Im FZW ließen sich rund 50 Angehörige der Veranstaltungsbranche auf der Bühne ablichten. Dahinter steckte eine Internet-Initiative. Die Aktion zeigt auch bemerkenswerte persönliche Geschichten.

von Daniel Reiners

Dortmund

, 13.10.2020, 19:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es herrscht Alarmstufe rot. So beschreibt Konzertveranstalterin Viktoria Rosenmüller die aktuelle Situation der Kulturlandschaft in Dortmund. Bei vielen Angestellten der Kultur- und Veranstaltungsbranche sei es sogar schon zu spät.

Um auf die verheerende berufliche Situation von Veranstaltungstechnikern und Menschen in vergleichbaren Berufen aufmerksam zu machen, hatte sich bereits vor einigen Monaten die deutschlandweite Initiative „ohne uns wird’s still“ gegründet, die auf Social Media Kanälen seither versucht, das verheerende Ausmaß aufzuzeigen, mit dem die Pandemie die Branche getroffen hat.

Gesichter der Betroffenen fehlten

Bisher fehlte der Initiative aber ein Gesicht. Genau genommen fehlten die vielen Gesichter der Personen, die eine große Veranstaltung erst möglich machen.

Angestellte in der Veranstaltungsbranche die teilweise seit Monaten nicht mehr arbeiten können. Um diesen Menschen „ein Gesicht zu geben“, hatten Viktoria und ihr Ehemann Stephan Rosenmüller die Initiative um eine lokale Fotoaktion erweitert.

„Kulturgesichter“ nennt sich der Ableger von „ohne uns wird’s still“, den Rosenmüller um Dortmund ergänzt hat, mit der Vorwahl der Stadt, also für Dortmund: „Kulturgesichter0231“.

Im Stil von Mugshots, also Polizeiaufnahmen, wie man sie aus den USA kennt, wurden Menschen abgelichtet, die selbst in der Veranstaltungsbranche arbeiteten, und an dieser Arbeit seit einigen Monaten gehindert sind. Als Fotolocation diente am Montag (12.10.) die Bühne des FZW.

Eva Schmidtram (26), Plakatiererin

Eva Schmidtram geht beruflich einer kreativen Tätigkeit nach; sie gestaltet Plakate für Veranstaltungen. Die Dortmunderin hat sich dabei vor allem auf Plakate für FZW-Veranstaltungen spezialisiert.

Aufmerksam wurde sie auf die „Kulturgesichter“-Aktion durch ihren Chef. Sie erfährt die Corona-Pandemie momentan am eigenen Leib. „Bis zum Januar war ich quasi ständig ausgebucht, habe pro Woche mindestens zwei Plakate gestaltet und mit etlichen Menschen aus der Kulturszene beruflich zu tun gehabt“, so Schmidtram. Seit Beginn der Pandemie im Februar seien es genau zwei Plakate gewesen; nicht pro Woche, sondern insgesamt.

Eva Schmidtram (26) ist Plakaterin aus Dortmund. Durch die Fotoaktion sollen laut Schmidtram die Menschen ein Auge dafür bekommen, wer bei einer Veranstaltung alles hinter der Bühne mitwirkt.

Eva Schmidtram (26) ist Plakaterin aus Dortmund. Durch die Fotoaktion sollen laut Schmidtram die Menschen ein Auge dafür bekommen, wer bei einer Veranstaltung alles hinter der Bühne mitwirkt. © Daniel Reiners

Stefan Mörken (37), DJ

Stefan Mörken aus Dortmund legt seit 14 Jahren in der Stadt als DJ Platten auf. Via Instagram war er auf die Fotoaktion aufmerksam geworden. Er hofft, mit ihr der tragischen Situation mehr Gehör zu verschaffen.

Zu seinen Standart-Locations gehörten bis Januar etwa das FZW oder der Club Silent Sinners - beispielsweise für die Veranstaltungsreihe „The Beat“. Im Silent Sinners legte er außerdem bis Januar jeden Donnerstag auf.

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Seit Februar gab es kaum mehr einen Auftritt, und das nagt auch finanziell an ihm. „Natürlich fehlt einem das Auflegen nach 14 Jahren Routine, aber vor allem auch finanziell plagt einen diese ganze momentane Ungewissheit.“

Dino Hulsbergen (44) ist sit 18 Jahren als Roadie für nationale und internationale Bands tätig. Er befürwortet die Fotoaktion, wenngleich er zweifelt, ob sie etwas bewegen könne.

Dino Hulsbergen (44) ist sit 18 Jahren als Roadie für nationale und internationale Bands tätig. Er befürwortet die Fotoaktion, wenngleich er zweifelt, ob sie etwas bewegen könne. © Daniel Reiners

Dino Hulsberger (44), Roadie

Dino Hulsberger ist Roadie für Die Fantastischen Vier, die Band BAB, und war auch schon für den Filmkomponisten Hans Zimmer mit auf Tour. Der gelernte Zahntechniker ist seinem Ausbildungsberuf schon seit 18 Jahren nicht mehr nachgegangen.

Stattdessen hat sich der Dortmunder in der Kulturlandschaft langsam nach oben gearbeitet, nämlich als „mitreisender Veranstaltungstechniker bei Konzerten und Tourneen durch Deutschland und Europa“, wie er sagt.

„Anfang des Jahres ging es dann für mich von 100 auf 0“, so Hulsberger. Mit einem Schlag seien dem 44-jährigen alle Engagements weggebrochen. Was dann folgte, war Homeschooling für seinen Sohn. Und er hat seinen ursprünglich gelernten Beruf wieder aufgenommen, womit er niemals gerechnet habe.

Dino Hulsberger (44) ist seit über einem Jahrzehnt als Roadie unterwegs. Er befürwortet die Fotoaktion, wenngleich er skeptisch ist, ob sie etwas bewegen kann.

Dino Hulsberger (44) ist seit über einem Jahrzehnt als Roadie unterwegs. Er befürwortet die Fotoaktion, wenngleich er skeptisch ist, ob sie etwas bewegen kann. © Daniel Reiners

Jochen Meschke, Geschäftsführer Westfalenhallen Unternehmensgruppe GmbH

Jochen Meschke hat als Geschäftsführer der Dortmunder Westfalenhallen so eine Zeit noch nicht erlebt. „Natürlich gab es schon schlimme Ereignisse innerhalb der Veranstaltungsbranche. Man erinnere sich etwa an die Katastrophe der Love Parade im Jahr 2010. Aber da ging es natürlich um Menschenleben und nicht um den Entzug von Kultur“, so Meschke.

Was aktuell geschehe, sei allerdings mit vergangenen Katastrophen für die Veranstaltungsbranche nicht vergleichbar, der totale Entzug.

Jochen Meschke hat in seiner Zeit als Geschäftsführer der Dortmunder Westfalenhallen nach eigenen Aussagen eine Zeit wie diese noch nicht erlebt. Er möchte mit der Aktion Gesicht zeigen, sich solidarisch zeigen.

Jochen Meschke hat in seiner Zeit als Geschäftsführer der Dortmunder Westfalenhallen nach eigenen Aussagen eine Zeit wie diese noch nicht erlebt. Er möchte mit der Aktion Gesicht zeigen, sich solidarisch zeigen. © Daniel Reiners

Er fühle sich wie ein Süchtiger, der seinen Stoff nicht mehr bekäme. Das Schlimmste sei für ihn, die Westfalenhalle zu betreten, und darin das zu vermissen, was vorher noch nie zu vermissen gewesen sei: den Geruch von Menschen, den Geruch, als hätte hier jemand die Sau rausgelassen. Aktuell sei davon nichts mehr zu riechen, alles sei klinisch rein.

„Ich bin optimistisch, dass es einen Tag X geben wird, an dem alles wieder sein wird wie vorher, inklusive Live-Entertainment“, so Meschke. Bis dahin sei die Atmosphäre eines sich aneinanderschmiegenden Publikums, von der natürlich auch der Künstler selbst lebe, aber durch nichts zu ersetzen.

Bis zum Tag X wolle er Solidarität mit seinen Kollegen aus der Veranstaltungsbranche zeigen, so auch mit seiner Teilnahme an der Fotoaktion.

Die Ergebnisse der Aktion "Kulturgesichter0231", die zur Initiative "ohne uns ist’s still" gehört, sind zu finden auf der Website www.kulturgesichter0231.de sowie auf Instagram unter https://bit.ly/3lBnRnW.
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