Jedes Frühjahr spielen sich in Wald und Flur Dramen ab. Schäfer, Landwirte und Jäger klagen, welche Störungen freilaufende Hunde für ihre Betriebe haben können. Auch die Vogelbrut ist gefährdet.

Dortmund

, 10.05.2020, 14:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Gerhard Naujoks, Jäger und Landschaftswächter im Auftrag des Umweltamtes, hat es mit der Methode Abschreckung versucht. Er sorgte dafür, dass ein gerissenes, totes Rehkitz eine Parkbank in Wickede besetzt hielt – zur Mahnung an die Hundehalter. Daneben auf einem gelben Zettel der Appell: „Bitte lassen Sie Ihre lieben Vierbeiner nicht in die Felder und auf die Wiesen laufen.“

Das war vor vier Jahren. Doch immer wieder muss Naujoks Hundehalter darauf hinweisen, dass sie ihre Hunde anleinen sollen. Manche Hundehalter seien einsichtig, sagt er, doch viele wollten einfach nicht verstehen, dass Hunde gerade in den Setz-, Brut- und Aufzuchtzeiten zwischen März und Juli eine Gefahr für Wildtiere sind. „Nur die wenigsten sind einsichtig. Viele lassen ihre Hunde besonders gern an Hecken entlanglaufen und richtig suchen“, weiß der Landschaftswächter.

Hetzen bis zum Tod

Wenn Hunde dabei Sichtkontakt oder eine Geruchsfährte eines Wildes aufnehmen, ist die Gefahr groß, dass sie es hetzen. Im Extremfall bis zum Tod. Wie dieser Tage einen gerissenen Jungfuchs auf einem Acker in Wickede. „Der lebte noch.“ Naujoks musste ihn erlösen.

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„Wenn dann noch zwei Hunde zusammen jagen, hat das Wild keine Chance“, sagt er. Uneinsichtige Hundehalter weist er darauf hin, dass das Stöbern und Hetzen von Wildtieren in Feld und Flur ein Straftatbestand ist. Auch das mutwillige Beunruhigen von Wildtieren, etwa durch Apportieren von Stöckchen aus dem Unterholz ist untersagt – und das zu allen Jahreszeiten und für alle Wildtiere.

Damit ist die Gefahr für Menschen noch nicht erwähnt. „Die Hunde hetzen das Wild, das läuft auf die Straße – und der Autofahrer hat die Läufe im Gesicht“, sagt Naujoks, „und ist tot.“

Dortmund – ein Hunde-Eldorado

Dortmunder Landschaftswächter berichteten zunehmend von Vorfällen mit unangeleinten Hunden in der freien Landschaft, bestätigt Thomas Quittek, Sprecher der Dortmunder Kreisgruppe des Bundes für Naturschutz Deutschland (BUND). „Mittlerweile hört man, dass Dortmund ein „Hunde-Eldorado“ für Hundehalter aus umliegenden Städten wie Bochum sei, in denen eine strenge Anleinpflicht für Hunde insbesondere in Naturschutzgebieten gilt“, so Quittek.

In Dortmund selbst sind aktuell 27.689 Hunde gemeldet (Stand 4.5.), das sind fast 100 pro Quadratkilometer und fast fünf Hunde pro 100 Einwohner. Die Stadt kassiert dafür rund 4,3 Millionen Euro Hundesteuer. Allerdings gilt die als Vergnügungssteuer und ist kein Freibrief für Hundehalter, ihre Tiere ohne Leine auf Privatflächen in Wald und Flur laufen zu lassen.

Hund ohne Bremse

Nutzer wie Schäfer, Landwirte und Jäger können ein Lied davon singen, welche Störungen freilaufende Hunde für ihre Betriebe haben können. Wie Ute Rudack aus Kurl, die mit ihrem Mann eine Wanderschäferei zur Landschaftspflege unter anderem im Auftrag der Stadt betreibt.

Immer wieder muss sie Hundehalter auffordern, ihre Tiere in der Nähe von Schafen und anderen Weidetieren anzuleinen und in unübersichtlichem Gelände bei sich zu halten.

„Denn was hinter der Kurve, Kuppe oder Hecke ist, kann man nicht wissen. Das ist wie im Straßenverkehr, nur das Auto hat eine Bremse, der jagende Hund meist nicht mehr“, sagt sie. Immer mal wieder mussten sie und ihr Mann tot gehetzte oder tot gebissene Schafe und Lämmer von der Weide holen.

Ute Rudack mit ihrer Schafherde.

Ute Rudack mit ihrer Schafherde. Immer wieder muss sie Hundehalter auffordern, ihre Tiere in der Nähe von Schafen und anderen Weidetieren anzuleinen. © Rudack

Eine artgerechte Haltung von Tieren, wie sie die meisten Menschen fordern, finde draußen statt, sagt sie. „Die kann aber nur gewährleistet sein, wenn auch der Verbraucher verantwortungsvoll mitmacht. Ansonsten ist eine ökologische Landschaftspflege durch Schafe, oder auch die Nutztierhaltung

außerhalb von Ställen, artgerecht und gesund, bald nicht mehr möglich.“

Dann könne man aber nicht die Landwirte dafür verantwortlich machen, „wenn alles hinter Toren weggesperrt werden muss“.

Keine Kontrollen

In das gleiche Horn stößt der Brackeler Landwirt Kai Schmiemann, Vorsitzender des landwirtschaftlichen Ortsvereins Dortmund-Ost. Freilaufende Hunde auf Feldfluren seien „ein riesengroßes Problem“, um das sich politisch niemand kümmere und das niemand kontrolliere.

Für Schafe ist jeder Hund ein Wolf - mit Ausnahme der Herdenhunde wie hier in der Herde von Rudacks.

Für Schafe ist jeder Hund ein Wolf - mit Ausnahme der Herdenhunde wie hier in der Herde von Rudacks. Den Hütehund kennen sie. Bei anderen Hunden geraten sie in Panik. © Rudack

Die Landwirte gäben sich sehr viel Mühe, legten Blühstreifen an und räumten dem Wild Rückzugsräume ein. Er, der selbst zwei Hunde hat, bezweifelt, „ob den Leuten das bewusst ist“. Nicht nur dass Pflanzen zerstört und Wildtiere gestört werden, der Hundekot verunreinige auch das Weidegras als Futter und das Getreide, schimpft Bauer Schmiemann: „Die Leute wollen saubere Brötchen zu günstigen Preisen, aber hinterlassen die Hundescheiße auf dem Acker. Es gibt sogar Leute, die sammeln den Kot zwar in einer Tüte ein, werfen die Tüte dann aber aufs Feld.“

Überträger von Salamanderpest

Er versuche es immer im guten Ton, sagt Schmiemann, aber angesichts der herrschenden Ignoranz sei das schwierig. „Ich zahle Hundesteuer, ich darf das“, bekomme er dann zu hören. Da fällt ihm nur eines ein: „Dann sollen die Leute doch auf den Fußballplatz gehen.“

Auf eine besonders aktuelle Gefahr weisen die Amphibienschützer von der Agard hin: Die sogenannte Salamanderpest wird unter anderem durch freilaufende Hunde übertragen und gefährdet den seltenen Feuersalamander.

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Nach dem Landesforstgesetz NRW dürfen Hunde zwar in den Wäldern ohne Leine laufen, wenn sie die Wege nicht verlassen – doch wildern sie, kann ein Jagdaufseher sie nach dem Landesjagdgesetz erschießen. Das will keiner. Rücksichtnahme ist die bessere Lösung, appellieren die Betroffenen.

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