Nathalie und Julian Sänger lieben sich. Das sieht jeder, der dieses junge Ehepaar trifft. Doch dass die beiden heiraten konnten, ist nicht selbstverständlich: Vor einem Jahr gaben die Ärzte Nathalie eine einprozentige Überlebens-Chance.

Unna

, 10.10.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der 9. Juni 2019: Ihr Hochzeitsdatum tragen beide auf ihren Armen tätowiert. Nathalie und Julian Sänger sind sicherlich nicht das einzige junge Ehepaar, das sich auf diese Weise an ihren schönsten Tag im Leben erinnern möchte. Doch dass Nathalie und Julian über ein Jahr nach ihrer Hochzeit gemeinsam auf ihre Tattoos schauen und sich an ihren Hochzeitstag erinnern können, das war damals, am 9. Juni 2019, alles andere als klar. Denn Nathalie und Julian heirateten im Krankenhaus, eine Woche, bevor Nathalie ins Hospiz umzog.

„Von dem Moment, als wir hier im Hospiz waren, ging es bergauf.“

Nasen-Rachen-Tumor. Diese Diagnose bekam Nathalie im November 2018, mit 27 Jahren. So schlimm sähe es aber nicht aus, sagten die Ärzte und zunächst verließen sich Nathalie und Julian, die damals gerade drei Jahre zusammen waren, darauf. Doch dann kam alles anders: Der Tumor platzte, Nathalie verlor fast zwei Liter Blut, sieben Chemotherapien, Bestrahlung. Selbst ohne die Details ist es unvorstellbar, was diese beiden jungen Menschen durchstehen mussten.

99 Prozent der Gäste im Hospiz sterben

Wenn Julian Sänger von den vergangenen zwei Jahren in seinem und Nathalies Leben erzählt, dann geschieht dies ruhig, sachlich. Nathalie, die wegen der Krebserkrankung ein Tracheostoma gesetzt bekam, um atmen zu können, kann nicht mehr ohne Hilfe sprechen. Und doch ist es nicht Julian allein, der ihre Geschichte erzählt. Man spürt: Zwar redet nur er, doch genauso, wie er es erzählt, würde sie es auch sagen. Hier verstehen sich zwei blind.

Welthospiztag am 10. Oktober

Virtuelle Hausbesichtigung

  • Normalerweise lädt das Heilig-Geist-Hospiz am Welthospiztag in seine Räume ein – doch in diesen Zeiten ist alles etwas anders. Am Samstag, 10. Oktober, wird es ab 16 Uhr auf der Facebook-Seite des Hospizes eine virtuelle Hausbesichtigung geben. Zwei Mitarbeiterinnen werden über ihren Alltag berichten und Fragen beantworten.
  • Stadtheimatpfleger Wolfgang Patzkowsky bietet zum Anlass des Welthospiztages um 11 Uhr eine einstündige Führung an, die das Viertel rund um das Heilig-Geist-Hospiz lebendig werden lässt. Treffpunkt für alle Interessierten ist am Samstag um 11 Uhr am Parkplatz hinter dem Hospiz (Zugang vom Nordring aus / gegenüber dem Platz der Kulturen).
  • Die Teilnahme ist kostenfrei, eine Anmeldung nicht notwendig, ein Mund-Nasen-Schutz ist mitzubringen. „Und über eine kleine Spende für das Hospiz im Anschluss freuen wir uns sehr“, so die stellvertretende Hospizleiterin Ina Schulz.

Ihre Geschichte erzählen sie an dem Ort, an dem sich für sie alles veränderte: dem Heilig-Geist-Hospiz in Unna. „Von dem Moment, als wir hier im Hospiz waren, ging es bergauf.“ 99 Prozent der Menschen, die ins Hospiz einziehen, sterben dort; die meisten innerhalb kurzer Zeit. „Das ist normal, dafür sind wir ja schließlich der Ort“, sagt Sozialarbeiterin Mareike Sorgatz. Die Angehörigen des Gastes, der im Hospiz verstarb, bedanken sich sonst bei ihnen. Dass ein Gast selbst sich für die schöne Zeit im Hospiz bedankt, wie es Nathalie Sänger getan hat, „das ist für uns alle etwas ganz Neues.“

Ärzte stellten sie vor die Wahl: OP mit einem Prozent
Überlebens-Chance oder Hospiz

Als Nathalie im Juni 2019 ins Heilig-Geist-Hospiz einzieht, haben die Ärzte sie aufgegeben, sie ist austherapiert. „Der Arzt hat sie vor die Wahl gestellt: eine Operation mit einer einprozentigen Überlebens-Chance oder der Umzug ins Hospiz“, erzählt Julian. Für Nathalie, so sagt sie, sei da schon klar gewesen, dass sie sterben würde. Sie entscheidet sich fürs Hospiz. Doch zuvor heiraten die beiden. Im Brautkleid und Anzug, mit Brautstrauß und Hochzeitstorte. Die Traurednerin kommt ins Krankenhaus, Familien und Freunde sind dabei, fast 40 Leute drängen sich in dem kleinen Krankenzimmer, als Nathalie und Julian „Ja“ zueinander sagen.

Am 9. Juni 2019 sagten Nathalie und Julian Sänger im Krankenhaus „Ja“ zueinander. Eine Woche später zogen sie ins Heilig-Geist-Hospiz um.

Am 9. Juni 2019 sagten Nathalie und Julian Sänger im Krankenhaus „Ja“ zueinander. Eine Woche später zogen sie ins Heilig-Geist-Hospiz um. © privat

„Das hatten wir eh vor, wir hatten auch schon ein Datum.“ Eigentlich sollte der 30. August 2019 ihr Hochzeitstag werden. Nun ist es der 9. Juni 2019 geworden, eine Woche bevor Nathalie ins Heilig-Geist-Hospiz einzog. Julian zieht mit seiner Frau ins Hospiz, bekommt ein zusätzliches Bett ins Zimmer gestellt und weicht keine Sekunde von der Seite Nathalies.

„Wir sind hier zur Ruhe gekommen. Hier wurde sich einfach richtig gut um uns gekümmert.“

„Das war schon beim Vorgespräch so“, erinnert sich Sozialarbeiterin Mareike Sorgatz, „wir haben ihn eingeladen, zum Gespräch zu kommen, bevor Nathalie bei uns einzieht, da hat er abgelehnt, weil er bei ihr im Krankenhaus bleiben wollte.“

Eine Frau mit Jahrgang 1991 war für das Hospiz eine neue Situation

Für das Hospiz-Team ist die Situation neu: Eine so junge Frau, Jahrgang 1991, gab es zuvor noch nie als Gast. Viele der jungen Mitarbeiter sind kaum älter als Nathalie, ältere ziehen unweigerlich die Parallele zu ihren eigenen Töchtern und Söhnen. „Da haben wir auch lange drüber geredet: Können wir uns da emotional darauf einlassen und ihr auch gerecht werden?“, schildert Mareike Sorgatz die Gespräche, die stattfanden, bevor Nathalie ins Hospiz zog. Dann steht fest: Nathalie kann einziehen. Und damit änderte sich alles.

„Wir sind hier zur Ruhe gekommen. Hier wurde sich einfach richtig gut um uns gekümmert“, erinnert sich Julian. Keine Chemo mehr und endlich die richtige Medikamenteneinstellung – von Tag zu Tag bessert sich Nathalies Zustand. Ihr Gesicht schwillt ab und sie macht die ersten Gehversuche. Am Rollator geht sie die ersten Schritte auf den Gängen des Hospizes, nachdem sie über einen Monat nur im Bett gelegen hat. „Da hat mich Julian zu animiert.“

„Als ihr beiden euch ein Sofa ausgesucht habt, das ihr in euer Wohnzimmer stellen wollt, da habe ich gemerkt: Die beiden schauen nach vorne.“
Mareike Sorgatz, Sozialarbeiterin im Heilig-Geist-Hospiz

Tag und Nacht ist Julian an Nathalies Seite; die beiden wohnen quasi in dem kleinen Zimmer, das Nathalie im Hospiz bezogen hat. „Für uns war irgendwann klar, dass das hier nicht das Ende ist. Und dass ein junges Ehepaar doch eigentlich nicht auf 20 Quadratmetern in einem Hospiz leben sollte“, erzählt Mareike Sorgatz.

Nach drei Monaten war klar: Nathalie wird hier nicht sterben

Auch Nathalie und Julian wird immer deutlicher: Nathalie wird hier nicht sterben. Doch der Schritt, aus dem Hospiz auszuziehen, fällt schwer. „Wir wussten ja nicht, was zuhause passiert. Hier ist es eine geschützte Umgebung, hier sind Fachleute immer um einen rum. Wenn etwas passiert, wäre sofort Hilfe da gewesen.“ Auch die Hospiz-Mitarbeiter beschäftigen sich mit dem Gedanken: „Was wäre, wenn Nathalie nach Hause geht und dort stirbt? Können wir das verantworten?“

Doch dann ist die Entscheidung einfach plötzlich da. „Als ihr beiden euch ein Sofa ausgesucht habt, das ihr in euer Wohnzimmer stellen wollt, da habe ich gemerkt: Die beiden schauen nach vorne.“ Im September 2019 ziehen Nathalie und Julian aus dem Hospiz aus und in ihre gemeinsame Wohnung nach Dortmund-Wickede.

Eine Woche später fahren sie nach Holland, ans Meer. Weitere Urlaube folgen, an die Nordsee, ins Allgäu. Sie gehen ins Kino, spielen Minigolf oder Darts. Nathalie geht gerne shoppen, „ich bin dann nur der Fahrer“, schmunzelt Julian.

Im August 2020 holten Nathalie und Julian Sänger ihre Hochzeitsfotos nach - mit allem Drum und Dran.

Im August 2020 holten Nathalie und Julian Sänger ihre Hochzeitsfotos nach - mit allem Drum und Dran. © privat

Hochzeitsfotos mit allem Drum und Dran nachgeholt

Sie machen das, was junge Ehepaare eben so tun – und dazu gehört auch Nathalies großer Wunsch: Ein Fotoshooting in ihrer Hochzeitskleidung. Schöne Bilder draußen in der Natur statt der schnellen Schnappschüsse aus dem Krankenhaus – sie entstehen im August 2020 am Schloss Nordkirchen.

„Wir nehmen jetzt einfach alles mit, was geht und freuen uns über jeden guten Tag.“

Die Braut in Weiß, der Bräutigam im Anzug, ein inniger Kuss – es ist ein Hochzeitsbild, wie es Tausende gibt. Doch dieses ist viel mehr als nur ein Bild. Es ist ein Symbol dafür, dass Nathalie und Julian es geschafft haben, vom Krankenhausbett zu diesem Moment, der das pure Glück einfängt. Sie sehen wie ein normales, sehr glückliches Brautpaar aus – und genau das ist das Besondere.

„Wir nehmen jetzt einfach alles mit, was geht und freuen uns über jeden guten Tag.“ Die beiden wissen, dass sie nicht weit nach vorne planen können. Doch sie wissen vor allem eines: Sie haben schon jetzt ein gemeinsames, glückliches Jahr gewonnen, dass ihnen im Juni 2019 keiner zugetraut hätte. Ein Jahr, das im Heilig-Geist-Hospiz seinen Anfang nahm.

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