen, kümmert sich um Begonien, Hortensien und Geranien, sammelt das Laub ein oder gießt die Pflanzen, was aufgrund der heißen Sommer seit einigen Jahren zu den wichtigsten Aufgaben eines Hobbygärtners gehört. Und dieses Engagement ist von Erfolg gekrönt: „So schön wie heute war mein Garten noch nie.“

Die Schneewittchen-Figur gehört bereits seit den 1960er-Jahren zum Inventar des Nordstadtgartens.

Die Schneewittchen-Figur gehört bereits seit den 1960er-Jahren zum Inventar des Nordstadtgartens. © Michael Schuh

Anschließend nimmt sie - je nach Wetterlage - an einem Tisch unter freiem Himmel oder in dem Holzpavillon Platz, den ihr Vater noch selbst baute: „Das muss so 1975 gewesen sein.“ Noch länger als der Pavillon gehören aber mehrere Gipsfiguren zum Inventar des Gartens: Rotkäppchen, Schneewittchen, eine Hexe sowie ein lachender Gartenzwerg. Und auch diese märchenhaften Gestalten besitzen, wie könnte es anders sein, ihre ganz eigene Geschichte.

„Die Nordstadt ist meine Heimat. Ich wohne gerne hier.“

„Unserer Familie gehört schon lange ein Haus im Sauerland“, erzählt die Mutter von zwei Söhnen. „Auf einem Teil unseres dortigen Grundstücks betrieb früher ein Mann eine Märchenwiese; als er in den 1960er-Jahren damit aufhörte, haben wir einige Figuren mitgenommen, damit sie nicht weggeworfen wurden.“ Sie fanden an der Fritz-Reuter-Straße ein Zuhause, was für Gerda Horitzky ohnehin seit jeher gilt: „Die Nordstadt ist meine Heimat. Ich wohne noch immer gerne hier.“

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Was sicherlich auch an den zahllosen Erinnerungen liegt, die sie mit ihrem Quartier verbindet. So hat die 78-Jährige nie vergessen, wie die Mutter ihr als Kind von einem jüdischen Nachbarsjungen erzählte, den Gerda Horitzky nie selbst kennenlernte. Es war die traurige Geschichte von „Siggi im Schlafanzug“, der eines Nachts von den Nazis mit einem Lkw abgeholt wurde und nie wieder auftauchte.

Flucht nach Argentinien

Diese Erzählung hat Gerda Horitzky nie vergessen und unlängst tatsächlich in Erfahrung gebracht, dass der Junge und seine Mutter offenbar nicht im KZ ums Leben kamen, sondern nach Buenos Aires fliehen konnten. Über einen Bekannten, der Beziehungen in die argentinische Hauptstadt pflegt, möchte sie nun herausfinden, ob Siggi noch lebt. „Er müsste heute 91 Jahre alt sein; theoretisch wäre das also möglich.“

Ein Blick aus dem Pavillon - ins Grüne.

Ein Blick aus dem Pavillon - ins Grüne. © Michael Schuh

Aber der Garten ist nicht nur ein Ort der Erinnerungen, sondern auch des Austausches. Zweimal jährlich treffen sich dort die Hausbesitzerin und ihre Mieter zu Bier und Gegrilltem; Anfang Januar lädt Gerda Horitzky stets zum „Winterleuchten im Hinterhof“ ein: „Da kommen dann Menschen, die etwas in der Nordstadt bewegen; vom Pastor über den Quartiersmanager bis zum CDU-Mitglied.“ Zum Glühwein werden Bratwürstchen gereicht. Typisch Dortmund.

Sieben Goldfische leben in Gerda Horitzkys Gartenteich; einer von ihnen ist Klopsi.

Sieben Goldfische leben in Gerda Horitzkys Gartenteich; einer von ihnen ist Klopsi. © Michael Schuh

Einige Gäste sind bei all diesen Veranstaltungen stets mit von der Partie: die sieben Goldfische im Gartenteich. „Sie haben alle Namen“, sagt die Frau aus der Nordstadt und zeigt lachend auf das kleine Gewässer. „Der Dicke heißt Klopsi. Und daneben das ist Klara, die Mutter der Kleinen.“

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