Freitagmorgen im Lagerverkauf: Handel zwischen Dortmund, Quakenbrück und China

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Scheidings Lagerverkauf ist bekannt in halb NRW. In Zeiten der Corona-Krise haben sich Geschäftsmodell und -abläufe komplett verändert. Bei allem Stress ist Platz für eine soziale Aktion.

Oestrich

, 20.03.2020, 17:52 Uhr / Lesedauer: 2 min

Hunderte Osterhasen stehen weitgehend missachtet in Regalkörben. Kunden kaufen haltbare Trockenwaren. Normalerweise ist es in Scheidings Lagerverkauf am Freitagmittag voll.

In diesen Tagen ist hier in vielerlei Hinsicht alles anders.

Jetzt dürfen nur maximal 20 Menschen gleichzeitig in die Halle in Oestrich. Und sie halten Abstand, schützen sich. Rot-weißes Klebeband auf dem Boden markiert Distanz-Zonen. Die Kassiererinnen tragen Schutzmasken und Handschuhe. Gesundheitsschutz geht hier in vielerlei Hinsicht vor.

Schutz für Mitarbeiter und Kunden

Zwei seiner vier Märkte hat Christoph Scheidung vorübergehend geschlossen und damit die Risikogruppe seiner älteren Mitarbeiter aus dem Kundenkontakt genommen. Nur die Lagerverkäufe in Recklinghausen-Süd und eben hier in Oestrich öffnen.

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„Wir haben Teams gebildet, die miteinander nicht in Kontakt treten“, erklärt der Händler, „falls wir einen Corona-Fall haben“. Das betrifft die Kassiererinnen ebenso wie Fahrer und auch das Büro.

In der Mittagszeit schließt Scheidings Lagerverkauf für eine halbe Stunde. Dann wird die komplette Halle mit Sprühgeräten desinfiziert.

In der Mittagszeit schließt der Lagerverkauf für eine halbe Stunde. Dann wird die komplette Halle mit Sprühgeräten desinfiziert. © Uwe von Schirp

Dort duftet es nach Kaffee. Christoph Scheiding schaut auf sein Smartphone. „Moment. China. Ich muss eben zurückrufen.“ Er verhandelt über den Ankauf von Atemschutzmasken, über deren Qualität und den Preis, erwartet in Kürze ein schriftliches Angebot.

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„Das Geschäft hat sich komplett verändert“, sagt er nach Ende des Telefonats. „Lebensmittel sind nur noch Hobby.“ Damit meint er den Verkauf an die Endverbraucher in den Lagerhallen: Lebensmittel, Hygieneprodukte und Snacks. „Wer zuhause Netflix schaut, gönnt sich dazu eine Tüte Chips.“ Der Lebensmittelhändler lacht.

Bundesministerium ordert bei Scheiding

Christoph Scheiding ist gut vernetzt. Ihn erreichen seit Wochen Anfragen von Unternehmen und Behörden. Für ein Bundesministerium organisiert er gerade 100.000 Atemschutzmasken. Donnerstag sollen sie per Luftfracht in Düsseldorf landen.

„Im Vergleich haben wir Glück“, sagt er, „dass wir beim Geschäft mit Schutzkleidung vorne dabei und preislich auch für Bundesbehörden attraktiv sind.“ Der Kaufmann handelt nicht nur, er stellt auch bloße Kontakte her. „Am Donnerstag haben wir von einem Schnapshersteller 6000 Liter Ethanol zur Herstellung von Desinfektionsmittel an Apotheken vermittelt.“

Janine Brenken und Alexander Malovic organisieren mit ihrem Chef den weltweiten Handel.

Janine Brenken und Alexander Malovic organisieren mit ihrem Chef den weltweiten Handel. © Uwe von Schirp

Janine Brenken unterbricht das Gespräch. Desinfektionsmittel sollen abgeholt werden. Ein befreundeter Händler musste seinen Lagerverkauf schließen. 3000 Flaschen Desinfektionsmittel übernimmt Scheiding.

Er greift zum Smartphone, ruft einen Fahrer an. „Du nimmst bitte den Bus und holst die zwei Paletten aus Quakenbrück ab.“ Abnehmer ist eine medizinische Einrichtung. Alles geht schnell und pragmatisch. Der Chef gibt eine kurze Anweisung über den Verkaufspreis.

Derzeit keine Preis-Werbung auf Facebook

Nebenan in der Verkaufshalle stehen ebenfalls Flaschen mit Händedesinfektion. Anders als noch vor zweieinhalb Wochen kann er mittlerweile auch höherwertige Ware im Kampf gegen das Virus anbieten. „Hier sind jetzt 96 Prozent Ethanol drin“, sagt Scheiding. Nach Empfehlungen der Weltgesundheits-Organisation sind Lösungen ab einem Ethanol-Gehalt von 62 Prozent wirksam.

Nachgefragt sind Schutzhandschuhe und Desinfektionsmittel. Die gibt es jetzt auch mit ausreichendem Anteil an Ethanol.

Nachgefragt sind Schutzhandschuhe und Desinfektionsmittel. Die gibt es jetzt auch mit ausreichendem Anteil an Ethanol. © Uwe von Schirp

Facebook ist der wichtigste Kommunikationskanal des Lagerverkaufs. Fast 73.000 Menschen haben die Seite abonniert. Preise nennt Christoph Scheiding hier derzeit nicht. Manche Kunden stört das. Aber der Händler will damit Anstürme und Hamsterkäufe verhindern.

An der Kasse bittet Scheidings Lagerverkauf um Spenden für den Verein Hand in Hand für Menschen.

In Krisenzeiten hat das Unternehmen die Wohnungslosen im Blick. "Dortmund be strong", heißt die Aktion. An der Kasse bittet Scheidings Lagerverkauf um Spenden für den Verein Hand in Hand für Menschen. © Uwe von Schirp

Ganz oben auf der Facebook-Seite steht seit Donnerstag ein Post, der eine Aktion bewirbt: „Dortmund be strong“ – Dortmund sei stark. Scheiding denkt dabei an die Obdachlosen und bittet um Spenden für den Verein „Hand in Hand für Menschen“. An der Kasse liegen Aufkleber mit Stadtsilhouette und Motto, daneben steht eine Spendendose.

13 Uhr: Eine Mitarbeiterin sperrt den Eingang für 30 Minuten. Der Lagerverkauf wird komplett desinfiziert.

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