Familie lernen

Seit April 2001 arbeitet Silke Debie, gelernte Krankenschwester und Diplom-Sozialpädagogin, in der Dortmunder Familien- und Jugendhilfe, zurzeit im Stadtbezirk Eving. Vorher war die 40-Jährige in gleicher Funktion in einer Kleinstadt eingesetzt. In Ennepetal. RN-Redakteurin Ulrike Böhm-Heffels sprach mit ihr über ihre Erfahrungen.

14.01.2008, 19:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Gibt es Unterschiede zwischen einer Kleinstadt und einer Metropole wie Dortmund?

Debie: Ja, natürlich. Der Mitarbeiterstab in einer Kleinstadt ist übersichtlicher. Hier in Dortmund haben wir eine große Abteilung. Problemfamilien aber gibt es überall. Ich habe durchaus in Ennepetal problematische Zuzüge erlebt wie den einer Mutter mit 13 Kindern, von denen auch noch die beiden Jüngsten in Pflegefamilien untergebracht werden mussten. Andererseits gibt's durchaus auch in Dortmund ländlich strukturierte Ortsteile mit größerer sozialer Kontrolle.

Was sind die dringendsten Probleme in den betroffenen Haushalten?

Debie: Das ist sehr komplex. Häufig sind es Überforderungssituationen. Seien es einfache Dinge der Tagesstruktur, oft aber verbunden mit finanziellen Problemen. Hier müssen wir in erster Linie auch die Unterstützung für die Kinder in diesen Familien abklären.

Jetzt werden Sie bitte mal konkret.

Debie: Ich habe gerade heute noch einen Krisentermin in einer Familie, in der sich die Dinge offenbar verschärfen. Wir waren vor Ort, aber niemand machte uns auf. Es geht um das Wohl von zwei Kleinkindern, die noch keine drei Jahre alt sind. Haushaltsverhältnisse und Versorgung der Kinder machen uns Sorgen. Die Trennungssituation der Mutter vom Kindesvater brachte die Verschlechterung. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit der Mutter eine dauerhafte Verbesserung zu schaffen.

Was hat Sie bis jetzt am meisten erschüttert?

Debie: Das ist schwierig, ein Ereignis auszuwählen. Ich habe im Bezirk auch eine Siedlung mit hohem Ausländeranteil. In einer Familie war der tragische Todesfall eines Kindes im Schulalter zu beklagen. Es starb an einer Lebensmittelvergiftung. Die Großfamilie mit fast einem Dutzend Köpfen reagierte einheitlich mit psychosomatischen Beschwerden. Durch diesen enorm hohen Leidensdruck nahm die Familie schließlich konkrete Hilfe von uns an.

Wie genau helfen Sie?

Debie: Wir haben die vermittelnde Position vor Ort. Der Jugendhilfedienst des Jugendamtes steckt den Hilfebedarf ab. Dann gehen die Fachkräfte mit einer bestimmten Aufgabe in die Familie. Gemeinsam führen wir regelmäßig Hilfeplan-Gespräche.

Woher kommen die Fachkräfte?

Debie: Zu Dreiviertel von freien Trägern. Wir haben aber auch Kräfte aus eigenen Reihen.

Und was sind das für Fachkräfte, über welche Qualifikationen verfügen sie?

Debie: Das sind z. B. Diplom-Sozialarbeiter, -Pädagogen, aber auch Heilpädagogen und Krankenschwestern mit Zusatzausbildung, z. B. in der Kleinkinderhilfe mit ganz praktischer Arbeit vor Ort. Wir kooperieren aber auch mit anderen Einrichtungen, darunter dem Gesundheitsamt und dem Klinikum.

Welche nachhaltigen Erfolge konnten Sie schon verbuchen?

Debie: Ein großer Erfolg ist, wenn Hilfen beendet werden können. Das zeigt, es hat sich stabilisiert in den Familien. Erfolg ist aber auch, wenn Familien sich von sich aus melden, falls es wieder zu Problemen kommt. Das zeigt, sie haben uns schon als Helfer verstanden. Schön für uns ist es außerdem, bei stationären Fällen zu sehen, wenn Jugendliche ihren Schulabschluss gemacht haben und vielleicht sogar einen Ausbildungsplatz bekommen. Es ist schon erstaunlich, welche Eigenmotivation aufgebracht wird von Kindern und Jugendlichen, wenn sie erkennen, die Schule oder die Ausbildung machen sie nur für sich.

Glauben Sie, dass sich die gesellschaftlichen Probleme künftig eher noch verschärfen werden und zu einem weiteren Anwachsen von Problemfamilien führen?

Debie: Ich bin mir da nicht sicher. Wir haben einen hohen Anteil von Familien, die Arbeitslosengeld II beziehen. Gerade vor Weihnachten mussten wir erleben, dass Zahlungen nicht erfolgt waren - aus welchen Gründen auch immer. Und wir fragten uns, wie kommen diese Familien über die Feiertage? Da gucken wir auch in die Kühlschränke. Besonders kritisch wird es, wenn die Versorgung von Kindern gefährdet ist. Dann kann es schon erforderlich sein, dass wir sie in Obhut nehmen müssen. Die Gründe für Zahlungsrückstände erfragen wir bei der ARGE. Die Kooperation zwischen ARGE, Sozial- und Jugendamt soll nochmals optimiert werden.

Wie erfahren Sie selbst Unterstützung bei Ihrer schwierigen Aufgabe?

Debie: Die Möglichkeit der Supervision ist gegeben. Und Dienstgespräche in den Arbeitsgruppen nehmen wir auch für kollegiale Beratung wahr.

Familie lernen

<p>Führen Hilfeplan-Gespräche.</p>

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<p>Der tragische Todesfall in einer vielköpfigen Familie erschütterte auch Silke Debie während ihrer langjährigen Erfahrung als Jugendamts-Mitarbeiterin nachhaltig. RN-Fotos (6) Reminghorst</p>

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