„Es muss auch unproduktive Zeiten geben“ - So geht Homeoffice richtig

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Der Bundesarbeitsminister will einen Rechtsanspruch auf Homeoffice schaffen. Ein Dortmunder Arbeitsschützer sieht viele Vorteile bei der Arbeit von zu Hause - wenn man es richtig macht.

Dortmund

, 09.10.2020, 16:10 Uhr / Lesedauer: 3 min

Auch Monate nach dem Beginn der Coronavirus-Pandemie arbeiten noch immer viele Menschen im Homeoffice. Das hilft nicht nur Infektionskrankheiten einzudämmen. Mobiles Arbeiten gilt auch, maßgeblich vorangetrieben durch die Technologie-Branche, als Zukunft der Wissensarbeit. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat sogar kürzlich ein Gesetz vorgeschlagen, dass einen Rechtsanspruch auf 24 Tage Homeoffice im Jahr schaffen soll.

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Ein Dortmunder Arbeitsschützer findet viel Positives an der Arbeit von zu Hause, sagt allerdings: „Man muss mobiles Arbeiten so gestalten, dass die Vorteile maximiert und die Nachteile minimiert werden.“

Dr. Nils Backhaus arbeitet in der Fachgruppe „Wandel der Arbeit“ beim Bundesamt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin - normalerweise ganz in der Nähe der Dasa. Er hat im Gespräch erklärt, worauf man beim Homeoffice achten sollte.

Die Vorteile des Homeoffice

Nils Backhaus sieht drei wichtige Vorteile bei der Arbeit von zu Hause. Erstens entfalle das Pendeln. „Dadurch gewinnt man Freizeit, in meinem Fall zum Beispiel über eine Stunde. Für viele Menschen ist das Pendeln auch ein Stressfaktor, der dann wegfällt.“

Zweitens schaffe mobiles Arbeiten eine bessere Vereinbarkeit. Damit sei aber nicht gemeint, dass man neben der Arbeit den Haushalt betreuen könne. Vielmehr falle die Aufteilung der Zeit auf die verschiedenen Tätigkeiten leichter, weil Arbeitszeiten flexibler eingeteilt werden können.

Dr. Nils Backhaus arbeitet im Fachbereich Wandel der Arbeit der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund.

Dr. Nils Backhaus arbeitet im Fachbereich Wandel der Arbeit der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund. © Privat

Drittens - und das entspricht nicht ganz der Intuition - könne die Arbeit im Homeoffice Ablenkungen reduzieren. „Im Büro ist man oft durch Kollegen oder Anrufe abgelenkt. Im Homeoffice fällt das zumindest teilweise weg.“

Diese Vorteile kommen laut Backhaus auch Arbeitgebern zugute: „Viele Menschen sind beim mobilen Arbeiten zufriedener und damit auch produktiver.“

Die Nachteile des Homeoffice

Das Homeoffice kann jedoch auch Probleme mit sich bringen. Zum Beispiel eines, das in den ersten Wochen der Pandemie besonders ausgeprägt war: mangelnde Sozialkontakte. „Auf der Arbeit durchmischen sich soziale Kreise. Außerdem kann eine dauerhafte Arbeit im Homeoffice auch die Sichtbarkeit beim Vorgesetzten verringern. Das kann den Chancen auf eine Beförderung schaden.“

Daher ist es laut Dr. Nils Backhaus, abseits von den Regeln während einer Pandemie, optimal, nur zwei bis drei Tage in der Woche von zu Hause aus zu arbeiten. So könne auch der persönliche Kontakt zu Kollegen besser gehalten werden.

Online-Tagung zum Thema

Der Wandel der Arbeit wird auch Thema einer Online Tagung am 21. und 22. Oktober, an der unter anderem Prof. Dr. Beate Beermann von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin teilnehmen wird. Im Mittelpunkt stehen unterschiedliche Themenbereiche, die in interaktiven Formaten beleuchtet werden und einen Einblick in die Arbeitswelt von morgen bieten. Wer kostenfrei teilnehmen möchte, findet Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung www.beyondwork2020.com/de.

Eine weitere Gefahr sieht Backhaus in der räumlichen Entgrenzung: „Dadurch, dass Lebensbereich und Arbeitsbereich ineinandergreifen, kann auch der Stresslevel steigen. Überstunden fallen dadurch zum Beispiel weniger auf.“ Das gelte insbesondere, wenn die Arbeitszeit nicht nachgehalten wird. „Vertrauensarbeitszeit geht im seltensten Fall zum Vorteil der Beschäftigten.“

Auch setze man sich beim mobilen Arbeiten oft selbst unter Druck. Das könne zum Beispiel daran liegen, dass Vorgesetzte unrealistische Ziele setzen. Manche Menschen machen sich laut Backhaus aber auch selbst Druck, weil sie denken, immer die maximale Leistung bringen zu müssen. „Man vermutet ja schon, dass der andere denkt, dass man nicht produktiv ist.“

Praktische Tipps für den eigenen Alltag

Um diese potenziellen Stressfaktoren bei der Arbeit von zu Hause aus zu minimieren, hat Dr. Nils Backhaus einige praktische Tipps zur Hand. So helfe es zum Beispiel, am Ende eines Arbeitstages kurz Resümee zu ziehen und dann mit der Arbeit für diesen Tag abzuschließen.

Wer Arbeit und Freizeit in der Wohnung nicht räumlich trennen kann, könne sich helfen, indem man den Arbeitsbereich zum Beispiel mit einem Tuch abdeckt. Auch die Kleidung könne zur gedanklichen Trennung von Arbeit und Freizeit beitragen. „Ich ziehe zum Beispiel im Homeoffice das an, was ich auch zum Büro anziehen würde.“

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Auch bei der dienstlichen Erreichbarkeit rät Backhaus zur klaren Trennung. „Man hat auch im Homeoffice ein Recht darauf, nach Feierabend nicht erreichbar zu sein.“ Das helfe auch dabei, Arbeitszeiten einzuhalten. Backhaus rät ohnehin dazu, diese selbst nachzuhalten, wenn dies nicht vom Arbeitgeber aus passiert.

Für Menschen, die unter Stresssymptomen leiden oder die diese vermeiden wollen, können auch Entspannungsübungen helfen. Diese empfiehlt auch Backhaus. Anerkannt und relativ einfach in den Alltag zu integrieren ist zum Beispiel die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson.

Auch im Büro ist man nicht immer produktiv

Um Stress zu vermeiden, der durch den eigenen Anspruch an dauerhafte Produktivität entstehen kann, rät Backhaus, den gedanklichen Vergleich zur Arbeit im Büro zu machen. Auch da gebe es immer kurze Zeiten, in denen man nicht produktiv ist. „Es muss auch im Homeoffice unproduktive Zeiten geben.“

Und noch etwas Wichtiges betont Nils Backhaus: „Es gibt auch Menschen, die nicht von zu Hause aus arbeiten wollen. Aus einem eventuellen Recht auf Homeoffice darf keinesfalls eine Pflicht werden.“

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