Freut euch über lautes Tatütata – vor allem nachts

hzKlare Kante

In Dortmund gibt es Beschwerden über Martinshörner, andernorts in NRW wird sogar richtig gepöbelt. Ekelhafter geht es kaum. Kann man solche Menschen eigentlich aus der Stadt werfen?

Dortmund

, 29.07.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Man muss es zwei Mal lesen, um es zu glauben: In Mettmann, eine knappe Autostunde entfernt, drohen Anwohner der Feuerwehr mit Anzeigen wegen Körperverletzung. Denn die Retter haben es gewagt, das Martinshorn einzuschalten, wenn sie nachts zum Einsatz ausrücken. Die Mailschreiber bezeichnen die Wehrleute als „Wilde“, geben an, sogar schon hinter der Feuerwehr hergefahren zu sein, um den nutzlosen Martinshorn-Einsatz zu dokumentieren. Auch in Dortmund gibt es solche Beschwerden, berichtet Feuerwehrsprecher André Lüddecke. Zwar sei das Ausmaß geringer – aber Lärmempfindlichkeit gegenüber Martinshörnern durchaus vorhanden. Liebe Dortmunder: Geht’s noch?

Abgesehen davon, dass das Mettmanner Gekeife nur davon zeugt, wie krank diese Hirnis wirklich sind (sie bezeichnen sich selbst als „die kranken Anwohner“, beziehen das aber mutmaßlich eher auf den krankmachenden Lärm): Die wutbürgerliche Großkotzerei von Strafanzeigen entbehrt jeglicher Grundlage. Denn der Martinshorn-Einsatz ist gesetzlich vorgeschrieben. Die Lautstärke auch.

Dass die verbalen Ausfälle in Dortmund (bisher) weniger deutlich ausfallen, mag trösten. Dennoch: Es ist ein Skandal, dass sich Feuerwehr und Retter überhaupt mit solchen Beschwerden auseinandersetzen müssen. Zumal Dortmund eine Großstadt ist.

Wer in die Stadt zieht oder hier bleibt, dem muss klar sein: Lärm gehört dazu. Ihn zu ertragen ist der Preis, den man für die Vorzüge eines urbanen Lebens zahlt. Ein reichhaltiges Freizeit- und Kulturangebot (kann übrigens auch Lärm machen, siehe Juicy Beats, BVB-Spiel oder Festi Ramazan (jaaaa-haaa, auch das gehört dazu!), vielfältige Gastronomie (macht auch Lärm, im Sommer draußen, im Winter Rauchertrauben vor Kneipen), einen gut ausgebauten ÖPNV (Schienenlärm und Busmotoren), all das ist mit Geräuschen verbunden. Wie auch die Tatsache, dass in vielen Gegenden recht viele Menschen auf recht wenig Raum leben (in innerstädischen Vierteln wohnen sie sogar übereinander, hört man. Stichwort Stöckelschuhe auf Parkett...).

Ein ekelhafter Eiterpickel

Die Beschwerden in Dortmund und die Vorgänge in Mettmann sind ein Symptom. Ein weiterer hässlicher Eiterpickel, an dem man die Krankheit erkennt, die vor allem Großstädte zunehmend zerfrisst: Der asoziale Egoismus gegenüber Rettungskräften breitet sich aus. Davon zeugen die sich häufenden Berichte über Gewalt, denen Sanitäter oder Feuerwehrleute im Dienst ausgesetzt sind. Übrigens auch in Dortmund.

So berichtet im Mai ein Sanitäter im Gespräch mit unserer Redaktion von drei körperlichen Attacken, die er binnen weniger Monate im Dienst aushalten musste. Eine so heftig, dass er ins Krankenhaus kam. Von einem 17-Jährigen erzählt er. Der habe, völlig zugedröhnt, die Sanitäter erst bepöbelt und ihnen dann in absichtlich in den Wagen gekotzt. Und der dann sagt, die Reinigung „wird doch bezahlt“.

Wird doch bezahlt – dieses Argument könnte glatt aus der anonymen Mail der Mettmanner Kleinhirne stammen. Oder aus einer Beschwerde an die Dortmunder Feuerwehr. Eigentlich wundert man sich fast, dass in der Hasstirade (nachzulesen übrigens auf Facebook) nicht irgendwann noch der Satz kommt: „Schließlich werdet ihr von unseren Steuergeldern bezahlt.“ Würde perfekt passen. So unter dem Motto: Ich bezahle die Musik, also bestimme ich auch, wann sie wie laut sein darf.

Im Ernst: Wie kann man auf die Idee kommen, Martinshörner als Lärmbelästigung zu empfinden? Man sollte sich über jedes Martinshorn freuen - vor allem nachts. Denn wenn Feuerwehr oder Retter mit Tatütata zum Einsatz ausrücken, mit weit mehr als den erlaubten 50 Sachen über die Kreuzungen fliegen, dann bedeutet das nichts anderes als: Unsere Stadt funktioniert. Egal, was passiert: Es ist jemand unterwegs, um zu helfen. Und zwar schnell. So schnell es geht. Egal wann. Rund um die Uhr. Auch dann, wenn andere schlafen.

Der Klang des Martinshorns in der Nacht singt ein Lied. Es hat nur eine Strophe, und die kann man gar nicht oft genug wiederholen. Inhalt: Leg dich wieder hin, lieber Dortmunder. Auch, wenn du jetzt gerade aus dem Schlaf geschreckt bist: Es ist alles okay. Jemand kümmert sich. Dir kann nichts passieren.

Das sollte sich jeder durch den Kopf gehen lassen, bevor er das nächste Mal die auf Facebook, per Mail oder verbal die Feuerwehr anpöbelt.

Das Tatütata, die Menschen, die Freizeitangebote: Diese Geräusche ergeben zusammen den Klang der Großstadt. Sind Teil der Identität aller Menschen, die sich für ein urbanes Leben entscheiden. Teil eines Gefühls, dem der deutsche Autor und Regisseur Walter Ruttmann bereits 1927 ein Denkmal gesetzt hat mit seinem Film „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“. Übrigens ein Stummfilm, für den der Komponist Edmund Meisel eigens eine Begleitmusik komponierte, die die Geräusche der Stadt wiedergeben sollte. Kann man also durchaus auch durch eine romantisierende Brille betrachten. Alles eine Frage der Einstellung....

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