Während die Industrie zur Stabilisierung in der Krise beiträgt, geraten in anderen Bereich der Wirtschaft in Dortmund immer mehr Unternehmer in Schieflage. Die Zuversicht für dieses Jahr ist gering. Die Allermeisten, das zeigt die RN-Umfrage, erwarten erst 2022 wieder einen Umsatz auf dem Vor-Krisen-Niveau. © Archiv
Corona-Krise

Firmen fürchten auch 2021 den Corona-Würgegriff – geben nun viele auf?

Bei immer mehr Unternehmern liegen die Nerven blank. 42 Prozent fürchten 2021 weitere, deutliche Umsatzrückgänge. Das zeigt eine RN-Umfrage. Und bei der IHK stehen die Telefone nicht still.

Hatte das vergangene Jahr schon für viele Unternehmen erhebliche Umsatzeinbrüche und monatelange Zwangspausen im Lockdown bedeutet, so sind die Erwartungen für das Jahr 2021 nicht besser.

Im Gegenteil: Angesichts der Impf-Verzögerung und der erwarteten Lockdown-Verlängerung fürchten gut 42 Prozent der Dortmunder Unternehmen weitere, spürbare Umsatzeinbußen.

Das nicht repräsentative Ergebnis unserer Umfrage, die wir Anfang Februar erhoben haben, zeigt: 16,7 Prozent erwarten in diesem Jahr im Vergleich zu 2020 einen Umsatzrückgang um bis zu 50 Prozent, fast 26 Prozent einen Rückgang um bis zu 25 Prozent. Knapp 20 Prozent rechnen mit einem Umsatzminus von noch einmal bis zu 10 Prozent.

In dieser Situationen wächst die Kritik an der Bundesregierung. Der Verband „Die Familienunternehmer“ in Dortmund sieht die Corona-Politik in einer „gefährlichen Glaubwürdigkeitsfalle“ und sagt: „Die Öffnungspolitik wird zur Willkür!“

IHK-Hotline wird zum Sorgentelefon

Die Industrie- und Handelskammern (IHK) des Ruhrgebiets sehen auf ihrem aktuellen Konjunkturbarometer analog zur RN-Umfrage, dass immer mehr Firmen in Schieflage geraten. Fast jedes vierte Unternehmen bangt um seine Existenz. Und die IHKs fürchten, dass jetzt ein Drittel der Händler und Gastronomen die Geduld verliert und frustriert aufgeben könnte.

IHK-Präsident Heinz-Herbert Dustmann (l.) und IHK-Hauptgeschäftsführer Stefan Schreiber sehen wachsenden Frust in der Dortmunder Wirtschaft: „Viele Unternehmen stehen vor der Insolvenz.“
IHK-Präsident Heinz-Herbert Dustmann (l.) und IHK-Hauptgeschäftsführer Stefan Schreiber spüren wachsenden Frust in der Dortmunder Wirtschaft: „Viele Unternehmen stehen vor der Insolvenz.“ © IHK/Isabella Thiel © IHK/Isabella Thiel

In Dortmund stehen die Telefon der IHK nicht mehr still. Die Mitgliedsfirmen fragen seit einigen Tagen nicht mehr nur nach Tipps, wie sie an Corona-Hilfen kommen. „Unsere Corona-Hotline wird immer mehr zum Sorgentelefon. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer sind verzweifelt und wissen nicht, wie es weitergeht“, sagt Stefan Schreiber, Hauptgeschäftsführer der IHK zu Dortmund.

Yves Peters zum Beispiel hat sich im Mai 2020 mit einem lange geplanten, kleinen Geschäft für Vintage-Bekleidung an der Langen Straße 69 im Unionviertel selbstständig gemacht.

„Die Verlängerung des Lockdowns ist hart. Ich falle bei den Staatshilfen durch alle Förderraster. Und die Möglichkeit, Rücklagen zu bilden, hatte ich in der kurzen Zeit auch nicht. Ich muss wohl bald Grundsicherung beantragen“, sagt er. Eine letzte Hoffnung setzt der Existenzgründer noch auf eine mögliche Hilfe der städtischen Dortmunder Wirtschaftsförderung.

Auch Handwerksbetriebe stehen mit dem Rücken zur Wand

„Die erneute Verlängerung der Maßnahmen stellt auch für viele Handwerksbetriebe, die weiter von Schließungen oder dem Ausfall ganzer Geschäftsfelder betroffen sind, eine schwere Belastung dar. Zahlreiche Unternehmer stehen mit dem Rücken zur Wand und benötigen schnellstens Unterstützung“, sagt Berthold Schröder, der Präsident der Handwerkskammer Dortmund.

„Es hängt nun alles davon ab, ob die in Aussicht gestellten Abschlagszahlungen der Überbrückungshilfe III jetzt auch wie geplant fließen, sonst droht der Verlust zahlreicher Existenzen sowie Arbeits- und Ausbildungsplätze“,

Insgesamt ist die Stimmung in der Wirtschaft geteilt. Viele Unternehmen machen nach wie vor gute oder sogar bessere Geschäfte. So sagen 26,7 Prozent der 270 Unternehmen, die an der RN-Umfrage teilgenommen haben, dass ihr Umsatz 2021 unverändert bleiben wird. 7 Prozent erwarten eine Steigerung um bis zu 10 Prozent, 4 Prozent sogar eine darüber liegende Steigerung.

Die Situation gestaltet sich in den einzelnen Branchen sehr unterschiedlich. „Vor allem die Industrie trägt in diesen schwierigen Zeiten zu einer Stabilisierung der gesamten konjunkturellen Lage bei“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Stefan Schreiber.

Jedes fünfte Unternehmen aus diesem Wirtschaftszweig, so zeige es die IHK-Konjunkturumfrage, bewerte seine Geschäftslage zwar als schlecht. Der Großteil der Betriebe (80 Prozent) jedoch spreche von einer befriedigenden oder sogar guten Lage.

Warnung vor Spaltung der Wirtschaft

Während der Online-Präsentation der IHK-Umfrageergebnisse für die Ruhrwirtschaft warnte Lars Baumgürtel, Vizepräsident der IHK Nord Westfalen am Donnerstag (11.2.): „Die Spaltung der Wirtschaft durch Corona verfestigt sich mit jedem weiteren Tag im Lockdown.“

Während es der Industrie, der IT-Branche, dem Online-Handel und dem Bauhauptgewerbe vergleichsweise gut geht in der Krise, kämpfen andere Branchen unverschuldet ums Überleben. Dazu zählen laut Baumgürtel das Gastgewerbe, die Reisewirtschaft, der Veranstaltungsbereich, Fitness- und Kosmetikstudios sowie Kulturschaffende und generell viele Soloselbstständige.

Die Frustration sei hoch, stellt Heinz-Herbert Dustmann, Präsident der IHK zu Dortmund fest: „Es braucht dringend eine realistische Perspektive für unsere Betriebe. Viele Unternehmen stehen vor der Insolvenz. Die Wirtschaft braucht einen klaren Fahrplan, wer unter welchen Bedingungen wann wieder öffnen kann.“

Wie düster die Stimmung bei Vielen ist, zeigt sich bei der RN-Umfrage darin, dass die allermeisten Betriebe nicht glauben, in diesem Jahr wirtschaftlich wieder das Vor-Krisen-Niveau erreichen zu können.

Wir haben gefragt: Wenn Sie durch die Pandemie einen Umsatzrückgang verzeichnet haben, wann glauben Sie wieder auf das Vor-Krisen-Niveau zu kommen? Nur knapp 8 Prozent rechnen schon in diesem Jahr damit. 41,5 Prozent erwarten das 2022, 18,6 Prozent erst 2023 und 8,69 Prozent noch später oder auch nie mehr.

„Das Lebenswerk vieler Unternehmer und ihre Altersvorsorge sind akut und sehr konkret von Vernichtung bedroht“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Stefan Schreiber.

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Redaktion Dortmund
Nach mehreren Stationen in Redaktionen rund um Dortmund bin ich seit dem 1. Juni 2015 in der Stadtredaktion Dortmund tätig. Als gebürtigem Dortmunder liegt mir die Stadt am Herzen. Hier interessieren mich nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur und die Wirtschaft. Seit dem 1. April 2020 arbeite ich in der Stadtredaktion als Wirtschaftsredakteur. In meiner Freizeit treibe ich gern Sport: Laufen, Mountainbike-Fahren, Tischtennis, Badminton. Außerdem bin ich Jazz-Fan, höre aber gerne auch Rockmusik (Springsteen, Clapton, Santana etc.).
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