Gerichtsvollzieher in Dortmund: „Die Leute wehren sich nicht, wenn sie nichts haben“

hzEinsatz in der Nordstadt

Wer einen Termin mit Jörg Herrfurth hat, weiß schon, dass er schlechte Nachrichten bringt. Der Gerichtsvollzieher sagt: „Bei einigen gehöre ich fast zur Familie.“ Ein Einsatz in der Nordstadt.

Dortmund, Nordstadt

, 15.03.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn Jörg Herrfurth zur Arbeit fährt, weiß er nie so ganz genau, was ihn erwartet. Er klingelt an Türen, weil er verdammt schlechte Nachrichten für die Menschen dahinter hat. Manchmal lässt er diese Türen auch aufbrechen. Jörg Herrfurth arbeitet als Gerichtsvollzieher in der Dortmunder Nordstadt.

Der 51-Jährige beginnt seinen Arbeitstag am Amtsgericht nahe dem Ostentor. In einem kleinen Büro befindet sich ein Regal mit mehr als 40 Fächern. Eines für jeden Bezirk in Dortmund. Herrfurths Revier erstreckt sich zwischen Schützen- und Bornstraße, Mallinckrodt- und Lortzingstraße.

Am Ende übergibt ihm die Frau ihren Wohnungsschlüssel

Bei seinem ersten Termin an diesem Vormittag handelt es sich um eine sogenannte Außerbesitzsetzung: „Nach einem gerichtlichen Vergleich ist die Frau verpflichtet, die Wohnung freizugeben“, sagt Herrfurth nach einem Blick in die Akte.

Monatelang zahlte sie keine Miete, jetzt muss sie raus. Vor einigen Wochen ist ihr der Termin mitgeteilt worden. Am Ende des Treffens soll sie Jörg Herrfurth ihre Wohnungsschlüssel übergeben.

Mit dem Besuch des Gerichtsvollziehers ist die betroffene Frau wohnungslos geworden.

Mit dem Besuch des Gerichtsvollziehers ist die betroffene Frau wohnungslos geworden. © Kevin Kindel

Vor der Tür des Mehrfamilienhauses warten zwei Vertreter des Hausbesitzers, ein Sozialamts-Mitarbeiter und ein Schlüsseldienst, der hier aber nicht gebraucht wird. Die Schuldnerin öffnet bereitwillig die Wohnung. Einige gefüllte Umzugskisten sind an einer Wand gestapelt, das Bett und der Fernseher stehen noch an ihren Plätzen. Auf der Matratze steht eine Tasche, in der sich eine Katze bewegt.

In diesem Moment wird sie wohnungslos

Die Mieterin ist vorbereitet, aber merklich aufgeregt. Schließlich wird sie in diesem Moment wohnungslos. Der Mann vom Sozialamt fragt, ob sie eine neue Bleibe habe und gibt ihr sicherheitshalber die Kontaktdaten der Frauenschlafstelle in Hörde. Eine Freundin werde sie abholen, sagt die Dortmunderin.

Die Frau hat offenbar das Bedürfnis, sich irgendwie zu rechtfertigen. Die Waschmaschine sei fast neu, die habe sie im vergangenen Jahr gekauft, als sie noch einen Job hatte, sagt sie. Mit dem Vermieter soll sie einen Termin in den nächsten vier Wochen vereinbaren, um ihre Sachen aus der Wohnung zu schaffen, erklärt Herrfurth. Die Schlüssel muss sie aber abgeben. Jetzt sofort.

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Jörg Herrfurth spricht freundlich und ruhig mit der Schuldnerin, lässt sich aber auf keine Diskussion ein. Damit es schneller geht, packt er selbst beim Auszug an. Einen Koffer und das Katzenklo trägt der Gerichtsvollzieher die Treppen hinunter und stellt sie vor die Haustür. Wie nah ihm so ein Schicksal geht? „Ich habe ein Urteil zu vollstrecken“, sagt er. Die Frau wartet auf der Straße auf ihre Freundin, Herrfurth fährt weg.

Im Auto erzählt der 51-Jährige: „Die kannte ich schon aus einem vorherigen Verfahren. Bei einigen gehöre ich schon fast zur Familie.“ In der Regel sei der Ton so freundlich wie gerade eben. Nur ganz selten habe er in 20 Jahren Tätigkeit die Polizei hinzurufen müssen.

Einmal machte einer splitterfasernackt die Tür auf

Einmal sei er von einem Mieter geschubst worden, der habe sich dann einen Besenstiel als Waffe zur Bedrohung gegriffen. Bei einem anderen Einsatz machte ein Schuldner splitterfasernackt die Tür auf. Wirklich gefährliche Situationen habe er in dem Job aber noch nie erlebt, meint Herrfurth.

„Es kommt schon mal vor, dass ich die Leute aus dem Bett hole“, sagt Herrfurth: „Aber sehr oft sind die Wohnungen verlassen.“ Kurz vor dem Termin würden die Zimmer leergeräumt. So auch beim zweiten Programmpunkt an diesem Montag.

Im Keller dieses Nordstadt-Hauses ist ein Stromzähler ausgebaut worden.

Im Keller dieses Nordstadt-Hauses wird ein Stromzähler ausgebaut. © Kevin Kindel

An der Schubertstraße klingelt der Gerichtsvollzieher erst ein paar Mal, dann klopft er laut an die Wohnungstür. Nichts regt sich, Uwe Schemberg vom Schlüsseldienst kommt zum Einsatz. Er öffnet die Tür, baut direkt einen neuen Schließzylinder ein und gibt Jörg Herrfurth die neuen Schlüssel.

In der Wohnung sieht man ein paar alte Schränke, außerdem ein kaputtes Fahrrad, einen Wasserkocher und jede Menge Staub. Jörg Herrfurth macht schnell ein paar Beweisfotos, dann ist der Termin für ihn abgehakt.

Fetteste Karren, bezahlt wird aber nichts

Ein anderer Einsatz wartet an der Mozartstraße. Die Hausverwaltung und DEW21 vermissen Geld aus Stromrechnungen, also wird jetzt der betroffenen Wohnung der Strom abgestellt. Die Kellertür ist abgeschlossen, ein Mieter aus dem Erdgeschoss öffnet die Tür und sagt: „Schlüssel haben wir dafür nicht. Das kannst du alles vergessen hier. Die Besitzer fahren die fettesten Karren, aber zahlen hier nichts.“

Uwe Schemberg holt wieder sein Werkzeug raus und tauscht das Schloss innerhalb von ein paar Sekunden aus. Jörg Herrfurth macht wieder Fotos, auch um zu beweisen, dass der Einsatztrupp außer dem Stromzähler nichts aus dem Keller mitgenommen hat.

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Der 51-Jährige wird auf der Straße gegrüßt und geduzt, obwohl er seit 20 Jahren nicht mehr in Dortmund wohnt. „Ich komme mit den Menschen hier ganz gut zurecht“, sagt er. Ob seine Arbeit in der Nordstadt anders ist als die der Kollegen im Süden? „Die Leute wehren sich nicht, wenn sie nichts haben, was sie verteidigen müssen“, sagt Herrfurth: „Aber wo ich ihnen helfen kann, tu ich das.“

Mit Gläubigern habe er schon Diskussionen gehabt, weil sich der Gerichtsvollzieher mit weniger Zahlung zufriedengab als vereinbart. Das Unternehmen habe betont, „Herr des Verfahrens“ zu sein. Jörg Herrfurth hielt dagegen: „Das heißt ja nicht, dass ich der Knecht des Verfahrens sein muss.“

Es war übrigens reiner Zufall, dass wir in dem Nordstadt-Bezirk und nicht an anderer Stelle in Dortmund unterwegs waren. Jörg Herrfurth war der erste Gerichtsvollzieher, der sich für die Reportage bereit erklärt hat.
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