„Foodsharing“: Diese Dortmunder retten Lebensmittel vor der Mülltonne

hzGegen Lebensmittelverschwendung

In Deutschland landen jedes Jahr Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. In Dortmund gibt es viele Menschen, die das ungeheuerlich finden – und aktiv werden. Wir haben sie begleitet.

Dortmund

, 14.06.2019, 11:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mittwoch, 13.30 Uhr am Hansaplatz, bei strömendem Regen: In wasserfeste Jacken gehüllt und mit großen Rucksäcken, Einkaufstrolleys und Kisten gewappnet treffen sich neun Leute am Rande des Wochenmarktes für ihre Mission – Lebensmittel vor der Mülltonne retten.

Kurz bevor die Stände schließen, sammeln die Mitglieder von „Foodsharing“ das ein, was am nächsten Verkaufstag keiner mehr haben möchte. Anna Hauke ist eine von ihnen. Mit der Initiative engagiert sie sich gegen Lebensmittelverschwendung und „rettet“ Ungewolltes und Überproduziertes.

„Foodsharing“: Diese Dortmunder retten Lebensmittel vor der Mülltonne

Voll bepackt ziehen die "Foodsaver" über den Wochenmarkt. © Christin Mols

„Wir wollen ein Statement setzen. Es ist nicht in Ordnung, wie mit dem Essen umgegangen wird“, sagt die 33-Jährige. „Foodsharing“ entstand 2012 in Berlin. Mittlerweile ist die Bewegung über Deutschland hinausgewachsen und hat Mitglieder in Österreich, der Schweiz und vielen weiteren europäischen Ländern.

Zehn Stände auf dem Wochenmarkt machen mit

Zuerst steuert die Gruppe den Obst- und Gemüsestand von „Die Abokiste“ an. Verkäufer Simon Bahrenberg reicht Anna Hauke eine Kiste mit Brokkoli und Salatköpfen herüber. „Vor drei Jahren sind Leute von ‚Foodsharing‘ auf uns zugekommen und haben gefragt, ob wir Kooperationspartner werden“, berichtet Bahrenberg. Insgesamt machen etwa zehn Stände mit. „Was wir abgeben, könnten wir ohnehin nicht mehr verkaufen, aber das heißt ja nicht, dass man nicht am gleichen Tag noch etwas Leckeres daraus kochen könnte“, so Bahrenberg.

„Foodsharing“: Diese Dortmunder retten Lebensmittel vor der Mülltonne

Auch am Stand von Timo Karbe gibt es unverkäufliches Gemüse für das "Foodsharing"-Team. © Christin Mols

„Zum Wegwerfen wäre auch das Unverkäufliche zu schade“, sagt Timo Karbe aus Castrop-Rauxel, der seinen Stand schräg gegenüber der „Abokiste“ hat, und einem „Foodsharing“-Mitglied gerade Chicorée und Peperoni in einen Beutel wirft. „Zunächst dürfen sich aber unsere eigenen Mitarbeiter bedienen.“

Das „Team Markt“ hat insgesamt 40 Mitglieder, innerhalb der Gruppe wird sich abgewechselt, wer an den Abholtagen – Mittwoch und Samstag – im Einsatz ist.

Der Wochenmarkt in der City ist nur einer von etwa 30 Kooperationspartnern von „Foodsharing“ in Dortmund. Mit dabei sind beispielsweise auch der Kaufland in der Nordstadt oder die Superbiomärkte.

Beim „Foodsharing“ teilen alle und keiner muss zahlen

Marleen Krabbenhöft seit drei Jahren „Foodsharing“-Botschafterin in Dortmund und mit dafür verantwortlich, dass die Initiative weiter wächst. Die Grundidee, die die Lehramtsstudentin beim „Foodsharing“ toll findet: „Alle teilen, keiner muss zahlen.“

Die Dortmunder Ortsgruppe hat 750 Mitglieder, die alle ehrenamtlich und unentgeltlich arbeiten. Sie heißen „Foodsaver“. Das bedeutet, dass sie einen kleinen Ausweis haben und Lebensmittel bei Kooperationspartnern abholen dürfen. Und dann gibt es gibt „Foodsharer“, das sind Mitglieder in der „Foodsharing-Community“, die Lebensmittel verschenken oder bei jemandem abholen. Die Absprachen laufen über die Facebook-Gruppe „Foodsharing Dortmund“, die 4300 Mitglieder hat.

Jeder kann geben und nehmen

Außerdem gibt es im Stadtgebiet 15 sogenannte „Fair-Teiler“. Das ist mal ein Regal, mal ein abgestellter Fahrradanhänger. Sie sind als „Umschlagplatz“ für Lebensmittel zu verstehen. Jeder kann dort Lebensmittel hinbringen und von dort mitnehmen. Jeder „Fair-Teiler“ hat auch einen zuständigen „Foodsaver“, der sich regelmäßig um Ordnung und Sauberkeit kümmert.

„Foodsharing“: Diese Dortmunder retten Lebensmittel vor der Mülltonne

Marleen Krabbenhöft ist Botschafterin bei "Foodsharing". Hier steht sie vor dem „Fair-Teiler“ im „All You Can Miet“-Shop in der Brückstraße. © Christin Mols

Marleen Krabbenhöft erklärt die Regeln für die „Fair-Teiler“: „Lebensmittel, bei denen das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, dürfen rein, aber nicht die, bei denen das Verbrauchsdatum überschritten ist.“ Außerdem haben nur zwei der 15 „Fair-Teiler“ eine Kühlung, weswegen sich nicht alle Produkte zum Verschenken eignen.

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Sie selbst kümmert sich um den „Fair-Teiler“ an der Palmweide und befüllt ihn mit geretteten Lebensmitteln. Als „Foodsaver“ darf sie sich aber zuallererst selbst bedienen und Lebensmittel an Freunde und Nachbarn verschenken. „Meist koche ich noch am selben Tag und friere die Gerichte ein“, berichtet die 24-Jährige, die von sich selbst sagt, dass sie eine gute Köchin sei. Ein bekanntes Gericht unter „Foodsharern“ sei „Reis mit Scheiß“, erklärt sie lachend – ein Pfannenallerlei.

„Foodsharing“ ist nicht nur was für Bedürftige

Marleen Krabbenhöft findet es schade, dass manche Menschen denken, „Foodsharing“ wäre nur etwas für Bedürftige. Natürlich spare sie Geld, weil sie weniger einkaufen müsse, aber im Fokus stünde das gute Gefühl, etwas gegen die Lebensmittelverschwendung zu tun. „Wir sind da natürlich im Promille-Bereich, aber das Erfolgserlebnis bleibt.“

„Foodsharing“: Diese Dortmunder retten Lebensmittel vor der Mülltonne

Am Ende des "Beutezuges" von "Foodsharing" auf dem Wochenmarkt in der City. © Christin Mols

Auf dem Wochenmarkt am Hansaplatz kommt die Sammelaktion derweil zu ihrem Ende. Durch ein Dach vor Regen geschützt stapeln sich vor der LBS-Filiale an der Hansastraße kistenweise Brombeeren und Spinat, blaue Ikea-Tüten voller Brot und Backwaren sowie ein großes ausgebreitetes Tuch mit Salaten, Rüben, Radieschen und Kartoffeln.

„Heute hat es sich richtig gelohnt“, sagt Anna Hauke. Die „Beute“ wird unter den Anwesenden aufgeteilt. „Ich versorge noch zwei Freunde und lege was bei uns ins Treppenhaus für die Nachbarn“. Nicht zuletzt isst sie aber auch selbst gerne „Grünes“ – und freut sich über einen vollen Kühlschrank daheim.

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Das alles wäre ohne "Foodsharing" im Müll gelandet. © Christin Mols

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