FDP-Mann Michael Kauch: OB-Kandidat ohne Chancen - aber mit Ideen

hzOB-Wahl 2020

Michael Kauch saß zehn Jahre für die FDP im Bundestag, jetzt kandidiert er für die FDP als Oberbürgermeisterkandidat in Dortmund. Über seine Chancen macht er sich keine Illusionen - denkt aber groß.

Dortmund

, 27.06.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 6 min

Der Anzug sitzt gut bei Michael Kauch, das Hemd genauso, insgesamt wirkt er frisch und jung. Erst recht für einen, der bis vor sieben Jahren schon zehn Jahre lang als Abgeordneter im Bundestag saß.

Dass er 1967 geboren ist in Dortmund, was er gerne betont, verraten vielleicht die nicht vorhandenen Haare. Ansonsten aber: Nichts zu meckern, gepflegt und schlank und gut in Schuss. Ja, so kann man sich einen Mann von der FDP vorstellen.

Von tiefen Tälern und Zwischenhochs

Was ja eigentlich ein schlechter Scherz ist, die FDP als Partei ist ja in den letzten Monaten, ach was, Jahren eher so was wie das Siechtum in Parteigestalt geworden. Lindners „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren“ 2017, das Desaster mit der Thüringen-Wahl mit dem 24-Stunden-Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich im Februar 2020 - engagiert in dieser Partei zu sein, da bekommt man eher keinen Beliebtheitspreis.

Aber Kauch ist ja nun lange genug dabei, und bisher folgten, so sieht er es, für die FDP nach langen und tiefen Tälern ja auch immer kurze Zwischenhochs. Wobei natürlich die Frage im Raum stehen müsste, ob das ein Naturgesetz oder eine zufällige Serie ist. Er habe, sagt Kauch auf Nachfrage, natürlich auch eine gewisse Leidensfähigkeit.

Wer steht hinter den Grundideen des Liberalismus?

„Aber jede Krise der FDP hat immer gezeigt, dass es auch ein Aussortieren von Leuten war, ob sie hinter den Grundideen des Liberalismus stehen. Oder ob sie aus Karrieregründen in der FDP waren. Oder weil es gerade schick war.“

Es war mal schick, in der FDP zu sein?

„Schick war es zum Beispiel in der ersten großen Koalition 2005 bis 2009. Auch 2017 gab es einen großen Zulauf.“

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Hinten, hinter dem Wald

Drei Jahre später kandidiert Michael Kauch jetzt also für die FDP als Oberbürgermeisterkandidat in Dortmund, und vielleicht wird es an dieser Stelle des Textes Zeit, auf den jungen Michael Kauch zu schauen, den vor der Zeit im Bundestag.

Er sei „hinter dem Wald groß geworden“, sagt er selber, in Brechten. Arbeiterfamilien-Hintergrund, Grundschule, Helmholtz-Gymnasium. Er marschiert in Windeseile durch seine Biographie und wenn man ihn fragt, wie das so war, welche Eigenschaften er hatte, dann muss der eloquente Kauch kurz nachdenken, was selten in den Gesprächen mit ihm ist. „Ich war immer der, der zusätzlich etwas machen wollte.“

„Gegen die Linken gekämpft“

Die Schule war notentechnisch kein Problem, Klassenbuchführer sei er gewesen, Schülersprecher irgendwann, wobei das nicht uninteressant ist, denn Kauchs Richtung damals verrät auch etwas über die spätere politische Ausrichtung: In seiner Erzählung „tobte“ damals, als Kauch in die Oberstufe kam, in derselben ein Richtungsstreit „massivster Art“ in der Schülervertretung, die bis dahin dominiert war „von Grünen und der SDAJ.“

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Auf der anderen Seite hätten die „Undogmatischen“ gestanden, in ihren Reihen Kauch und dann „haben wir gegen die Linken gekämpft“. Und gewonnen. Was Kauch, so sagt er es, politisiert habe.

Managerqualitäten mit der Pausenmilch

Weiter habe er die Pausenmilch und ihren Verkauf gemanagt. Vanillemilch sei der Renner gewesen, dann kam Tschernobyl, das Pausenmilchgeschäft war Geschichte, denn Milch durfte erst einmal nicht mehr verkauft werden.

Damals, mit 18, hatte Kauch auch kurz mal eine Freundin, aber das sei nichts gewesen, was nicht an dem Mädchen lag, sondern eher an Kauch, der dann final wusste, dass er homosexuell war und seinen nächsten Freund den Eltern vorstellte, als er mit ihm drei Monate zusammen war.

Die Eltern fassten das Coming-Out ihres Ältesten gut auf, was ja Mitte der 1980-er-Jahre auch keine Selbstverständlichkeit war.

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Bewegt in Prag

Man könnte jetzt hier weitermachen mit den Dingen, die dann kamen. Kauchs Engagement bei der größten internationalen Studentenorganisation AISEC, die ihn zufällig nach Prag führte, als dort die Menschen für ihre Freiheit demonstrierten.

Menschen, die sich für ihre Freiheit aufs Spiel setzten, das sei das Bewegendste gewesen, was er je erlebt habe. Kauch kann das charmant erzählen, genau wie die Geschichte eines dreimonatigen Praktikums in Ghana und von den Erlebnissen aus dieser Zeit.

Ein Anruf, der die Parteikarriere ins Rollen brachte

Der, der schon in der Schule immer etwas zusätzlich machen wollte, machte das dann auch im Studium. War im Studierendenparlament, im Praktikum, seit 1989 auch bei den Jungen Liberalen und letztlich war es ein Anruf, der die Laufbahn von Kauch in der Partei ins Rollen brachte: Der Landesvorstand der Jungen Liberalen fragte an, ob er, Kauch, der seine Homosexualität nie versteckte, nicht den Landesarbeitskreis Sexualpolitik leiten wollte.

Kauch sagte zu und war damit zuständig für „Prostituierte, Schwule und HIV“ und veranstaltete innerparteiliche Seminare zur „Drogen- und Sexualpolitik“ in Amsterdam.

„Eher so hineingestolpert“

Die Vorträge müssen recht unterhaltsam gewesen sein, man wollte Kauch öfter hören, und aus einem weiteren Vortrag zum Thema „Eingetragene Lebenspartnerschaften“ ergab sich dann die Anfrage, ob Kauch nicht den Bundesarbeitskreis „Innen und Recht“ der Jungen Liberalen leiten wollte.

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All das geschah innerhalb eines halben Jahres und endete dann im Amt des stellvertretenden Bundesvorstandes der JuLis. Kauch erzählt, er sei bis dahin in diese Parteigeschichte eher so reingestolpert, was natürlich stimmen kann - vielleicht ist da auch etwas Koketterie im Spiel.

Was soll man da auch sagen?

Eine Karriere, Parteikarriere zumal, nachzuerzählen, ist eine undankbare Aufgabe, vielleicht weil außerhalb einer Partei wenige interessiert, was in einer Partei geschieht. Aber die Geschichte, wie Kauch in den Bundestag kam, gehört dann natürlich doch noch hierher, denn sie hatte etwas mit der Zeitgeschichte zu tun und dem Freitod von Jürgen Möllemann, der sich mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug warf, ohne dass der Fallschirm den Fall schirmte.

Der Nachrücker von Möllemann war jener Kauch. Und an dem Tag, als das alles damals geschah, bekam er Interview-Anfragen von Heute Journal und Tagesthemen und es „war das bisher erste und einzige Mal, dass ich beiden abgesagt habe.“ Was soll man da auch sagen?

Kopf und Bauch

Kauch kam in den Umweltausschuss, ein Kopfthema, wie er sagt. War in der Enquetekommission Ethik und Recht in der modernen Medizin, was mehr ein Herzens- oder Bauchthema war, weil es die Menschen direkt berührte.

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Und Kauch war dann damit, wie er selber sagte, zuständig „für das Klima, die Schwulen und das Sterben“. 2013 war Schluss im Bundestag, die FDP war offenbar wieder mal unpopulär. Sie scheiterte an der Fünf-Prozent-Hürde und Kauch bekam zwar zehn Monate lang Übergangsgeld, aber was jetzt?

Wo sollte man so einen unterbringen?

„Schwierig“ sei das damals gewesen. Zu weit weg von daheim wollte er nicht sein, Kauch lebte inzwischen in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft mit seinem Partner zusammen, Vater war er auch geworden.

Am 22. April 2013 gab Kauch per Facebook bekannt, Vater einer Tochter geworden zu sein - ein gemeinsames Kind mit einer ebenfalls homosexuellen Frau. Da war zum Beispiel Abu Dhabi als Arbeitsort keine wirkliche Option. Zu Arbeitsstellen in der freien Wirtschaft, in Energie- oder Industrieunternehmen, gab es lose Gespräche, aber immer wieder ein ähnliches Problem, wie es Kauch schildert: Wo sollte man so einen unterbringen?

Die Bedenken, ob er sich in feste Hierarchien einfügen könnte, hätten ihn überall hin begleitet. Kauch wurde selbstständig, ist es noch heute als Unternehmensberater im Bereich Medizintechnik.

„Ich bin ja nicht naiv“

Und eigentlich hätte die politische Geschichte des Michael Kauch hier enden können, abgesehen davon, dass er seit 1998 Kreisvorsitzender der FDP ist und 2019 erfolglos versuchte, ins Europaparlament einzuziehen. Weil das damals nicht funktionierte, kann er heute kandidieren.

Und natürlich weiß Kauch, dass eher Schalke 04 Deutscher Meister wird als er Oberbürgermeister von Dortmund. Kauch drückt das anders aus, er sagt: „Ich bin ja nicht naiv, die Wahrscheinlichkeit, dass ich OB werde, ist nicht sehr hoch.“

OB wird er nicht, Ratsmitglied wohl schon

Die Zustimmung zu seiner Kandidatur liegt laut einer Forsa-Umfrage von Ruhr Nachrichten und Radio 91.2 bei zwei Prozent, für die FDP-Fraktion im Rat immerhin gibt es vier Prozent Zustimmung. Kauch macht diesen Wahlkampf jetzt aus taktischen Gründen.

Werbung machen für die FDP, sie ins Gespräch bringen, zeigen, dass da etwas ist, um die Ratsfraktion zu stärken und dann selbst auch in den Rat zu ziehen. Er steht auf Listenplatz 2, was übersetzt heißen dürfte: OB wird der Mann nicht, Ratsmitglied aber sehr wahrscheinlich schon.

Pfeifen im Wald

Pfeifen im Wald muss man als FDP-Mann vermutlich können, mit einem Vorsitzenden Lindner und einer Thüringen-Wahl und ihren Folgen im Gepäck – aber Kauch klingt überzeugt, wenn er sagt, dass FDP-Wähler traditionell seltener zu Kommunalwahlen als zu Bundestagswahlen gehen. Was ja auch etwas über FDP-Wähler aussagt.

Die auf jeden Fall, die also nicht bei einer Kommunalwahl wählen gehen, die will er aktivieren, es eben doch zu tun - und so hofft er auf sechs Prozent für die liberale Fraktion.

Spitzen gegen die CDU

Kauch bringt viel mit aus seiner Vergangenheit, er weiß, wie man spricht, auftritt, hat Medienerfahrung und kennt sich mit dem Florett aus, wo andere zum Säbel greifen würden. Auffällig ist, wenn man mit Kauch über die anstehende Wahl spricht, dass er einer ist, der häufiger Spitzen gegen den CDU-Mitbewerber Hollstein platziert, das hat Kauch auch schon bei einer Podiumsdiskussion getan.

Über SPD-Mitbewerber Westphal äußert er sich in der Hinsicht lediglich einmal, und über die Grünen-Kandidatin Schneckenburger überhaupt nicht. Womit klar wird, wo Kauch noch Potenzial sieht, um an Stimmen zu kommen.

Warum die FDP eigentlich nicht mit der CDU gemeinsam antritt, wäre vielleicht eine Frage in den 1980-er- oder in den 1990-er-Jahren gewesen. In Vorbereitung auf den Wahlkampf 2020 habe, so signalisiert es Kauch, die CDU lieber mit den Grünen gesprochen als mit der FDP.

„Ich bin kein Klischeeliberaler“

Kauch sagt von sich selbst, er sei kein Klischeeliberaler, er könne neben Wirtschaft auch Ökologie und Soziales, was Dortmund bestimmt alles gebrauchen kann. Welche Stadt, im Ruhrgebiet zumal, könnte das nicht? Womit wir bei den Ideen der FDP wären, die sie für die OB-Wahl im Gepäck hat.

Alles werde, sagt Kauch, überlagert von Corona und den Folgen und damit von der Frage, wie die Stadt aus der Rezession herauskomme. Man dürfe nicht in die Krise hineinsparen, müsse sich fragen, was man an Steuern zurücknehmen könne, um die besonders gebeutelten Branchen zu stützen und zeitgleich mehr ausgeben.

Mehr Ausgaben und weniger Einnahmen, ist das nicht sehr sportlich, Herr Kauch?

„Ja, das ist schon sehr sportlich, aber hier handelt es sich um eine außergewöhnliche Situation.“ Jetzt müsse man mutig sein. Und die Frage sei ja auch nicht so sehr, welche Schulden in den nächsten drei Jahren gemacht würden, sondern wann man wieder in die Konsolidierung komme.

„Der nächste Strukturwandel rollt“

Losgelöst von Corona seien die Problemfelder der Stadt erstens die langfristige wirtschaftliche Entwicklung. Zwar habe man den Strukturwandel einigermaßen hinter sich gebracht, aber im Moment rolle durch Künstliche Intelligenz der nächste Strukturwandel auf die Stadt zu. Einer, der die Mittelschicht-Stellen angreift. Das müsse politisch moderiert werden.

Zweitens müsse etwas gegen die in Dortmund überproportional verfestigten Hartz-IV-Biographien getan werden. Drittens brauche die Stadt mehr nachhaltige Entwicklung.

„Denken wir groß“, sagt Michael Kauch von der FDP. Und als Mitglied dieser Partei muss er den Gedanken ja quasi im Blut haben.

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